Ei­ner re­det, al­les tippt

Rat­ge­ber Vier von zehn Mit­ar­bei­tern schau­en in Mee­tings zu­min­dest ab und zu auf ihr Han­dy – und es wer­den im­mer mehr. Höf­lich ist das nicht. Denn die Stim­mung im Raum lei­det enorm

Wertinger Zeitung - - Geld & Leben - VON HA­RALD CZYCHOLL

Schnell ein paar Nach­rich­ten le­sen oder ei­ne Mail schi­cken: Das Smart­pho­ne ist heut­zu­ta­ge fast über­all da­bei – auch in be­ruf­li­chen Mee­tings. Re­gel­mä­ßig wer­den da­bei gän­gi­ge Ver­hal­tens­re­geln au­ßer Kraft ge­setzt und Ge­sprächs­part­ner igno­riert. Doch wenn nur aufs Han­dy ge­starrt wird statt sich dem zu wid­men, wor­um es in dem Mee­ting ei­gent­lich geht, ist das nicht nur grob un­höf­lich und äu­ßerst un­pro­fes­sio­nell: Es kos­tet auch wert­vol­le Ar­beits­zeit, wenn die Teil­neh­mer an­de­re Din­ge tun statt zu­zu­hö­ren und mit­zu­ar­bei­ten.

Die­se Un­sit­te ist weit ver­brei­tet: Laut ei­ner Um­fra­ge von Bit­kom Re­se­arch nut­zen vier von zehn be­rufs­tä­ti­gen Smart­pho­ne-Be­sit­zern ihr Han­dy in Di­enst­be­spre­chun­gen zu­min­dest ab und zu, um Pri­va­tes zu er­le­di­gen: Sie schrei­ben WhatsAp­pNach­rich­ten an Part­ner oder Kin­der, twit­tern, kau­fen auf On­li­neShop­ping-Por­ta­len ein oder le­sen ak­tu­el­le Nach­rich­ten.

Doch auch wenn sich das Mee­ting in die Län­ge zieht und die Ver­su­chung groß ist, sich mit et­was an­de­rem zu be­schäf­ti­gen: „Wäh­rend ei­nes Vor­trags am Han­dy her­um­zu­spie­len ist dem Red­ner ge­gen­über grob un­höf­lich“, sagt Ag­nes Ja­rosch vom Deut­schen Knig­ge-Rat. „Mit­ar­bei­ter soll­ten ihr Te­le­fon am bes­ten in der Ta­sche las­sen oder es je­den­falls nicht be­nut­zen, so­lan­ge ein an­de­rer re­fe­riert.“An­we­sen­de hät­ten im­mer Vor­rang vor Nicht-An­we­sen­den, bringt es die Ben­imm­ex­per­tin auf den Punkt. „Man soll­te im­mer hin­ter­fra­gen, wel­che Bot­schaft man aus­sen­det, wenn ein Mit­mensch ei­nem sei­ne Zeit schenkt und man selbst wäh­rend­des­sen auf dem Smart­pho­ne her­um­tippt.“

Da­ne­ben be­ein­flusst die ex­zes­si­ve Han­dy­nut­zung auch die Stim­mung im Raum. He­ad-down-Syn­drom nen­nen Ex­per­ten das Phä­no­men, wenn in ei­nem Raum vie­le Men­schen mit ih­ren Han­dys be­schäf­tigt sind und die Au­gen nur auf die Dis­plays fi­xiert ha­ben. Die Stim­mung in dem Raum sei da­durch ne­ga­tiv, sagt Fach­frau Ja­rosch. Denn die Kör­per­spra­che sen­det ein kla­res Si­gnal aus. Die ei­ge­ne Hal­tung wir­ke in­tro­ver­tiert, ver­stimmt und fast de­pres­siv.

Grund­sätz­lich müs­se gel­ten, dass der an­we­sen­de Mensch im­mer Vor­rang hat, meint auch Anja Schel­te, Ma­na­ging Part­ner bei der Per­so­nal­be­ra­tung Del­ta Ma­nage­ment Con­sul­tants. „Er hat das Recht auf mei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit. Nichts ist un­höf­li­cher, als wenn mein Ge­gen­über wäh­rend ei­nes Ge­sprächs­kon­takts stän­dig auf sein Smart­pho­ne schaut. Da­mit kom­mu­ni­zie­re ich non­ver­bal: ‚Du in­ter­es­sierst mich nicht wirk­lich‘“, so Schel­te. „Wäh­rend ei­nes Ge­sprächs oder ei­nes Mee­tings ist das Smart­pho­ne da­her grund­sätz­lich ta­bu.“Dies müss­ten die Füh­rungs­kräf­te ein­for­dern und na­tür­lich auch selbst vor­le­ben. „Das gilt im Üb­ri­gen auch für Licht­si­gna­le oder Vi­bra­ti­ons­alarm: die stö­ren glei­cher­ma­ßen, ir­ri­tie­ren die Auf­merk­sam­keit und ver­un­si­chern den Spre­chen­den“, so Schel­te.

Smart­pho­nes ganz aus der be­ruf­li­chen Sphä­re zu ver­ban­nen ist je­doch un­rea­lis­tisch, meint Schel­te. „Na­tür­lich er­in­nern sich die Äl­te­ren un­ter uns gut dar­an, dass die Wirt­schaft auch oh­ne Smart­pho­ne fun­k­nächs­ten tio­niert hat.“Aber rea­lis­tisch sei das heu­te nicht mehr. „Zu sa­gen, wir ar­bei­ten den gan­zen Tag oh­ne Smart­pho­ne, ist so, als wür­de man ei­nem Au­to­fah­rer sa­gen, er sol­le al­le We­ge zu Fuß ge­hen“, so Schel­te. „Das wä­re zwar für sei­ne Ge­sund­heit und un­ser al­ler Um­welt gut, ist aber nicht rea­lis­tisch.“

Statt­des­sen müs­se es Re­geln für ei­nen an­ge­mes­se­nen Um­gang mit dem Smart­pho­ne im Be­ruf ge­ben, meint Schel­te. „Not­wen­dig sind Knig­ge-Re­geln für den Um­gang mit dem Smart­pho­ne, da­mit es das bleibt, was es sein soll­te – näm­lich ein Werk­zeug zur Op­ti­mie­rung der Ar­beit und kein In­stru­ment zur Zer­stö­rung mensch­li­cher Ma­nie­ren.“Da Smart­pho­nes aber his­to­risch be­trach­tet erst seit elf Jah­ren über­haupt exis­tie­ren, „ist es na­tür­lich, dass das zu­ge­hö­ri­ge Re­gel­werk sich ge­sell­schaft­lich erst lang­sam eta­bliert“, so die Ex­per­tin.

Die wich­tigs­te Grund­re­gel sei es, das Smart­pho­ne wäh­rend Mee­tings in der Ta­sche zu las­sen und stumm zu schal­ten. „Soll­te die Re­gel nicht be­folgt wer­den, muss man auch mal den Mut ha­ben, ein Mee­ting er­geb­nis­los ab­zu­bre­chen“, fin­det Per­so­nal­be­ra­te­rin Schel­te. „Re­spekt ist die Grund­la­ge mensch­li­chen Mit­ein­an­ders und muss ab und an auch ein­mal deut­lich ein­ge­for­dert wer­den.“

Die we­nigs­ten Nach­rich­ten sind so wich­tig, dass sie nicht bis zur Kaf­fee­pau­se war­ten könn­ten. Wenn man aber doch mal auf ei­nen wirk­lich drin­gen­den An­ruf oder ei­ne wich­ti­ge Mail war­tet und das Smart­pho­ne des­halb aus­nahms­wei­se griff­be­reit ha­ben muss, soll­te man das den an­de­ren Leu­ten am Tisch vor Sit­zungs­be­ginn kurz er­klä­ren.

Höf­lich ist, wenn die Be­schäf­ti­gung mit dem Te­le­fon dann auch nur kurz dau­ert. „Für Te­le­fo­na­te ist es dis­kre­ter, den Raum zu ver­las­sen“, sagt Knig­ge-Ex­per­tin Ja­rosch. In Bran­chen, in de­nen schnel­le Re­ak­ti­ons­zei­ten auf Nach­rich­ten uner­läss­lich sind, soll­te das bei der Pla­nung von Mee­tings be­rück­sich­tigt wer­den. So kön­ne es sinn­voll sein, in län­ge­ren Mee­tings oder Se­mi­na­ren ne­ben Kaf­fee- auch re­gel­mä­ßi­ge Han­dy­pau­sen ein­zu­pla­nen.

Fällt es den An­we­sen­den in ei­nem Mee­ting all­zu schwer, das Smart­pho­ne oh­ne wich­ti­gen An­lass in der Ta­sche ste­cken zu las­sen, kann man auch die Re­gel ver­ein­ba­ren, dass al­le Te­le­fo­ne wäh­rend ei­nes Mee­tings mit Na­mens­auf­kle­bern ver­se­hen und vor­über­ge­hend ein­ge­sam­melt wer­den. Die US-Re­gie­rung un­ter Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma hat­te sich sei­ner­zeit bei Ka­bi­netts­sit­zun­gen auf ein sol­ches Vor­ge­hen ver­stän­digt. Un­ter Oba­mas Nach­fol­ger im Amt, Do­nald Trump, wä­re das al­ler­dings un­denk­bar – schließ­lich kann man oh­ne Smart­pho­ne nicht twit­tern.

Foto: stock.ado­be.com

Was frü­her un­denk­bar war, ist heu­te in vie­len Mee­tings ganz nor­mal: Vie­le Mit­ar­bei­ter zü­cken ganz un­ge­niert ih­re Smart­pho­nes.

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