Ein Tref­fer als „Ge­schenk vom lie­ben Gott“

Er­in­ne­run­gen Karl-Heinz Schnel­lin­ger, Schüt­ze des 1:1 im Jahr­hun­dert­spiel ge­gen Ita­li­en, fei­ert sei­nen 80. Ge­burts­tag und be­schwert sich über den DFB

Wertinger Zeitung - - Sport -

Rom/Se­gra­te Karl-Heinz Schnel­lin­ger mel­det sich auf Ita­lie­nisch am Te­le­fon. Man er­reicht ihn in Se­gra­te, ei­ner Stadt in der Nä­he von Mai­land. Schon län­ger als sein hal­bes Le­ben wohnt der frü­he­re deut­sche Na­tio­nal­spie­ler in Ita­li­en. Dort wird er an die­sem Sonn­tag mit sei­ner Fa­mi­lie auch sei­nen 80. Ge­burts­tag fei­ern. Ein per­sön­li­ches Tref­fen schlägt Schnel­lin­ger aus, da­für be­ant­wor­tet er am Ap­pa­rat be­reit­wil­lig Fra­gen. Er ist forsch, an­griffs­lus­tig – so, wie man sich ei­nen vor­stellt, der ein WM-Halb­fi­na­le mit ei­nem Tor in der 90. Mi­nu­te in ein „Jahr­hun­dert-Spiel“ver­wan­del­te.

Nach sei­nem Tref­fer zum 1:1 ging die Par­tie zwi­schen Ita­li­en und Deutsch­land 1970 in die Ver­län­ge­rung, sie en­de­te 4:3 für Ita­li­en. „Ich ha­be im­mer schon ge­sagt: Das Tor, das war ein Ge­schenk vom lie­ben Gott, dass sich die Leu­te im­mer dar­an er­in­nern wer­den und kei­ner an mir vor­bei kommt“, sagt Schnel­lin­ger. Der Tref­fer im Az­te­ken-Sta­di­on von Me­xi­ko-Stadt war das ein­zi­ge Tor, das der Ver­tei­di­ger in mehr als 40 Län­der­spie­len schoss. Vier Welt­meis­ter­schaf­ten hat er zwi­schen 1958 und 1970 be­strit­ten – und doch blieb er im­mer der Spie­ler, der im Ver­gleich zu sei­nen frü­he­ren Kol­le­gen we­ni­ger be­kannt war.

„Die Leu­te konn­ten sich ja nicht al­les mer­ken, was man ge­won­nen hat“, sagt er heu­te und er­klärt sich das auch mit sei­ner lang­jäh­ri­gen Kar­rie­re in Ita­li­en. Et­was bit­ter fügt er hin­zu: „Ich wur­de nur ge­ru­fen, wenn es brann­te, wenn ei­ner fehl­te, wenn sie mich brauch­ten. Sonst hat sich kaum ei­ner drum ge­küm­mert. Auch heu­te. Wer küm­mert sich im Deut­schen Fuß­ball schon um die Äl­te­ren?“

Dem ge­bür­ti­gen Dü­re­ner sei da­mals nichts an­de­res üb­rig ge­blie­ben, als vom 1. FC Köln nach Ita­li­en zu wech­seln. Erst ging Schnel­lin­ger 1963 zum Se­rie-A-Ver­ein AC Man­tua, dar­auf folg­te die AS Rom und schließ­lich für fast zehn Jah­re der AC Mai­land (1965-1974). „Ich bin nach Ita­li­en ge­gan­gen, weil man in Deutsch­land nur 24 Mark ver­dien­te und nichts da war“, sagt er. „Aber ich bin froh dar­über, denn ich hab viel ge­se­hen, viel ge­lernt und viel ge­won­nen und wir ha­ben uns auch sehr amü­siert. Es gab kei­ne an­de­re Mög­lich­keit.“

Mit den Köl­nern wur­de Schnel­lin­ger 1962 Meis­ter. Mit Mi­lan heims­te er noch mehr Er­fol­ge ein: ein­mal die Meis­ter­schaft, drei­mal den Po­kal, ein­mal den Eu­ro­pa­po­kal der Lan­des­meis­ter und zwei­mal den Eu­ro­pa­po­kal der Po­kal­sie­ger. Auch an die „schö­nen Der­bys“zwi­schen Deutsch­land und Ita­li­en denkt Schnel­lin­ger ger­ne, die Be­zeich­nung „Angst­geg­ner“be­nutzt er aber nicht. „Ich se­he das so, dass es im­mer zwei Mann­schaf­ten wa­ren, die im­mer gut vor­be­rei­tet wa­ren und sich im­mer gut ge­gen­ein­an­der be­kämpft ha­ben.“Vom Le­ben als Rent­ner zeich­net Schnel­lin­ger ein we­ni­ger fröh­li­ches Bild. Er ha­be für Deutsch­land mehr als 40 Län­der­spie­le ge­spielt, vier Welt­meis­ter­schaf­ten, „und dann ist der Dank, dass man 200 Eu­ro im Mo­nat be­kommt. Da kann man nichts ma­chen, da küm­mert sich kei­ner drum, das ist den Leu­ten egal“.

Am En­de des Te­le­fo­nats kommt die Spra­che auf Schnel­lin­gers Mar­ken­zei­chen, die blon­den Haa­re. Sie brach­ten ihm in Ita­li­en den Spitz­na­men „Car­lo il Bi­on­do“(Car­lo, der Blon­de) ein. Sind sie denn im­mer noch blond? „Jetzt wer­den Sie lang­sam un­sym­pa­thisch“, sagt Schnel­lin­ger. „Ich ha­be noch al­le Haa­re, sie sind noch blond. Nur wenn Sie wei­ter schlech­te Fra­gen stel­len, wer­den sie lang­sam grau.“

Fo­to: Wit­ters

Die Sze­ne, die Karl-Heinz Schnel­lin­ger be­rühmt mach­te. Der Ab­wehr­spie­ler traf mit sei­nem ein­zi­gen Län­der­spiel­tor zum 1:1 ge­gen Ita­li­en.

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