„Ich kann! Ich will! Ich muss!“

Jah­res­tag Vor 40 Jah­ren er­schüt­ter­te ein Un­fall die Sport­welt. Joa­chim Deck­arm, der da­mals bes­te Hand­bal­ler der Welt, er­lei­det ei­nen dop­pel­ten Schä­del­ba­sis­bruch. Mit vie­len Freun­den an sei­ner Sei­te kämpft er sich ins Le­ben zu­rück

Wertinger Zeitung - - Sport - VON HA­RALD PIS­TO­RI­US

Augs­burg „Das schreck­li­che Ster­ben des Hand­bal­lers Jo Deck­arm“– so rei­ße­risch ti­tel­te ei­ne Il­lus­trier­te im Som­mer 1979. Knapp 40 Jah­re spä­ter saß der Tot­ge­sag­te in sei­nem Roll­stuhl in der Köl­ner Lan­xes­sA­re­na, 19000 Men­schen san­gen Hap­py Bir­th­day für ihn, Wun­der­ker­zen brann­ten, Jo Deck­arm lach­te vor Glück und wink­te ins Pu­bli­kum.

Es war der 19. Ja­nu­ar 2019, sein

65. Ge­burts­tag, und ei­ner der ganz gro­ßen Gän­se­h­aut­mo­men­te der deut­schen Sport­ge­schich­te. Jo Deck­arm lebt – er lacht und spricht, er reißt Wit­ze und dis­ku­tiert, er trai­niert und schaut beim Hand­ball zu. Joa­chim Deck­arm lebt, und dar­an ha­ben vie­le An­teil.

● Der un­ga­ri­sche Arzt

Dr. Pe­ter Pen­kov sitzt am 30. März 1979, ei­nem Frei­tag, in Ta­t­a­bá­nya vor dem Fern­se­her und bleibt beim Hand­ball hän­gen. Banyasz Ta­t­a­bá­nya, der Ver­ein aus sei­ner Nach­bar­schaft, spielt im Eu­ro­pa­po­kal ge­gen den VfL Gum­mers­bach. Nach et­wa zwan­zig Mi­nu­ten sieht der Me­di­zi­ner, wie zwei Spie­ler zu­sam­men­pral­len, bei­de ge­hen zu Bo­den, der Deut­sche schlägt mit dem Kopf auf und rührt sich nicht mehr. Pen­kov braucht kei­ne Mi­nu­te, um den Ernst der La­ge zu er­ken­nen. Und in der Hal­le ist nie­mand, der Ers­te Hil­fe leis­tet: Kein Arzt, kein Sa­ni­tä­ter ist vor Ort. Nicht mal ei­ne Tra­ge gibt es. Als die Gum­mers­ba­cher Spie­ler und Be­treu­er ih­ren Team­kol­le­gen in die Ka­bi­ne tra­gen, ist Dr. Pen­kov schon zur Hal­le ge­eilt. Er lei­tet die ers­te me­di­zi­ni­sche Not­hil­fe ein, bringt Deck­arm ins nächs­te Kran­ken­haus und ei­ne Stun­de spä­ter in die Jo­han­nis­kli­nik nach Bu­da­pest. Oh­ne Pen­kov, so viel scheint si­cher, hät­te der deut­sche Hand­bal­ler den

30. März 1979 nicht über­lebt. Schon be­wusst­los nach dem Zu­sam­men­prall mit sei­nem Ge­gen­spie­ler, war Deck­arm un­kon­trol­liert mit dem Kopf auf den Bo­den ge­schla­gen – ein Be­ton­bo­den, über­zo­gen nur von ei­ner dün­nen Schicht PVC. Kein Ver­gleich mit den mo­der­nen Schwing­bö­den, auf de­nen sich Deck­arm höchs­tens ei­nen Brumm­schä­del ein­ge­han­delt hät­te. So aber lau­te­te die Dia­gno­se: dop­pel­ter Schä­del­ba­sis­bruch, zehn Zen­ti­me­ter lan­ger Riss der Ge­hirn­haut, schwe­re Qu­et­schun­gen des Ge­hirns.

● Die Deut­sche Sport­hil­fe

Noch am Tag des Un­glücks be­schlie­ßen Jo­sef Ne­cker­mann, Grün­der und Chef der Sport­hil­fe, sein Di­rek­tor Hel­mut Mey­er und die Funk­tio­nä­re des Deut­schen Hand­ball-Bun­des ei­ne um­fas­sen­de Soforthilfe. Zwei Ge­hirn­spe­zia­lis­ten flie­gen nach Bu­da­pest, un­ter­stüt­zen das dor­ti­ge Ärz­te­team. Aus der Blitz­ak­ti­on wird ei­ne Dau­er­hil­fe: Un­ter dem Dach der Deut­schen ent­steht der Jo-Deck­arm-Fonds, ge­speist von Spen­den und Ein­nah­men aus Be­ne­fiz­ak­tio­nen, der bis heu­te da­für sorgt, dass Jo Deck­arm die bes­te me­di­zi­ni­sche und pfle­ge­ri­sche Hil­fe be­kommt.

● Der Mann, der von An­fang an an ihn ge­glaubt hat

Am 8. Au­gust 1979 bricht beim Trai­ning des VfL Gum­mers­bach Ju­bel aus, es flie­ßen Freu­den­trä­nen. Ge­ra­de ha­ben die Hand­bal­ler er­fah­ren, was am nächs­ten Tag ganz Deutsch­land rührt: Jo Deck­arm ist bei Be­wusst­sein! „Er zeigt Re­fle­xe und Re­ak­tio­nen, er be­wegt Ar­me und Bei­ne und kann sich im Bett auf­rich­ten“, hat Va­ter Ru­dolf Deck­arm aus der Uni­k­li­nik Hom­burg be­rich­tet.

Zu­sam­men mit Ehe­frau Ruth und den drei Brü­dern von Jo hat der herz­kran­ke Mann den Sohn in des­sen schwers­ten Wo­chen nicht al­lein ge­las­sen. Doch als das zwei­te Le­ben lang­sam und müh­sam be­ginnt, als Deck­arm im Som­mer 1982 als Pfle­ge­fall ins Haus der El­tern zu­rück­kehrt, ist die Fa­mi­lie über­for­dert. Der Sohn sitzt im Roll­stuhl, er kann nicht spre­chen, die La­ge scheint aus­sichts­los.

Dann kommt Wer­ner Hür­ter. Er hat einst das Hand­ball­ta­lent des Jun­gen ent­deckt und ge­för­dert, jetzt sti­mu­liert der pen­sio­nier­te Po­li­zist den Wil­len und die Kraft sei­nes Schütz­lings. Es wird sei­ne Le­bens­auf­ga­be, die er mit Ge­duld und Uner­müd­lich­keit er­füllt. Je­den Tag trai­niert er mit Deck­arm, fährt ihn zu Be­hand­lun­gen, übt mit ihm Spre­chen, spä­ter spielt er Schach mit ihm, geht mit ihm Schwim­men. Je­den Tag, stun­den­lang. 13 Jah­re lang. Sein Vor­bild strahlt aus, um Deck­arm bil­det sich ein Netz­werk aus treu­en Hel­fern.

Gleich zu Be­ginn hat Hür­ter, der 1995 ver­stor­ben ist, ein Ge­dicht an die Wand in Deck­arms Zim­mer ge­hängt: „Soll­te Dir mal was nicht geS­port­hil­fe lin­gen, zei­ge kei­nen Ver­druss. Hand­le stets nach dem Grund­satz: Ich kann! Ich will! Ich muss!“Es wird zu Deck­arms Le­bens­mot­to.

„Er hat uns zu­sam­men­ge­führt und zu­sam­men­ge­hal­ten“, sagt Kurt Klüh­spies, ei­ner aus der Mann­schaft, die 1978 für Deutsch­land den Welt­meis­ter-Ti­tel ge­wann. Ein ganz be­son­de­res Team, das bis heu­te eng zu­sam­men­hält und sich mit nie nach­las­sen­dem Ein­satz um Jo Deck­arm küm­mert. Gro­ßes Auf­he­bens ma­chen Hei­ner Brand, Horst Speng­ler, Claus Fey und die an­de­ren nicht da­von, aber sie sind da. Da­mals, in den ers­ten Wo­chen nach dem Un­fall von Ta­t­a­bá­nya, dach­ten ei­ni­ge von ih­nen dar­an, mit dem Hand­ball auf­zu­hö­ren, so groß wa­ren der Schock und die Sor­ge. Mit ih­rem En­ga­ge­ment steck­ten sie an­de­re an: Die nach­wach­sen­den Ge­ne­ra­tio­nen von Hand­bal­lern, die Deck­arm nie spie­len sa­hen, sich aber eben­so für ihn ein­set­zen wie tau­sen­de Hand­bal­ler und Sport­ler, die mit ih­ren Be­ne­fiz­ak­tio­nen hel­fen.

Er war nach über­ein­stim­men­der Ex­per­ten­mei­nung der bes­te Hand­bal­ler der Welt, als er mit der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft 1978 in Ko­pen­ha­gen den WM-Ti­tel ge­wann. Ein her­aus­ra­gen­der Ein­zel­kön­ner, aber im­mer ein Team­spie­ler. Be­schei­den, freund­lich, wit­zig. Ein Ath­let, 1,94 Me­ter groß, 85 Ki­lo schwer. Als er in Ta­t­a­bá­nya mit dem Kopf auf den Bo­den schlug, war er 25 Jah­re jung, hat­te 104 Län­der­spie­le be­strit­ten und da­bei 381 To­re er­zielt, den Eu­ro­pa­po­kal ge­won­nen, und das soll­te nicht al­les ge­we­sen sein. Was das Wich­tigs­te sei in sei­nem Le­ben, wur­de er in ei­nem sei­ner ers­ten In­ter­views nach dem Un­fall ge­fragt. Er ant­wor­te­te mit schwe­rer Stim­me, aber klar: „Üben, üben, üben!“Und dann lach­te er. Er mo­bi­li­sier­te all sei­nen Wil­len, wie frü­her als Sport­ler, und er ver­lor nie sei­nen Hu­mor. Er muss­te al­les neu ler­nen: Ge­hen, spre­chen, schrei­ben. Nur eins war von An­fang an da: Er glaub­te an sich, weil an­de­re an ihn glaub­ten. Jo Deck­arm lebt.

Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr ist er wie­der in Gum­mers­bach, hat ei­nen Platz in der Se­nio­ren­re­si­denz. Er fei­ert sei­nen Ge­burts­tag mit 19000 Men­schen in der Lan­xess-Are­na, er trifft sich mit den al­ten Welt­meis­ter-Kum­peln, schaut Hand­ball beim VfL Gum­mers­bach oder beim Ju­gend­tur­nier ir­gend­wo. Er kommt im Roll­stuhl zum Ball des Sports, er lä­chelt, er winkt, er freut sich des Le­bens.

Die Le­bens­ge­schich­te von Joa­chim Deck­arm hat der Jour­na­list Rolf Heg­gen in dem Buch „Te­am­geist – die zwei Le­ben des Jo Deck­arm“nach­ge­zeich­net.

Schick­sals­mo­ment: Hel­fer küm­mern sich in der Hal­le von Ta­t­a­bá­nya um den be­wusst­lo­sen Jo Deck­arm.

Fo­to: Ima­go

Joa­chim Deck­arm im Tri­kot des VfL Gum­mers­bach. 1978 ge­wann er mit der deut­schen Mann­schaft den WM-Ti­tel. Die Welt­meis­ter von 1978

Fo­to: Ima­go

Joa­chim Deck­arm ist ein gern ge­se­he­ner Gast bei ge­sell­schaft­li­chen Ver­an­stal­tun­gen. Joa­chim Deck­arm selbst

Fo­to: dpa

Der 2012 ver­stor­be­ne Augs­bur­ger Jahr­hun­dert-Hand­bal­ler Er­hard Wun­der­lich um­armt Joa­chim Deck­arm.

Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.