Streit um Spahns Or­gan­spen­de-Plä­ne

Me­di­zin Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und an­de­re wol­len sie par­tei­über­grei­fend zur Nor­ma­li­tät ma­chen. Aber Wi­der­spruch ist mög­lich. Was für und was ge­gen die Plä­ne spricht

Wertinger Zeitung - - Erste Seite - (bju)

Ber­lin Geht es nach Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), soll je­der Er­wach­se­ne in Deutsch­land künf­tig als Or­gan­spen­der gel­ten. Es sei denn, er wi­der­spricht dem aus­drück­lich. In die­sem Fall wür­de er in ei­nem zen­tra­len Re­gis­ter als Nicht-Spen­der ver­merkt, so Spahn. Vor ei­ner Or­gan­ent­nah­me sol­len zu­dem die engs­ten An­ge­hö­ri­gen ge­fragt wer­den, ob ih­nen be­kannt sei, dass der Ver­stor­be­ne ei­ne Spen­de ab­lehnt. Spahns Ge­setz­ent­wurf, den er am Mon­tag in Ber­lin vor­stell­te, stößt im Bun­des­tag auf Wi­der­stand. Ei­ne Grup­pe Ab­ge­ord­ne­ter um Grü­nen-Che­fin An­na­le­na Ba­er­bock will ei­nen ei­ge­nen Ent­wurf vor­stel­len, der vor­sieht, dass Bür­ger bei Be­hör­den­gän­gen um ihr Ein­ver­ständ­nis zur Or­gan­spen­de ge­be­ten wer­den.

Ber­lin Mit ei­ner „dop­pel­ten Wi­der­spruchs­lö­sung“will Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) für mehr Or­gan­spen­den in Deutsch­land sor­gen. Doch der Ge­setz­ent­wurf, den Spahn am Mon­tag zu­sam­men mit den Ge­sund­heits­ex­per­ten Karl Lau­ter­bach (SPD), Ge­org Nüß­lein (CSU) und Pe­tra Sit­te (Lin­ke) in Ber­lin vor­stell­te, stößt auf hef­ti­ge Kri­tik. Die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten im Über­blick:

War­um soll die Or­gan­spen­de über­haupt neu ge­re­gelt wer­den?

Seit Jah­ren herrscht in Deutsch­land ein gra­vie­ren­der Man­gel an Spen­der­or­ga­nen. Rund 10 000 Men­schen in Deutsch­land war­ten auf ei­ne Or­gan­trans­plan­ta­ti­on. Doch pro Jahr gibt es we­ni­ger als 1000 Spen­der. Al­le acht St­un­den stirbt ein Mensch auf der War­te­lis­te, weil kein pas­sen­des Spen­der­or­gan ge­fun­den wird.

Woran liegt die ge­rin­ge Zahl an Or­gan­spen­den?

Of­fen­bar nicht an ei­ner man­geln­den Be­reit­schaft der Men­schen. Nach Um­fra­gen ste­hen rund 84 Pro­zent der Deut­schen ei­ner Or­gan- und Ge­we­be­spen­de po­si­tiv ge­gen­über. Doch nur 36 Pro­zent be­sit­zen ei­nen Or­gan­spen­de­aus­weis. Und in der Pra­xis ist der Or­gan­spen­de­aus­weis oft nicht auf­find­bar, sagt der SPDGe­sund­heits­ex­per­te und Arzt Karl Lau­ter­bach.

Wie ist die Or­gan­spen­de ge­re­gelt?

Seit 2012 gilt in Deutsch­land die so­ge­nann­te Ent­schei­dungs­lö­sung. Das heißt: Vor ei­ner Or­gan­spen­de muss die aus­drück­li­che Zu­stim­mung des Spen­ders vor­lie­gen, die durch ei­nen Or­gan­spen­de­aus­weis do­ku­men­tiert wird. Al­ter­na­tiv müs­sen die An­ge­hö­ri­gen nach dem Tod aus­drück­lich ei­ner Or­gan­ent­nah­me zu­stim­men. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn sagt, er ha­be die Ent­schei­dungs­lö­sung da­mals mit­ge­tra­gen. Doch heu­te müs­se er zu­ge­ben: „Es hat nicht ge­fruch­tet.“Die Zahl der Spen­der sei weit hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück­ge­blie­ben.

Wel­chen Weg will der Ge­sund­heits­mi­nis­ter künf­tig ein­schla­gen?

Die dop­pel­te Wi­der­spruchs­lö­sung, Kern des Ge­setz­ent­wurfs, den Jens Spahn und an­de­re am Mon­tag vor­stell­ten, kehrt das bis­he­ri­ge Prin­zip um. Grund­sätz­lich wür­de dem­nach je­der als Or­gan­spen­der gel­ten, der dem nicht aus­drück­lich wi­der­spro­chen hat. Nach dem Tod könn­ten aber zu­dem An­ge­hö­ri­ge ei­ne Or­gan­ent­nah­me ab­leh­nen, wenn ih­nen be­kannt ist, dass der Ver­stor­be­ne Be­den­ken ge­gen ei­ne Or­gan­spen­de hat­te. Auch ei­ne „Er­klä­rung im Porte­mon­naie, dass ei­ne Spen­de ab­ge­lehnt wird“, soll künf­tig gül­tig blei­ben, sagt Spahn.

Be­deu­tet das letzt­lich ei­ne Pflicht zur Or­gan­spen­de?

Ge­nau das be­fürch­ten et­wa der Ethik­rat und die Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz. Ge­org Nüß­lein (CSU, NeuUlm), für Ge­sund­heit zu­stän­di­ger stell­ver­tre­ten­der Uni­ons-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, weist die Be­den­ken zu­rück. „Der Ge­setz­ent­wurf be­deu­tet kei­nen Zwang zur Or­gan­spen­de. Aber die Men­schen wer­den an­ge­hal­ten, sich mit dem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen“, sagt er. Je­der Be­trof­fe­ne hof­fe auf ein Spen­der­or­gan, so Nüß­lein, der Nor­mal­fall sol­le al­so die Spen­den­be­reit­schaft sein, „als Akt der Barm­her­zig­keit“.

Wie soll die dop­pel­te Wi­der­spruchs­lö­sung in die Pra­xis um­ge­setzt wer­den?

Je­der mel­de­pflich­ti­ge Bür­ger über 16 Jah­re soll ins­ge­samt drei Mal über die neue Re­ge­lung in­for­miert wer­den. Wer ei­ner Spen­de zu­stimmt, ihr nicht wi­der­spricht – oder gar nicht re­agiert – gilt als Spen­der. Künf­tig soll es ein Re­gis­ter ge­ben, in dem der Wil­le des Bür­gers do­ku­men­tiert wird. Der Ein­trag könn­te je­der­zeit oh­ne An­ga­be von Grün­den wi­der­ru­fen oder ge­än­dert wer­den.

Was sa­gen Fach­leu­te zu dem Ge­setz­ent­wurf?

Das Bünd­nis für Or­gan­spen­den „Le­ben spen­den“, dem zahl­rei­che Me­di­zi­ner an­ge­hö­ren, be­grüßt den SpahnPlan. Die dop­pel­te Wi­der­spruchs­lö­sung sei „der bes­te Weg, die Or­gan­spen­de fes­ter in un­se­rer Ge­sell­schaft zu ver­an­kern“. Der Me­di­zi­ner Ke­vin Schul­te von der Kie­ler Uni­k­li­nik da­ge­gen hält sie für den fal­schen Weg. Er hat das Phä­no­men sin­ken­der Or­gan­spen­de­zah­len un­ter­sucht. Und kommt zu dem Schluss, dass sie we­ni­ger an man­geln­der Spen­de­be­reit­schaft lie­gen, als viel­mehr an Er­ken­nungs-, Mel­de- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­de­fi­zi­ten in den Kli­ni­ken. Laut Jens Spahn wird die Si­tua­ti­on in den Kli­ni­ken aber durch das just am Mon­tag in Kraft ge­tre­te­ne Ge­setz zu den Struk­tu­ren der Or­gan­spen­de deut­lich ver­bes­sert.

Wie nimmt der Bun­des­tag die Spahn-Plä­ne auf?

Es gibt er­heb­li­chen Wi­der­stand. Ei­ne Grup­pe Ab­ge­ord­ne­ter um die Grü­nen-Vor­sit­zen­de An­na­le­na Ba­er­bock will dem­nächst ei­nen ei­ge­nen Ent­wurf ein­brin­gen. Er sieht vor, dass Bür­ger je­weils beim Ab­ho­len ei­nes neu­en Per­so­nal­aus­wei­ses ver­bind­lich nach ih­rer Be­reit­schaft zur Or­gan­spen­de ge­fragt wer­den.

Wie geht es in der Sa­che nun wei­ter?

Der Bun­des­tag wird das The­ma nun dis­ku­tie­ren und soll dann oh­ne Frak­ti­ons­zwang ent­schei­den. Die Al­li­an­zen für die je­wei­li­gen Vor­schlä­ge ge­hen über die Par­tei­gren­zen hin­weg. So un­ter­stützt die Lin­ke Pe­tra Sit­te den Plan von Spahn und Lau­ter­bach. Der Arzt und CSU-Ab­ge­ord­ne­te Ste­phan Pil­sin­ger lehnt ihn da­ge­gen als „fach­lich und ethisch be­denk­lich“ab. Auch FDPChef Chris­ti­an Lind­ner ist ge­gen ei­ne Wi­der­spruchs­lö­sung.

Fo­to: Kay Niet­feld, dpa

Wenn es nach Jens Spahn (links) und Karl Lau­ter­bach geht, hat der Or­gan­spen­de­aus­weis bald aus­ge­dient.

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