„Po­li­ti­ker ha­ben zu viel Angst, Feh­ler zu ma­chen“

In­ter­view Der Jour­na­list und Buch­au­tor Oli­ver Ge­or­gi er­klärt, war­um po­li­ti­sche De­bat­ten im­mer häu­fi­ger in Phra­sen­schlach­ten aus­ar­ten und war­um sich die Sehn­sucht nach au­then­ti­schen Po­li­ti­kern so sel­ten er­füllt

Wertinger Zeitung - - Politik - Wie wol­len die Deut­schen ih­re Po­li­ti­ker ha­ben? In­ter­view: Simon Kaminski

Ge­or­gi: Das ist ja das Wi­der­sprüch­li­che. Ich se­he das als Fol­ge da­von, dass Po­li­ti­ker eben auch Angst vor zu viel Au­then­ti­zi­tät ha­ben. Dar­an ha­ben si­cher die Me­di­en, aber auch die Wäh­ler ei­ne ge­wis­se Mit­schuld. Al­le for­dern au­then­ti­sche Po­li­ti­ker. „Bit­te seid doch of­fe­ner und na­tür­li­cher“, heißt es. Wenn dann aber ein Peer St­ein­brück oder ein Sig­mar Ga­b­ri­el mal et­was Pro­vo­kan­te­res sa­gen, ist die Em­pö­rung schnell groß. Ro­bert Ha­beck hat dar­aus sei­ne Kon­se­quen­zen ge­zo­gen. Weil der Grü­nen-Po­li­ti­ker auf Twit­ter zwei­mal mit Tweets für Ir­ri­ta­tio­nen sorg­te, die zu­min­dest frag­wür­dig hat er sich aus den so­zia­len Me­di­en zu­rück­ge­zo­gen. Ich hät­te mir ge­wünscht, dass Ha­beck sich nicht zu­rück­zieht, son­dern lie­ber ver­sucht, es künf­tig bes­ser zu ma­chen ... Ge­or­gi: Die Trenn­li­nie ist in die­sem Fall schwer zu zie­hen. Ich war­ne aber da­vor, al­le Po­li­ti­ker un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht zu stel­len. Was für gilt, trifft auch auf Ga­b­ri­el zu: Bei­de Po­li­ti­ker spie­len auf ei­ne Art da­mit, dass sie als kan­tig und au­then­tisch gel­ten. Ins­be­son­de­re Ha­beck mit ei­ni­gem Er­folg. Na­tür­lich fragt man sich dann im­mer: Was da­von ist echt und was Ins­ze­nie­rung? Aber ich fin­de, dass man das dann auch er­tra­gen muss, wenn man Po­li­ti­ker ha­ben will, die nicht stän­dig in Phra­sen spre­chen und sich so im­mer wei­ter von den Bür­gern ent­frem­den. Es ist mir zu ein­fach, im­mer nur mit dem Fin­ger auf die Po­li­ti­ker zu zei­wa­ren, gen. Wir, die Wäh­ler und auch die Me­di­en, brau­chen ei­ne grö­ße­re Feh­ler­to­le­ranz. Po­li­ti­ker ha­ben zu viel Angst, Feh­ler zu ma­chen. Das lähmt. Ge­or­gi: Grund­sätz­lich kann ich es nach­voll­zie­hen, dass Par­tei­en oder auch Mi­nis­te­ri­en ei­ge­ne Me­di­en­ka­nä­le und auch News­rooms ein­rich­ten, weil sich der Nach­rich­ten­strom im­mens be­schleu­nigt hat. Po­li­ti­ker müs­sen im­mer und über­all sprech­fä­hig sein. Der Ver­such, mehr Kon­trol­le über die ei­ge­nen Bil­der und Meldungen zu ha­ben, ist ja auch ei­ne Re­ak­ti­on auf die so­zia­len Netz­wer­ke, in de­nen State­ments schnell au­ßer Kon­trol­le ge­ra­ten kön­nen. Be­denk­lich wä­re das dann, wenn Par­tei­en da­mit ver­su­chen wür­den, die her­kömm­li­chen Me­di­en aus­zu­schlie­ßen und ei­ne ei­ge­ne, un­kri­ti­sche Öf­fent­lich­keit zu schaf­fen. Und ei­nes ist klar: Le­ben­di­ger und auHa­beck then­ti­scher wird die po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on durch die­se Ent­wick­lung nicht gera­de. Ge­or­gi: Es gibt ei­ne gro­ße Sehn­sucht nach un­be­que­men Po­li­ti­kern. Da hat sich ei­ni­ges ver­än­dert. Neh­men wir den frü­he­ren SPD-Chef Franz Mün­te­fe­ring: Der war an­fangs als eher lang­wei­li­ger Tech­no­krat ver­schrien. Aber im Rück­blick gilt er vie­len als So­zi­al­de­mo­krat, der noch ver­gleichs­wei­se au­then­tisch ge­re­det hat.

Oli­ver Ge­or­gi, ge­bo­ren 1977, ar­bei­tet als Po­li­ti­k­re­dak­teur bei der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung. Sein Buch „Und täg­lich grüßt das Phra­sen­schwein“, 223 Sei­ten, ist im Du­denVer­lag er­schie­nen.

Foto: Bernd von Ju­trc­zen­ka, dpa

Die Mi­kro­fo­ne sind aus­ge­rich­tet, die Pres­se war­tet. Jetzt bloß kei­ne Feh­ler ma­chen, mag man­cher Po­li­ti­ker in die­ser Si­tua­ti­on den­ken.

Oli­ver Ge­or­gi

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