„Ich ha­be nie Rei­che ge­filmt“

Nach­ruf Re­gis­seu­rin Ag­nès Var­da, die Freun­din der ar­men Leu­te, ist 90-jäh­rig in Pa­ris ge­stor­ben

Wertinger Zeitung - - Feuilleton -

Pa­ris Ein­fa­che, am Ran­de der Ge­sell­schaft ste­hen­de Men­schen und ba­na­le Din­ge des All­tags: Die Fil­me von Ag­nès Var­da zeich­nen sich durch Neu­gier­de am All­täg­li­chen und durch Re­spekt vor dem Men­schen aus. Er­folg und Kar­rie­re such­te sie nicht. „Ich will die Men­schen sen­si­bi­li­sie­ren, sie an­spre­chen, sie be­rüh­ren. Wenn ich das schaf­fe, bin ich glück­lich“, sag­te sie ein­mal. Nun ist die Re­gie-Iko­ne und Pio­nie­rin des Au­to­ren­ki­nos 90-jäh­rig am frü­hen Frei­tag­mor­gen in Pa­ris ge­stor­ben, wie ih­re lang­jäh­ri­ge Pro­du­zen­tin Cé­ci­lia Ro­se be­stä­tig­te.

„Ich ha­be nie Rei­che und Wohl­ha­ben­de ge­filmt“, er­klär­te Var­da 2018. So er­zählt sie in „Vo­gel­frei“(Ori­gi­nal­ti­tel: „Sans toit ni loi“) die Ge­schich­te ei­ner Frau, die als Land­strei­che­rin durch Süd­frank­reich zieht und den Käl­te­tod stirbt. Da­für wur­de Var­da 1985 als ei­ne von we­ni­gen Frau­en bei den Film­fest­spie­len in Ve­ne­dig mit dem Gol­de­nen Lö­wen aus­ge­zeich­net.

Be­we­gen­de Frau­en­por­träts zeigt sie auch in „Die Wit­wen von Noir­mou­tier“(„Quel­ques veu­ves de Noir­mou­tier“) – ein Film, der gleich­zei­tig ih­re ei­ge­ne Wit­wen­schaft spie­gelt: Var­da hat­te 1990 ih­ren Mann, den Re­gis­seur Jac­ques De­my, ver­lo­ren, mit dem sie auf der fran­zö­si­schen At­lan­tik­in­sel Noir­mou­tier re­gel­mä­ßig ih­ren Ur­laub ver­bracht hat­te.

Und „Die Samm­ler und die Samm­le­rin“(Ori­gi­nal­ti­tel: „Les gla­neurs et la gla­neu­se“) han­delt von Men­schen, die noch heu­te aus Not nach der Ern­te oder nach dem Wo­chen­markt Kar­tof­feln und Äp­fel auf­le­sen. Da­rin stapft die Re­gis­seu­rin selbst durch Acker­fel­der – und ent­deckt ei­ne Kar­tof­fel in Herz­form. Und weil ei­ne Kar­tof­fel so schön sein kann, schuf sie spä­ter „Pa­ta­tu­to­pia“, ei­ne der Kar­tof­fel ge­wid­me­te In­stal­la­ti­on.

Zu Var­das be­kann­tes­ten Wer­ken als Bil­den­de Künst­le­rin ge­hö­ren ih­re „Ca­ba­nes“: Hüt­ten, die teil­wei­se aus Ko­pi­en ih­rer al­ten 35-mmFil­me be­ste­hen. Das Kon­zept da­hin­ter: „So ver­wer­te ich mei­ne Er­in­ne­run­gen wie­der, ei­ne Art Recycling mei­nes Le­bens.“

Gol­de­ner Löwe, Eh­ren-Cé­sar, Eh­ren­leo­pard, Pal­me d’hon­neur: Ag­nès Var­da ist in ih­rer über 60-jäh­ri­gen Kar­rie­re mit Eh­run­gen und Aus­zeich­nun­gen über­häuft wor­den. Zu Kopf ge­stie­gen sind ihr die Tro­phä­en je­doch nicht, auch nicht der Eh­ren-Os­car im Jahr 2017. Sie sei nur ei­ne klei­ne Kö­ni­gin am Ran­de des Ki­nos, sag­te sie ein­mal in ei­nem In­ter­view. Eh­ren-Os­cars be­kä­men Leu­te, die kei­ne Hol­ly­wood­Stars und Block­bus­ter-Fil­me­ma­cher sei­en. Dass man sie den­noch wahr­ge­nom­men ha­be, ha­be sie sehr be­rührt.

Var­da wur­de als Toch­ter ei­nes Grie­chen und ei­ner Fran­zö­sin in Brüs­sel ge­bo­ren, flüch­te­te je­doch wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs mit ih­ren El­tern nach Sè­te. In Pa­ris be­such­te sie die Pa­ri­ser Hoch­schu­le für Fo­to­gra­fie und ar­bei­te­te beim ers­ten Thea­ter­fes­ti­val in Avi­gnon 1947 als Büh­nen­fo­to­gra­fin.

Fo­to: dpa

Die 90-jäh­ri­ge Ag­nès Var­da im Fe­bru­ar auf der letz­ten Ber­li­na­le.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.