Un­ter­wegs auf al­ten Hir­ten­we­gen

Tad­schi­kis­tan Wer sich auf den aben­teu­er­li­chen Weg ins Serafschan-Tal macht, er­lebt atem­be­rau­ben­de Na­tur und herz­li­che Gast­ge­ber. Und ein Land, das den Tou­ris­mus ent­deckt

Wertinger Zeitung - - Reise-Journal - / Von Alex­an­der Vucko

Ei­ne of­fi­zi­el­le Sta­tis­tik ist nicht auf­zu­trei­ben. Aber die Er­fah­run­gen der Ein­hei­mi­schen spre­chen ei­ne kla­re Spra­che. Nicht Au­to­un­fäl­le, In­fek­tio­nen, ver­schmutz­tes Lei­tungs­was­ser oder gar Über­fäl­le ber­gen für Tou­ris­ten in Tad­schi­kis­tan die größ­te Ge­fahr. Es sind Stür­ze in Lö­cher, Ent­wäs­se­rungs­rin­nen und über Ab­sät­ze, die auf Geh­stei­gen und ent­lang der Stra­ßen im Dun­keln lau­ern. Ken­neth Berger ist solch ein Mal­heur ein­mal in der Pro­vinz pas­siert.

„Den ver­stauch­ten Fuß ha­be ich erst da­heim be­han­deln las­sen“, sagt der 33-jäh­ri­ge ge­müt­li­che Bri­te, ein Mar­ke­ting­chef mit Bart und Bauch­an­satz. Er hat das Land ge­ra­de zum zwei­ten Mal be­reist, war­tet in ei­nem Ca­fé in der Haupt­stadt Du­schan­be auf sei­nen Heim­flug und sagt, dass die Kran­ken­häu­ser nicht den al­ler­bes­ten Ruf ha­ben. „But hey, it’s a chal­len­ge and a lovely place on earth“, ruft Berger und nippt an sei­nem Tee – es ist al­les ei­ne Her­aus­for­de­rung und ein lie­bens­wer­tes Stück Er­de. Bei­des cha­rak­te­ri­siert die­ses ärms­te Land Zen­tral­asi­ens wohl am bes­ten.

Wei­te Tei­le Tad­schi­kis­tans sind Hoch­ge­bir­ge. Die Na­tur zeigt ihr rau­es Ge­sicht in ei­nem Land, das sich bis heu­te nicht von der Un­ab­hän­gig­keit der da­ma­li­gen So­wjet­uni­on und ei­nem Bür­ger­krieg er­holt hat. Tad­schi­kis­tan über­wäl­tigt mit Kon­tras­ten: die höchs­ten Ber­ge und der längs­te Glet­scher, satt­far­be­ne Blu­men­tä­ler und öde Mond­land­schaf­ten, quir­li­ge Basa­re in Städ­ten und ar­chai­sches Le­ben in ab­ge­le­ge­nen Dör­fern. Die grü­ne Haupt­stadt Du­schan­be gilt zu Recht als kul­tu­rel­le und ar­chi­tek­to­ni­sche Schatz­kam­mer des Lan­des. Man­che sa­gen, hier zei­ge sich auch po­li­ti­scher Grö­ßen­wahn. Tou­ris­ten be­stau­nen dort den im­po­san­ten Säu­len­wald des Pa­las­tes der Na­tio­nen und ei­nen der höchs­ten Fah­nen­mas­ten der Welt

mit 165 Me­tern. Für vie­le Be­su­cher ist der Auf­ent­halt dort aber mehr Pflicht. Sie steu­ern von Du­schan­be aus di­rekt den Pa­mir-High­way im Os­ten an, die zweit­höchst ge­le­ge­ne be­fes­tig­te Fern­stra­ße der Er­de. Die Pis­te führt Wan­de­rer und Berg­stei­ger di­rekt aufs Dach der Welt mit sei­nen Sechs- und Sie­ben­tau­sen­dern an der Gren­ze zu Chi­na.

Nur ver­ein­zelt ver­las­sen Rei­sen­de die Haupt­stadt Rich­tung Nor­den. Das Au­to mit­samt Fah­rer zu mie­ten, gilt als sinn­volls­tes Ver­kehrs­mit­tel am Bo­den für al­le, die nicht auf das ge­län­de­gän­gi­ge Rad oder Trek­king set­zen. Weit hin­ter dem Anz­ob-Pass führt sie der Weg in das Serafschan-Tal, das auf der be­rühm­ten Sei­den­stra­ße auch von Us­be­kis­tan aus er­reicht wer­den kann. In die­sem west­li­chen Eck Tad­schi­kis­tans ra­gen die schrof­fen Gip­fel des Fan-Ge­bir­ges im­mer noch bis über 5000 Me­ter in die Hö­he – ein Pa­ra­dies für Be­su­cher, die per pe­des die Ein­sam­keit su­chen. Be­rühmt ist die Berg­ket­te vor al­lem we­gen ih­rer schil­lern­den Berg­seen.

Tuychi­kul Bo­turov, 43, be­grüßt sei­ne Gäs­te, in­dem er die Hand aufs Herz legt. Du bist will­kom­men, keh­re ein, wir lie­ben dich, meint die­se Ges­te. Ein Mehmon, ein Gast, sei das größ­te Ge­schenk der Tad­schi­ken, sagt der Mann mit braun ge­brann­tem Ge­sicht und dich­tem schwar­zen Haar. Der Berg­füh­rer be­treibt mit sei­ner Frau Te­mu­ro­va Zo­hi­ra, ei­ner Kran­ken­schwes­ter, in ei­nem eng ein­ge­schnit­te­nen Sei­ten­tal ei­ne ein­fa­che Un­ter­kunft. Durch die pieksau­be­ren Gäs­te­zim­mer läuft der drah­ti­ge klei­ne Haus­herr in Woll­so­cken.

Er zeigt stolz, was den Be­su­cher er­war­tet. Was­ser aus dem Hahn gibt es dort, ein ge­flies­tes Bad mit frei ste­hen­der Wan­ne. So­gar ei­ne elek­tri­sche Wasch­ma­schi­ne steht den Ur­lau­bern zur Ver­fü­gung. Über sei­nem „Ho­mestay Mi­jgon“be­rüh­ren die Berg­gip­fel den Him­mel. Von der Un­ter­kunft aus bringt Tuychi­kul gut 150 Gäs­te pro Sai­son bei mehr­tä­gi­gen Wan­de­run­gen auf al­ten Hir­ten­pfa­den durch das Fan-Ge­bir­ge. „Du musst al­les da­bei­ha­ben“, sagt er. Zel­te, Schlaf­sä­cke, Ko­chu­ten­si­li­en. Esel neh­men den Wan­de­rern ei­nen Teil der Last ab. Ein Hüt­ten­und We­ge­netz, wie in den Al­pen, gibt es nicht an­satz­wei­se.

Das Fan-Ge­bir­ge ist zum zweit­stärks­ten Tou­ris­ten­ziel in Tad­schi­kis­tan ge­wor­den, sagt der Lei­ter des Tou­ris­mus­bü­ros, Za­far No­rov. „Wir er­le­ben ge­ra­de­zu ei­nen Gäs­teBoom.“Zu­min­dest für ta­dschi­ki­sche Ver­hält­nis­se. Der Frem­den­ver­kehr­s­chef kennt auch ma­ge­re Zei­ten, als nach dem Zer­fall der So­wjet­uni­on sein Bü­ro ge­schlos­sen war. Die Gren­ze zu Us­be­kis­tan ist mitt­ler­wei­le dau­er­haft ge­öff­net, die his­to­ri­sche Sei­den­stra­ße wer­de zum Be­su­cher­ma­gne­ten. Die Po­li­tik hat das tou­ris­ti­sche Po­ten­zi­al ent­deckt und will mit ei­nem Re­form­pro­gramm ge­setz­li­che und steu­er­li­che Er­leich­te­run­gen für An­bie­ter und ein güns­ti­ges In­ves­ti­ti­ons­kli­ma schaf­fen. Tou­ris­mus­chef No­rov blickt von sei­nem Bü­ro auf die Ge­röll­flan­ken des Fan-Ge­bir­ges und blät­tert in ei­nem Gäs­te­buch mit Oden an die Gast­freund­schaft.

Ame­ri­ka­ner, En­g­län­der, Aus­tra­li­er bu­chen Berg­füh­rer Bo­turov. Be­son­ders will­kom­men im Land sei­en Deut­sche und das, was sie ver­kör­pern, er­zählt er. Au­to­mar­ken aus Rüs­sels­heim und Wolfs­burg sind be­liebt in ei­nem Land, das we­der War­tungs­hef­te noch Pan­nen­diens­te kennt. An al­ten Last­wa­gen, die über Päs­se krie­chen, hän­gen Schil­der, auf de­nen „fern, schnell, gut“zu er­ken­nen ist.

In Du­schan­be bil­den auf­fäl­lig vie­le Fahr­zeu­ge der Edel­mar­ken aus Stutt­gart und Mün­chen den har­ten Ge­gen­pol zu Ar­mut und me­ckern­den Zie­gen in den Ne­ben­stra­ßen. Über den Weg man­cher Ka­ros­se quer durch Eu­ro­pa auf asia­ti­sche Au­to­märk­te gibt es wil­de Theo­ri­en. Zu viel Nach­fra­gen ver­dirbt den Ver­käu­fern die Lau­ne.

Deutsch­land steht in dem ab­ge­le­ge­nen Land nicht nur für PS, son­dern vor al­lem für Frei­heit, Si­cher­heit, Sau­ber­keit, Zu­ver­läs­sig­keit, An­ge­la Mer­kel. Und Know-how. Die Welt­hun­ger­hil­fe mit Sitz in Bonn un­ter­stützt Berg­bau­ern und Frau­en­grup­pen da­bei, ih­re kar­gen Obst- und Ge­mü­se­fel­der zu be­wirt­schaf­ten und von der ei­ge­nen Ern­te zu le­ben. Da­von zeu­gen an den brau­nen Ber­gen mit ih­ren wei­ßen Kup­pen be­wäs­ser­te Ter­ras­sen, auf de­nen Pap­peln und Apri­ko­sen­bäu­me im Son­nen­licht glü­hen. Auch der Auf­bau tou­ris­ti­scher Struk­tu­ren als Ein­kom­mens­quel­le soll hel­fen. Di­rekt­ver­mark­tung land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­te und der Ein­satz sau­be­rer Ener­gie zäh­len da­zu. „Wenn wir Gäste­häu­ser im Serafschan-Tal mit So­lar­an­la­gen aus­stat­ten, stei­gert das nicht nur den Le­bens­stan­dard der Be­woh­ner, son­dern auch den Kom­fort der Gäs­te“, sagt Ro­my Lehns, Lan­des­di­rek­to­rin der Welt­hun­ger­hil­fe.

Ta­dschi­ki­sche Frau­en sol­len die bun­tes­ten Klei­der im asia­ti­schen Raum tra­gen. Das zeigt auch das An­ge­bot in dem klei­nen Sou­ve­nirund Hand­ar­beits­la­den in der Stadt Pandscha­kent, dem ur­ba­nen Zen­trum des Serafschan-Ta­les. Ein rie­si­ges Gra­bungs­are­al mit sei­nen Tem­pel- und Häu­ser­rui­nen, den ehe­ma­li­gen Pa­läs­ten und Ne­kro­po­len lässt Be­su­cher die Be­deu­tung der ehe­ma­li­gen sog­di­schen Haupt­stadt aus dem 5. Jahr­hun­dert er­ah­nen. Im 8. Jahr­hun­dert zer­stört und ver­las­sen, wird die Stadt heu­te das Pom­pe­ji Zen­tral­asi­ens ge­nannt. Dort ver­kauft Gha­nie­va Maksu­da Tü­cher, De­cken, Tee­hü­te und Schlüs­sel­an­hän­ger in kräf­ti­gen Far­ben, die ih­ren Glanz in glanz­lo­sen Re­so­pal­re­ga­len ent­fal­ten. „Al­les ori­gi­nal“, sagt sie lä­chelnd un­ter den Au­gen des ta­dschi­ki­schen Prä­si­den­ten Emo­ma­lij Rahmon. „Die Tou­ris­ten lie­ben un­se­re bun­ten Stof­fe“, sagt die Frau, die ei­ne mo­der­ne schwar­ze Le­der­ja­cke über ih­rem tra­di­tio­nel­len Kleid trägt. Bil­lig­wa­re aus Nach­bar­län­dern möch­te sich hier nie­mand un­ter­ju­beln las­sen. Das In­ter­es­se der Gäs­te an Land und Leu­ten sei rie­sig. Nun müs­se das An­ge­bot mit der Nach­fra­ge mit­hal­ten.

Doch die Tad­schi­ken sind da­für be­kannt, für je­des Pro­blem ei­ne Lö­sung zu fin­den. Mit we­ni­gen Aus­nah­men: Im Dun­keln stür­zen, das soll­te man bes­ser ver­mei­den.

Deutsch­land, das ist An­ge­la Mer­kel...

Fo­tos: Vucko

Ei­ne atem­be­rau­ben­de Land­schaft im Serafschan­tal. Der Esel ist noch im­mer be­währ­tes Fort­be­we­gungs­mit­tel, Was­ser­ver­sor­gung am Stra­ßen­rand. Kin­der freu­en sich über Gäs­te.

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