„Idi­ot heißt Pri­va­tier“

Das In­ter­view Der streit­ba­re Lie­der­ma­cher er­zählt, was der ent­schei­den­de Bruch in sei­nem Le­ben war und war­um Lie­be auch ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on hat

Wertinger Zeitung - - Wochenend Journal -

Herr Bier­mann, Ih­nen fehlt ein Teil Ih­res rech­ten klei­nen Fin­gers. Wie ist das pas­siert? Wolf Bier­mann: Den ha­be ich mir ab­ge­ris­sen. Und war­um? We­gen der Lie­be! Weil ich mei­ner Frau Pa­me­la den schöns­ten Ap­fel pflü­cken woll­te, im Gar­ten bei uns. Mir fehl­ten aber fünf Zen­ti­me­ter bis zu die­sem ei­nen Ap­fel. Es hin­gen noch vie­le an­de­re am Baum, aber ich woll­te ihr die­sen be­son­ders schö­nen Ap­fel ge­ben. Ich ha­be mich auf die Ze­hen­spit­zen ge­stellt, ver­lor die Ba­lan­ce, bin rück­wärts ge­fal­len und ha­be im Fal­len die Hän­de nach hin­ten ge­ris­sen, um mich ab­zu­stüt­zen. Ein Re­flex. Und da stand ei­ne St­ein­bank im Gar­ten. Die Kan­te ist aus schar­fen St­ein­chen, ris­sig, Be­ton. Als ich auf dem Hin­tern saß, hing der Fin­ger da­ne­ben.

Mit den ver­blie­be­nen Fin­gern ha­ben Sie Ihr Buch „Barbara“ge­schrie­ben. Bier­mann: Ja, es sind No­vel­len, ei­ne Ket­te von Ge­schich­ten. Sie han­deln von Men­schen in ih­rem Wi­der­spruch. „Ich bin kein ge­tüf­telt Buch. Ich bin ein Mensch in mei­nem Wi­der­spruch.“Das ist ein schö­nes Wort von Con­rad Fer­di­nand Mey­er, und es passt. Es sind No­vel­len über be­rühm­te und un­be­rühm­te, über tap­fe­re und klu­ge, auch ver­rück­te Men­schen, über so­ge­nann­te All­tags­hel­den, und Schei­ter­ge­schich­ten. Frei­lich ge­schei­te Schei­ter­ge­schich­ten, sonst wä­re es ja lang­wei­lig.

Ich fühl­te mich bei der Lek­tü­re bis­wei­len an Mu­si­ker er­in­nert, die in ih­rer Au­to­bio­gra­fie noch ein­mal öf­fent­lich mit frü­he­ren Lie­bes­aben­teu­ern prah­len müs­sen.

Bier­mann: Das ist Ihr Ein­druck. In 15 der 18 No­vel­len geht es aber gar nicht um mich und mei­ne Lie­ben, son­dern um ganz an­de­re Men­schen. Und bei de­nen auch nicht im­mer um ir­gend­wel­che Lie­bes­aben­teu­er. Nur in drei Ge­schich­ten schil­de­re ich kurz­wei­li­ge Be­geg­nun­gen mit ei­ner Frau. Da­bei geht es um sehr ver­schie­de­ne The­men: Um Macht und Miss­brauch, um Se­xua­li­tät und Auf­klä­rung und dar­um, was sich ei­nem ins Ge­dächt­nis brennt.

„Lie­bes­no­vel­len und an­de­re Raub­tier­ge­schich­ten“nen­nen Sie Ihr Buch im Un­ter­ti­tel.

Bier­mann: Ja, und die Ge­schich­ten han­deln auch da­von, wie schwach, wie er­bärm­lich, wie hilf­los der Mensch sein kann, wenn er in Kon­flik­te ge­rät. Auch in dem, was Brecht das „Spiel der Ge­schlech­ter“nennt, wie zum Bei­spiel Mo­ni­ka, die ih­rem Mann ein Brot­mes­ser in den Rü­cken rammt, weil sie nicht will, dass er sich pro­sti­tu­iert.

Nach Ih­rer Aus­bür­ge­rung 1976 ha­ben Sie in Ham­burg ei­ne Zeit lang mit drei Frau­en und Ih­ren Kin­dern un­ter ei­nem Dach ge­lebt. Das klingt nach ei­nem al­ter­na­ti­ven Le­bens­ent­wurf … Bier­mann: … der uns wun­der­bar miss­lun­gen ist. Es war ei­ne Über­gangs­lö­sung, die aus der Not­si­tua­ti­on, die Fol­ge der Aus­bür­ge­rung, ent­stand. Wir wa­ren al­le fremd und neu im Wes­ten, da liegt die Idee na­he, dass man – in ver­schie­de­nen klei­nen Woh­nun­gen – un­ter ei­nem Dach le­ben könn­te und sich ge­gen­sei­tig un­ter­stützt. Aber bald stell­te sich her­aus, dass je­der mehr Raum für sich brauch­te. Dann ha­be ich, aus­ge­rech­net im Jahr 1983, Pa­me­la in Ham­burg ken­nen­ge­lernt. Ich war jung, ich war erst 46. Sie war schon 19. Und ich ha­be end­lich be­grif­fen, dass ich im Spiel der Ge­schlech­ter mit ei­ner Frau die Unend­lich­keit fin­den muss und auch kann. Wer nicht ruht in der Lie­be zu ei­nem be­stimm­ten Men­schen, hat im

Streit der Welt sehr schlech­te Kar­ten.

Lie­be hat al­so auch ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on. Aus ko­misch po­li­ti­schen Grün­den, könn­te man sa­gen, bin ich fast da­zu ver­ur­teilt, in der Lie­be ein Mensch zu wer­den und kein Raub­tier. Da­mit ich mich im Streit der Welt, der üb­ri­gens von Raub­tie­ren ge­macht wird, be­haup­ten kann.

Sie sag­ten ge­ra­de „aus­ge­rech­net im Jahr 1983“, was mei­nen Sie da­mit? Bier­mann: In die­sem Jahr hat­te ich end­lich die Kraft und den Mut auf­ge­bracht, mich von dem Kin­der­glau­ben an die End­lö­sung der so­zia­len Fra­ge, ge­nannt Kom­mu­nis­mus, zu lö­sen. Für mein klei­nes Men­schen­le­ben war das der ent­schei­den­de Bruch, durch den sich mei­ne Hal­tung zur Mensch­heit, was man Po­li­tik nen­nen kann, ge­än­dert hat. Dass sich im sel­ben Jahr auch mei­ne Hal­tung zum ein­zel­nen Men­schen­ex­em­plar, al­so auch zum Spiel der Ge­schlech­ter, ge­än­dert hat, das fin­de ich in­ter­es­sant. Ob das ei­nen wirk­lich tie­fen, kau­sa­len Zu­sam­men­hang hat oder nur ein dum­mer Zu­fall ist,

ERZIEHUNGSTIPPS AUS DEM FA­MI­LI­EN-ALL­TAG

Fo­tos: dpa, Ull­stein

Sei­ne Kar­rie­re Wolf Bier­mann (*1936) hat mit „Barbara – Lie­bes­no­vel­len und an­de­re Raub­tier­ge­schich­ten“ei­nen Band mit No­vel­len ver­öf­fent­licht. Sein Va­ter, ein jü­di­scher, kom­mu­nis­ti­scher Wi­der­stands­kämp­fer, wur­de 1943 in Au­schwitz er­mor­det. Bier­mann zog 1953 in die DDR, be­kam dort 1965 ein Auf­tritts- und Pu­bli­ka­ti­ons­ver­bot und wur­de wäh­rend ei­ner Kon­zert­rei­se in die BRD 1976 von der DDR aus­ge­bür­gert.

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