Sechs Trends für die Land­wirt­schaft der Zu­kunft

Un­se­re Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on muss nach­hal­ti­ger wer­den – und schon bald viel mehr Men­schen er­näh­ren. Die­se Ent­wick­lun­gen sol­len da­bei hel­fen

Wertinger Zeitung - - Wissen - Von Mat­thi­as Zim­mer­mann

Die Land­wirt­schaft be­kommt der­zeit so viel Auf­merk­sam­keit wie lan­ge nicht. Fort­schrit­te und Ef­fi­zi­enz­stei­ge­run­gen bei Ar­ten und An­bau­me­tho­den ha­ben uns in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten si­che­re, er­schwing­li­che Nah­rungs­mit­tel und we­ni­ger Hun­ger auf der Welt ge­bracht. Gleich­zei­tig gel­ten Acker­bau und Vieh­zucht heu­te vie­len pau­schal als Ver­ur­sa­cher von Ar­ten­ster­ben, Kli­ma­wan­del und vie­ler an­de­rer Um­welt­pro­ble­me. Trotz­dem müs­sen im Jahr 2050 neun bis zehn Mil­li­ar­den Men­schen von dem satt wer­den, was Bau­ern pro­du­zie­ren. Der Aus­gleich zwi­schen Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung und Nach­hal­tig­keit ge­lingt nach Mei­nung vie­ler Ex­per­ten nur mit mehr In­no­va­tio­nen und ei­ner stär­ke­ren Op­ti­mie­rung von Stoff­kreis­läu­fen. Beim „Glo­bal Food Sum­mit“in Mün­chen tra­fen sich nun Ex­per­ten aus vie­len Län­dern, um Trends in der Land­wirt­schaft zu dis­ku­tie­ren:

AgTech Big Da­ta und künst­li­che In­tel­li­genz (KI) sind die Schlag­wor­te, mit de­nen der Wan­del un­se­rer ge­sam­ten Wirt­schafts­wei­se be­schrie­ben wird. Der Trend zu im­mer mehr Mess­tech­nik und Ver­net­zung ver­än­dert auch die Land­wirt­schaft grund­le­gend. Selbst­fah­ren­de Ma­schi­nen kön­nen sa­tel­li­ten­ge­steu­ert sä­en, ern­ten, dün­gen. Be­wäs­se­rung, Pflan­zen­schutz und Schäd­lings­be­kämp­fung er­fol­gen punkt­ge­nau und in­di­vi­du­ell auf je­de Pflan­ze und je­den Stand­ort ab­ge­stimmt mit Ro­bo­tern und Droh­nen. Auch die Tie­re auf ei­nem Hof wer­den lau­fend mit ver­schie­de­nen Sen­so­ren über­wacht, die et­wa Fut­ter­auf­nah­me, Kör­per­tem­pe­ra­tur oder Be­we­gungs­mus­ter auf­zeich­nen und Auf­fäl­lig­kei­ten au­to­ma­tisch er­ken­nen. Auch beim Ver­trieb ih­rer Pro­duk­te tun sich für Land­wir­te neue Chan­cen auf, et­wa durch ei­ge­ne Ver­mark­tungs­platt­for­men.

Ver­ti­cal Far­ming Be­reits heu­te lebt die Mehr­zahl der Men­schen auf der Welt in Städ­ten und der Trend zur wei­te­ren Ur­ba­ni­sie­rung ist nicht zu stop­pen. Durch den An­bau von Obst und Ge­mü­se di­rekt in der Stadt kön­nen lan­ge Trans­port­we­ge ein­ge­spart wer­den und die Pro­duk­te kom­men frisch zum Ver­brau­cher. Der ver­ti­ka­le An­bau braucht we­ni­ger Flä­che und Was­ser, Dün­ger und Pflan­zen­schutz­mit­tel, weil er in ei­ner ge­schlos­se­nen Um­welt statt­fin­det, in der al­le Pa­ra­me­ter ge­nau kon­trol­liert wer­den kön­nen. Es gibt be­reits ren­ta­bel wirt­schaf­ten­de An­la­gen, vie­le Sa­la­te bei Lidl und Al­di Nord et­wa kom­men aus ei­ner Ver­ti­cal Farm in Hol­land. Meh­re­re Lö­sun­gen, die auf un­ter­schied­li­che Or­te spe­zia­li­siert sind, kon­kur­rie­ren mit­ein­an­der. Von Groß­an­la­gen bis zu Mi­nif­ar­men in Su­per­märk­ten, Re­stau­rants oder für die ei­ge­ne Kü­che zu Hau­se, mit de­nen Sa­la­te und Kräu­ter di­rekt vor dem Ko­chen ge­ern­tet wer­den kön­nen. Dank der spar­sa­men LED-Tech­nik kann mitt­ler­wei­le das idea­le Licht­spek­trum für je­de Kul­tur in­di­vi­du­ell ein­ge­stellt wer­den. So ist ein An­bau auch in fens­ter­lo­sen Hal­len oder gar un­ter der Er­de mög­lich. Beim Markt­füh­rer Aero­farms in den USA wach­sen dut­zen­de Ar­ten von Sa­la­ten und Kräu­tern auf Sub­strat­mat­ten und wur­zeln in ei­ner Dampf­kam­mer, in der sie von al­len nö­ti­gen Nähr­stof­fen um­weht wer­den.

Der Ener­gie­ver­brauch ist noch im­mer ein gro­ßer Nach­teil des Ver­ti­cal Far­mings. Zu­dem ist der Bo­den in Me­tro­po­len meist so teu­er, dass Far­men kaum ren­ta­bel be­trie­ben wer­den kön­nen. Kul­tu­ren wie Ge­trei­de, Reis oder Kar­tof­feln sind bis­lang auch nicht in­door zu zie­hen.

Rooft­op Gar­de­ning Ob­wohl theo­re­tisch in ei­ner Groß­stadt vie­le Dä­cher zu be­grü­nen sind, spielt Rooft­op Gar­de­ning für die Er­näh­rung zu­künf­tig wohl kei­ne gro­ße Rol­le. Eher steht der so­zia­le Aspekt im Vor­der­grund, wenn et­wa neue Kon­tak­te un­ter Nach­barn ent­ste­hen, die sich ge­mein­sam um ei­nen Gar­ten küm­mern. Auch Stadt­kin­der kön­nen in so ei­nem Gar­ten grund­le­gen­de Zu­sam­men­hän­ge der Na­tur und Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on ler­nen. Kaum Da­ten gibt es bis­lang zur Schad­stoff­be­las­tung von Obst oder Ge­mü­se, das mit­ten in der Stadt ge­zo­gen wur­de.

Al­ter­na­ti­ve Pro­te­in­quel­len Bei der Fleisch­pro­duk­ti­on wer­den vie­le Res­sour­cen ver­braucht und es ent­ste­hen gro­ße Men­gen an Kli­ma­ga­sen. Gleich­zei­tig steigt der welt­wei­te Fleisch­hun­ger im­mer wei­ter. Al­ter­na­ti­ven wer­den al­so drin­gend ge­sucht. Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr ist in Deutsch­land das ers­te Ham­bur­ger-Pat­ty aus In­sek­ten­mehl auf dem Markt. Aus dem Tief­kühl­re­gal bei aus­ge­wähl­ten Rewe-Märk­ten kos­tet es knapp sechs Eu­ro im Dop­pel­pack. In­sek­ten ha­ben, zu­min­dest im Ver­gleich zu Rind- und Schwei­ne­fleisch, ei­ne deut­lich bes­se­re Um­welt­bi­lanz. Zu­dem ent­hal­ten sie, je nach Art, vie­le wert­vol­le Fett­säu­ren und Vit­ami­ne. We­gen der Ab­nei­gung der meis­ten Ver­brau­cher in Eu­ro­pa, In­sek­ten zu es­sen, ha­ben sie aber wohl grö­ße­res Po­ten­zi­al bei der Er­zeu­gung von wert­vol­lem Vieh­fut­ter, auch für die eben­so wach­sen­de und um­welt­schäd­li­che Aqua­kul­tur.

Aber auch Al­gen ge­ra­ten zu­neh­mend als Ei­weiß­lie­fe­ran­ten in den Blick. Längst auf dem Markt sind Flei­scher­satz­pro­duk­te aus pflanz­li­chen Roh­stof­fen. Hier liegt der Schwer­punkt der­zeit auf ei­ner Ver­bes­se­rung sen­so­ri­scher und ge­schmack­li­cher Qua­li­tä­ten und der Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te wie Milch- oder Fi­scher­satz­pro­duk­te.

Fleisch aus dem La­bor An­statt Fleisch zu si­mu­lie­ren, ver­su­chen an­de­re Fir­men die Na­tur im La­bor nach­zu­bau­en. 2013 prä­sen­tier­te die nie­der­län­di­sche Fir­ma Mo­sa Meat den ers­ten so er­zeug­ten Ham­bur­ger. In spä­tes­tens zwei Jah­ren will Mo­sa Meat ein fer­ti­ges Pro­dukt in aus­ge­wähl­ten Su­per­märk­ten an­bie­ten. Bis zur Mas­sen­pro­duk­ti­on wird es aber noch dau­ern: Noch ist nicht klar, wie die da­für nö­ti­gen Bio­re­ak­to­ren aus­se­hen. Zu­dem ver­schlingt die Pro­duk­ti­on sehr viel Ener­gie. Ein an­de­res Pro­blem ist aber an­geb­lich ge­löst: Bis­lang brauch­ten die For­scher fe­ta­les Käl­ber­se­r­um, um die Mus­kel­zel­len im La­bor zum Wach­sen zu brin­gen. Dies wird ge­won­nen, wenn träch­ti­ge Kü­he ge­schlach­tet wer­den und den le­ben­den Em­bryo­nen in ei­ner schmerz­haf­ten und für sie töd­li­chen Pro­ze­dur das Ser­um ent­nom­men wird. Das passt nicht zum An­spruch, Fleisch oh­ne Schlach­ten zu er­zeu­gen.

Pflan­zen­zucht Gen­tech­nik ist in Deutsch­land ein Reiz­wort. In­so­fern hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof im Ju­li 2018 bei der Fra­ge der Zu­las­sung von Pflan­zen­sor­ten, die mit neu­en Me­tho­den der Gen­tech­nik er­zeugt wor­den sind, ganz im Sin­ne vie­ler Gen­tech­nik­geg­ner ge­ur­teilt. Le­be­we­sen, die mit­tels der neu­en Gen­sche­re Crispr/Cas oder durch an­de­re Me­tho­den des Ge­ne-Edit­ing er­zeugt wur­den, gel­ten als gen­tech­nisch ver­än­der­te Or­ga­nis­men und müs­sen das glei­che auf­wen­di­ge Zu­las­sungs­ver­fah­ren durch­lau­fen und die glei­che Kenn­zeich­nung tra­gen wie sol­che, die mit her­kömm­li­chen Gen­tech­nik­ver­fah­ren er­zeugt wur­den. Da­mit sind An­bau und For­schung trotz gro­ßer Chan­cen in Eu­ro­pa de fac­to be­en­det. Aber gro­ße Fort­schrit­te in der Gen­tech­nik und -analyse sor­gen trotz­dem da­für, dass die Ent­wick­lung neu­er et­wa hit­ze­re­sis­ten­te­rer Sor­ten schnel­ler geht als frü­her.

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