17 Ope­ra­tio­nen und ein Fet­zen Hoff­nung

An­schlag Phil­ip­pe Lançon saß am 7. Ja­nu­ar 2015 in der Re­dak­ti­ons­kon­fe­renz von „Char­lie Heb­do“. Die Ter­ro­ris­ten schos­sen ihm den Kie­fer und sein hal­bes Ge­sicht weg. Nun hat der Jour­na­list ein be­we­gen­des, in­ti­mes Buch über sein neu­es Le­ben ge­schrie­ben

Wertinger Zeitung - - Die Dritte Seite - VON BIR­GIT HOLZER

Pa­ris Auf dem Flur sind Schreie zu hö­ren, dump­fes Kra­chen. Es ist der Mo­ment, in dem Phil­ip­pe Lançon be­greift: Sein Le­ben kön­ne jetzt zu En­de sein. Und in dem ihm an je­nem 7. Ja­nu­ar 2015 die Fra­ge durch den Kopf rast: „Wie lan­ge braucht man, um zu spü­ren, dass der Tod kommt, wenn man nicht mit ihm rech­net?“

Lançon hört die kli­cken­den Ge­räu­sche der Schuss­waf­fen, „kei­ne lau­ten Ex­plo­sio­nen wie im Ki­no, nein, dump­fe, tro­cke­ne Böl­ler“, die er nicht ein­zu­ord­nen weiß. Ein letz­tes Mal blickt er Charb, den Chef­re­dak­teur des fran­zö­si­schen Sa­ti­re­ma­ga­zins Char­lie Heb­do an, ehe die­ser er­schos­sen wird. Jah­re spä­ter schreibt Lançon: „Die we­ni­gen Se­kun­den Le­ben, die ihm noch ver­blie­ben, reich­ten ihm, um zu be­grei­fen, aus wel­chem elen­den Co­mic die­se bei­den hoh­len, ver­mumm­ten Köp­fe, die Fa­na­tis­mus und Tod sä­ten, ka­men.“

Er über­lebt schwer ver­letzt, weil die Mör­der ihn für tot hal­ten – wie er da liegt, in sei­ner Blut­la­che. Nach zwei Mi­nu­ten der Schie­ße­rei, die ihm end­los lang vor­kom­men, flie­hen die Män­ner. Zwei Ta­ge spä­ter wer­den die Brü­der Ché­rif und Saïd Kou­achi von der Po­li­zei ent­deckt und ge­tö­tet.

Mi­nu­ti­ös be­schreibt der Kun­stund Li­te­ra­tur­kri­ti­ker in sei­nem Buch „Der Fet­zen“das Blut­bad wäh­rend ei­ner Re­dak­ti­ons­kon­fe­renz von Char­lie Heb­do, wo an je­nem 7. Ja­nu­ar 2015 Frank­reichs be­rühm­tes­te Ka­ri­ka­tu­ris­ten nie­der­ge­met­zelt wur­den. Vor al­lem aber schil­dert er, was da­nach pas­siert ist.

Zu ei­nem Ge­spräch dar­über ist der 56-Jäh­ri­ge ger­ne be­reit, aber ei­nes stellt er gleich vor­ne­weg klar: Er hat ei­nen klei­nen Sohn und sein Ta­ges­ab­lauf rich­tet sich nach des­sen Krip­pen­zei­ten. Das ist nicht nur wich­tig, um ei­nen ge­eig­ne­ten Ter­min und Ort zu fin­den – ein Pa­ri­ser Ca­fé in der Nä­he sei­ner Woh­nung. Son­dern so gibt er auch be­reits Aus­kunft über die jüngs­te er­staun­li­che Wen­dung in sei­nem Le­ben: Dass er mit Mit­te 50 zum ers­ten Mal und nach so vie­len see­li­schen und kör­per­li­chen Prü­fun­gen Va­ter ge­wor­den ist, ge­hört für Lançon zur „Re­van­che des Le­bens“. Zu den Über­ra­schun­gen, die es noch be­reit hielt – aus­ge­rech­net für ihn, der nach dem An­schlag mit al­len Freu­den, ja mit dem Le­ben an sich ab­ge­schlos­sen hat­te.

Die Ter­ro­ris­ten schos­sen ihm den Kie­fer weg, ver­wun­de­ten ihn am Arm und an der Hand. Der An­blick des zer­fetz­ten un­te­ren Drit­tels sei­nes Ge­sichts ver­an­lass­te ei­nen der her­bei­ge­ru­fe­nen Feu­er­wehr­män­ner zu dem ent­setz­ten Aus­ruf: „Das ist ei­ne Kriegs­ver­let­zung!“

Es war ein ein­sei­ti­ger, fa­na­ti­scher Krieg, den die Brü­der Kou­achi Frank­reich er­klärt hat­ten und der Auf­takt ei­ner blu­ti­gen Ter­ror-Se­rie, die in der Fol­ge nicht nur Pa­ris, son­dern vie­le an­de­re Städ­te tref­fen soll­te. Die Is­la­mis­ten grif­fen die Sa­ti­re­zeit­schrift als Sym­bol der Pres­se­und Mei­nungs­frei­heit an und „räch­ten“den Pro­phe­ten, den das Blatt häu­fig ver­spot­tet hat­te, das sich seit je­her über al­le Re­li­gio­nen und de­ren Ver­tre­ter lus­tig mach­te.

Zwölf Men­schen er­mor­de­ten die bei­den Tä­ter, elf ver­letz­ten sie teils schwer, dar­un­ter Phil­ip­pe Lançon. Wäh­rend die Wor­te „Je su­is Char­lie“(„Ich bin Char­lie“) um die Welt gin­gen und sich 1,5 Mil­lio­nen Men­schen in Pa­ris zu ei­nem So­li­da­ri­täts­marsch zu­sam­men­fan­den, er­leb­te er das Dra­ma als ganz per­sön­li­ches. Und ge­nau so schil­dert er es auch.

Sein Buch, das in Frank­reich be­reits im letz­ten Früh­jahr er­schie­nen ist, wur­de mit Li­te­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net, mehr­mals neu auf­ge­legt und ist nun auch auf Deutsch er­schie­nen. Der ra­bi­at klin­gen­de Ti­tel „Der Fet­zen“stammt von Lançons Chir­ur­gin Chloé, die im Buch ei­ne zen­tra­le Rol­le ein­nimmt, weil er all sei­ne Hoff­nung in ihr Kön­nen setzt. In lang­wie­ri­ger Ar­beit hat sie an die Stel­le sei­nes größ­ten­teils weg­ge­ris­se­nen Un­ter­kie­fers ei­nen Teil sei­nes rech­ten Wa­den­beins trans­plan­tiert, um ihm wie­der ein voll­stän­di­ges Ge­sicht zu ge­ben. 17 Ope­ra­tio­nen wa­ren da­für nö­tig.

Wer frü­he­re Fo­tos von Phil­ip­pe Lançon mit sei­nem heu­ti­gen Aus­se­hen ver­gleicht, sieht die Ve­rän­de­rung so­fort; an­dern­falls deu­tet nur ei­ne Mar­kie­rung auf der Un­ter­lip­pe die Ver­wand­lung an. Über den Un­ter­kie­fer ist ein grau-schwar­zer Bart ge­wach­sen. „Salz und Pfef­fer“nen­nen die Fran­zo­sen die­se Farb­mi­schung im Haar von Män­nern mitt­le­ren Al­ters. Wenn Lançon lä­chelt, dann tut er es vor al­lem mit den Au­gen, wäh­rend die Mund­par­tie weit­ge­hend be­we­gungs­los bleibt.

Doch der Ein­druck ei­nes ru­hi­gen, fra­gi­len Man­nes, den sein erns­ter Blick, die ru­hi­ge Stim­me und die zier­li­che Gestalt ver­mit­teln, täuscht. Der 56-Jäh­ri­ge, der sich im Ca­fé ei­ne ru­hi­ge Ecke am Fens­ter aus­ge­sucht und ei­ne Co­la light be­stellt hat, re­det gern und viel – ei­nen „Ge­schwät­zi­gen“nennt er sich selbst. In sei­nen Ar­ti­keln für Char­lie Heb­do und die lin­ke Ta­ges­zei­tung Li­bé­ra­ti­on konn­te er sich nie kurz fas­sen. Auch das Buch mit sei­nen 551 Sei­ten ist aus­führ­lich und sehr in­tim, nach­denk­lich, manch­mal iro­nisch und wohl ge­ra­de durch die ra­di­ka­le Ehr­lich­keit, die kei­ne ne­ga­ti­ven oder po­si­ti­ven Emo­tio­nen aus­lässt, so be­we­gend.

Die Ar­beit dar­an hat­te für ihn ei­ne „the­ra­peu­ti­sche Wir­kung“, sagt Lançon. Fä­hig da­zu war er erst, als die schlimms­te Pha­se über­wun­den war, in der er dach­te, nie­mals wie­der in ein selbst­stän­di­ges Le­ben zu fin­den. „Man braucht ein Mi­ni­mum an Dis­tanz zu sich selbst, um schrei­ben zu kön­nen, oh­ne dass es sen­ti­men­tal wird“, sagt er. „Nach und nach lös­te ich mich von der Per­son, um die es ging. Der Phil­ip­pe Lançon des Bu­ches ist für mich zu ei­ner Fi­gur ge­wor­den. Zu­gleich ist al­les re­al pas­siert.“

In der ers­ten Zeit nach dem An­schlag war Lançon zum Schwei­gen ver­dammt. Das Buch ba­siert zum ei­nen auf Mails, die er in die­ser Zeit schrieb, aber auch auf Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen sei­nes Bru­ders Arn­aud, der sich vol­ler Hin­ga­be um ihn küm­mer­te – und auf Er­in­ne­run­gen, die sich ihm ein­ge­brannt ha­ben. Er­eig­nis­se aus sei­nem frü­he­ren Le­ben als Re­por­ter sind eben­so in den pa­ckend prä­zi­sen Er­fah­rungs­und Ge­fühls­be­richt ein­ge­flos­sen wie li­te­ra­ri­sche An­spie­lun­gen an Wer­ke, die ihn ge­prägt ha­ben.

Lançon be­schreibt, wie nach dem An­schlag al­le, die sich ihm nä­her­ten, von ei­nem an­de­ren Stern zu kom­men schie­nen – dem Stern, auf dem das Le­ben wei­ter­geht, wäh­rend er sich den To­ten, sei­nen eins­ti­gen Freun­den und Kol­le­gen, nä­her fühlt: „Das Ge­fühl, dass sie mir ent­glit­ten, mach­te mich noch viel trau­ri­ger und ein­sa­mer als al­les, was ich sonst zu be­wäl­ti­gen hat­te.“Trotz des stän­di­gen Po­li­zei­schut­zes so­gar im OP-Raum plag­te ihn die Angst vor der Rück­kehr der Mör­der, oh­ne sich nä­her für sie zu in­ter­es­sie­ren. Die­se dumpf Has­sen­den er­schie­nen ihm nicht wür­dig da­für.

Um ihn spinnt sich ein en­ger Ko­kon aus Na­he­ste­hen­den, dar­un­ter sei­ne Ex-Frau Ma­ry­lin, mit der ihn noch viel ver­bin­det, und sei­ne er­schüt­ter­ten El­tern. „Mit 51 Jah­ren wur­de ich wie­der zu ih­rem Säug­ling“, sagt Lançon heu­te. Die wich­tigs­te Per­son in die­ser Zeit zwi­schen Ver­bands­wech­seln und Ope­ra­tio­nen wur­de al­ler­dings sei­ne Chir­ur­gin Chloé. In sei­nem Buch cha­rak­te­ri­siert er sie so: „Chloé war nah und fern, ge­recht und un­ge­recht, wohl­wol­lend und streng, all­mäch­tig und all­dis­tan­ziert. Sie war die un­voll­kom­me­ne Fee, die mir, über mei­ne Wie­ge ge­beugt, ein zwei­tes Le­ben ge­schenkt hat­te.“

Und dann ist da die star­ke Lie­bes­ge­schich­te mit der Tän­ze­rin Ga­b­rie­la, die in New York lebt, dort selbst mit gro­ßen Pro­ble­men ringt und die „mich über al­les Vor­ge­fal­le­ne und Be­vor­ste­hen­de, über ir­gend­et­was, ja wo­mög­lich ein­fach über mich selbst hin­weg­trös­ten soll­te“, wie er schreibt. Sie eilt an sein Kran­ken­bett, um an sei­ner Sei­te zu sein – und doch ent­frem­det er sich von ihr, weil er nicht mehr der­sel­be ist und nur um sich selbst kreist. Ga­b­rie­la ist nicht die Mut­ter sei­nes kürz­lich ge­bo­re­nen Kin­des: Mehr möch­te Lançon, der so viel Pri­va­tes in sei­nem Buch preis­ge­ge­ben hat, nicht über sein heu­ti­ges Le­ben sa­gen.

Gut vier Jah­re nach den Vor­fäl­len ver­fasst er zwar Ko­lum­nen, Kun­stund

Die Mör­der hiel­ten ihn für tot und lie­ßen ihn lie­gen

Chloé, die Chir­ur­gin, wird zur wich­tigs­ten Per­son für ihn

Li­te­ra­tur­kri­ti­ken für sei­ne bei­den Zei­tun­gen, ist aber im­mer noch krank­ge­schrie­ben. Vor ei­nem Mo­nat muss­te er sich ei­ner neu­er­li­chen Ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen. Er hat wei­ter­hin Schmer­zen, das Es­sen be­rei­tet ihm Pro­ble­me, er deu­tet auf sei­nen Kie­fer: „Der lässt sich nie ver­ges­sen.“Po­li­zei­schutz hat er längst nicht mehr, fühlt sich auch nicht be­droht von po­ten­zi­el­len Ter­ro­ris­ten. „Die­se Leu­te le­sen nicht“, sagt er. „Sie in­for­mie­ren sich über die so­zia­len Netz­wer­ke. Auch die Kou­achiB­rü­der ha­ben Char­lie Heb­do wohl nie­mals auf­ge­schla­gen.“

Fast täg­lich er­hält er Post von Le­sern, die oft­mals Krank­hei­ten und Ope­ra­tio­nen durch­ste­hen muss­ten und sich ver­stan­den füh­len. „Es freut mich, dass mein Buch so vie­le Men­schen be­rührt und an­spricht. Das ist das Bes­te, was ei­nem Schrift­stel­ler pas­sie­ren kann“, sagt Lançon, der mit zwei vor­he­ri­gen Ro­ma­nen we­ni­ger Er­folg hat­te. In ge­wis­ser Hin­sicht ist es für ihn ei­ne wei­te­re „Re­van­che des Le­bens“.

Phil­ip­pe Lançon: Der Fet­zen. Aus dem Fran­zö­si­schen von Ni­co­la De­nis. Ver­lag Klett-Cot­ta, 551 Sei­ten, ge­bun­den mit Schutz­um­schlag. 25 Eu­ro

Fo­to: Chris­to­phe Archam­bault, afp

Phil­ip­pe Lançon hat den An­schlag auf „Char­lie Heb­do“über­lebt. Sein Un­ter­kie­fer muss­te müh­sam re­kon­stru­iert wer­den.

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