„Die For­mel 1 ist ex­trem“

Mo­tor­sport Der Sai­son­start ver­lief für Se­bas­ti­an Vet­tel ent­täu­schend. Der 31-jäh­ri­ge Ex-Welt­meis­ter spricht im In­ter­view über sei­ne neue Ge­las­sen­heit und war­um er in­zwi­schen Schnurr­bart trägt

Wertinger Zeitung - - Sport - In­ter­view: Karin Sturm

Täuscht der Ein­druck oder sind Sie in die­sem Jahr wie­der deut­lich ent­spann­ter als zu­letzt? Selbst nach der Ent­täu­schung von Mel­bourne wirk­ten Sie nicht ex­trem nie­der­ge­schla­gen – so, als wüss­ten Sie, dass Sie die­ses Jahr ein Au­to ha­ben, mit dem Sie um den Ti­tel kämp­fen kön­nen.

Se­bas­ti­an Vet­tel: Wir ha­ben ja erst ein Ren­nen hin­ter uns. Das Au­to fühl­te sich beim Tes­ten in Bar­ce­lo­na wirk­lich sehr gut an, aber in Aus­tra­li­en ha­be ich die­ses Ge­fühl nie ge­habt. Auch wenn der vier­te Platz si­cher nicht das war, was wir uns vor­ge­stellt hat­ten, ha­be ich mir noch kei­ne zu gro­ßen Sor­gen ge­macht.

Von ih­rem Schnurr­bart ha­ben Sie vor­hin ein biss­chen im Spaß ge­sagt, er sei ei­ne Hom­mage an Ni­gel Man­sell. Was steckt denn wirk­lich da­hin­ter – in Aus­tra­li­en war es an­fangs ja so­gar noch ein Voll­bart.

Vet­tel: Ja, aber der hat ir­gend­wann zu sehr ge­juckt. Dann ha­be ich ihn ab­ge­macht und nur den Schnurr­bart ge­las­sen – so wie ich ihn letz­tes Jahr bei der FIA-Ga­la hat­te. Ei­gent­lich nur noch für ei­nen Abend – aber dann ist er doch ge­blie­ben. Vor kur­zem ha­be ich mir al­te Fo­tos von mei­nem Va­ter an­ge­schaut. Der hat­te im­mer ei­nen Schnurr­bart. Da­mals dach­te ich, das will ich nie.

Die letz­te Sai­son war ja nicht ein­fach für Sie, da gab es Miss­er­fol­ge, auch ein paar Feh­ler, viel Kri­tik. Ha­ben Sie über den Win­ter et­was Be­son­de­res ge­macht, um da­mit um­zu­ge­hen? Es gibt ein Ge­rücht, Sie hät­ten mit ei­nem Psy­cho­lo­gen ge­ar­bei­tet.

Vet­tel: Ich glau­be, man muss kein Ge­nie sein, um zu wis­sen, dass die gan­ze At­mo­sphä­re im Team letz­tes Jahr zeit­wei­se ziem­lich an­ge­spannt war. Bis zur Som­mer­pau­se war noch al­les okay, aber dann da­nach, spe­zi­ell mit Mon­za be­gan­nen die Pro­ble­me. Das war ein schlim­mes Ren­nen, da hät­ten wir viel mehr her­aus­ho­len kön­nen. Da­nach ha­ben wir auch in der Ent­wick­lung des Au­tos die Rich­tung ver­lo­ren und zu lan­ge ge­braucht, bis wir wie­der auf den rich­ti­gen Weg ge­kom­men sind. Da­mit sind auch die Span­nun­gen an­ge­stie­gen, und es war für al­le, auch für mich, kein so er­freu­li­ches Ar­bei­ten wie es viel­leicht sein soll­te. Und dann kommt auch noch da­zu, dass heu­te im­mer nur der Ers­te zählt.

In der For­mel 1 wie über­all an­ders auch, oder?

Vet­tel: Ja. Die For­mel 1 ist in die­ser Be­zie­hung eben ganz ex­trem. Na­tür­lich will ich ge­win­nen, zu­sam­men mit die­sem Team. Aber es kann eben nur ei­ner ge­win­nen. Und Le­wis und Mer­ce­des ha­ben uns letz­tes Jahr fair ge­schla­gen, und wir sind Zwei­ter ge­wor­den. Wir ha­ben ver­lo­ren, das stimmt, aber wir wa­ren ja trotz­dem nicht ex­trem schlecht. Aber wir ha­ben uns auch selbst so be­han­delt, als wä­ren wir das ge­we­sen. Viel­leicht ver­su­che ich jetzt, das ein biss­chen an­ders an­zu­ge­hen.

Wel­che Rol­le spielt Mat­tia Bi­not­to als neu­er Te­am­chef da­bei?

Vet­tel: Ich glau­be, es wä­re nicht fair, da Ver­glei­che an­zu­stel­len. Mat­tia ist ganz an­ders als Mau­ri­zio Ar­riv­a­be­ne. Dass die bei­den nicht das bes­te Ver­hält­nis hat­ten, ist ja auch kein Ge­heim­nis. Mat­tia ist im Team sehr gut be­kannt und ver­netzt, er ist schon sehr lan­ge bei Fer­ra­ri, war schon in den ver­schie­dens­ten Ab­tei­lun­gen, kennt die Leu­te. Auch da muss man ab­war­ten. Er ist noch re­la­tiv neu in sei­ner neu­en Rol­le, aber er hat das vol­le Ver­trau­en des Teams – und bis jetzt macht er das sehr gut.

Noch mal zu­rück – Sie selbst ha­ben al­so gar nichts Be­son­de­res ge­macht? Vet­tel: Nein, ich weiß auch nicht, wo die Ge­rüch­te et­wa mit dem Psy­cho­lo­gen her­ka­men. Nicht falsch ver­ste­hen: Ich fin­de es ab­so­lut nicht ne­ga­tiv, mit Psy­cho­lo­gen zu ar­bei­ten, das sind Spe­zia­lis­ten – und man muss da­für nicht krank sein oder mas­si­ve Pro­ble­me ha­ben, um zu ih­nen zu ge­hen. Aber ich glau­be auch, wenn man das ent­spre­chen­de Um­feld hat, ein in­tak­tes Fa­mi­li­en- und Pri­vat­le­ben, dann hat man so was wie sei­ne ei­ge­nen Psy­cho­lo­gen rund um sich. Dann be­kommt man die ent­spre­chen­den klei­nen Hin­wei­se oder manch­mal auch War­nun­gen schon ganz au­to­ma­tisch – man muss nur dar­auf hö­ren. Lässt die manch­mal un­be­rech­tig­te Kri­tik Sie wirk­lich kom­plett kalt? Es ging ja jetzt in Ita­li­en schon wie­der los. Letz­tes Jahr warf man Ih­nen vor, zu ag­gres­siv zu sein, jetzt hieß es, sie hät­ten sich ge­gen Ver­stap­pen in Aus­tra­li­en zu we­nig ver­tei­digt ...

Vet­tel: Ich ver­fol­ge das kaum. Des­halb kann ich sa­gen, dass es mich nicht be­son­ders be­rührt. Zeit­wei­se ha­be ich ein biss­chen mehr ge­le­sen – aber ich bin zu dem Schluss ge­kom­men, dass mir das nicht hilft. Es macht mich nicht schnel­ler oder bes­ser, es er­wei­tert mei­nen Ho­ri­zont nicht. Was im­mer ich noch be­wei­sen muss, muss ich nur mir selbst be­wei­sen. Nicht ir­gend­wel­chen an­de­ren Leu­ten, vor al­lem nicht de­nen, die ich über­haupt nicht ken­ne. ⓘ

Der Grand Prix von Bah­rain star­tet am Sonn­tag um 17.10 Uhr deut­scher Zeit. Sky und RTL über­tra­gen live.

Fo­to: Has­san Am­mar, dpa

Se­bas­ti­an Vet­tel steht in die­ser Sai­son bei Fer­ra­ri un­ter er­höh­ter Be­ob­ach­tung. In sei­nem fünf­ten Jahr bei dem Renn­stall soll es end­lich mit dem Ti­tel klap­pen. Beim ers­ten Ren­nen in Aus­tra­li­en wur­de Vet­tel aber nur Vier­ter.

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