Von ei­nem, der an sich selbst schei­ter­te

DFB Rein­hard Gr­in­del woll­te ein mo­ra­lisch un­an­tast­ba­rer Prä­si­dent sein – das ging schief. Statt den Ver­band zu er­neu­ern, geht der eins­ti­ge Be­rufs­po­li­ti­ker nach knapp drei Jah­ren. So schnell wie kein Chef seit 1905

Wertinger Zeitung - - Sport -

Frank­furt/Main Nach fünf Mi­nu­ten hat­te Rein­hard Gr­in­del sein Mea­cul­pa-State­ment hin­ter sich ge­bracht. Fünf Mi­nu­ten, in de­nen der ge­schei­ter­te DFB-Prä­si­dent sich auch selbst die Fra­ge stell­te: „Wie ist das pas­siert?“Ei­ne ge­schenk­te Lu­xus­uhr von ei­nem um­strit­te­nen Funk­tio­närs­kol­le­gen aus der Ukrai­ne hat den viel kri­ti­sier­ten Chef des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB) letzt­lich end­gül­tig stol­pern las­sen. Nur 1082 Ta­gen nach sei­ner Wahl zum DFB-Prä­si­den­ten ist die Amts­zeit des selbst­er­nann­ten Er­bau­ers ei­nes „neu­en DFB“schon wie­der vor­bei – kür­zer war in 119 Jah­ren DFB nur Fried­rich Wil­helm No­he von 1904 bis 1905 an der Ver­bands­spit­ze.

Gr­in­del ist im höchs­ten deut­schen Fuß­ball­amt vor al­lem an sich selbst ge­schei­tert. Der Pre­di­ger ei­nes mo­ra­lisch un­an­tast­ba­ren Fuß­bal­lFunk­tio­närs­we­sens muss­te sich letzt­lich an sei­nen Maß­stä­ben mes­sen las­sen. Ob er mit die­sem Ma­lus sei­ne Pos­ten bei Ue­fa und Fifa noch bis zum Ablauf der Amts­zei­ten in zwei und vier Jah­ren be­hal­ten wird, darf be­zwei­felt wer­den. Das teu­re Ge­schenk war aber nur der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen brach­te. Aus­ge­rech­net der eins­ti­ge Be­rufs­po­li­ti­ker mit Bun­des­tags­man­dat stürz­te schnell im Fuß­ball­ge­schäft, weil ihm in ent­schei­den­den Si­tua­tio­nen der rich­ti­ge In­stinkt und vor al­lem die nö­ti­gen Seil­schaf­ten fehl­ten. Mit sei­nem Füh­rungs­stil mach­te sich Gr­in­del an­greif­bar – auch des­halb si­cker­ten sei­ne gra­vie­ren­den Feh­ler nun nach und nach an die Öf­fent­lich­keit durch. Glaub­wür­dig­keit zu­rück­ge­win­nen und Zu­sam­men­halt si­chern, pre­dig­te Gr­in­del als obers­tes Ziel für den DFB und fiel letzt­lich über das Ge­schenk von Gri­go­ri Sur­kis, sei­nen für Ethik­zwei­fel be­kann­ten Ue­fa-Kol­le­gen aus der Ukrai­ne. Die we­ni­ge Ta­ge zu­vor pu­blik ge­wor­de­nen Bo­nus­zah­lun­gen von 78000 Eu­ro als Auf­sichts­rat ei­ner DFB-Toch­ter­fir­ma er­wähn­te Gr­in­del in sei­nem Rück­tritts­state­ment gar nicht mehr. „Ich ent­schul­di­ge mich da­für, dass ich durch mein we­nig vor­bild­li­ches Han­deln im Zu­sam­men­hang mit der Uhr Vor­ur­tei­le be­stä­tigt ha­be. Je­der, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geld­gie­rig bin“, sag­te Gr­in­del.

Geld­gier wä­re auch lan­ge nicht der Vor­wurf ge­gen den ge­bür­ti­gen Ham­bur­ger ge­we­sen. Eher enor­me Un­ge­schick­lich­keit in Füh­rungs­fra­gen wie die un­nö­ti­ge Ver­trags­ver­län­ge­rung mit Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw vor der WM 2018 und feh­len­des Rück­grat, als es dar­um ging, Me­sut Özil in der Er­do­ganAf­fä­re vor rech­ten Pa­ro­len zu schüt­zen, krei­de­te man ihm an. Schnell wa­ren Aus­sa­gen des Po­li­ti­kers her­vor­ge­kramt, die ihn als In­te­gra­ti­ons­geg­ner ou­te­ten – kon­trär zur aus­län­der­freund­li­chen DFB-Po­li­tik.

Im­mer wie­der muss­ten Gr­in­del selbst oder sei­ne Me­dien­leu­te State­ments ein­fan­gen, von miss­ver­ständ­li­chen Kom­men­ta­ren zum Vi­deo­be­weis bis zur Löw-Aus­mus­te­rung der WM-Hel­den Tho­mas Müller, Mats Hum­mels und Jé­rô­me Boateng. Der eins­ti­ge TV-Mo­de­ra­tor Gr­in­del war sich der Durch­schlags­kraft sei­ner Wor­te of­fen­bar nicht be­wusst.

Als Gr­in­del an die Macht kam, war der DFB durch den Skan­dal um das Som­mer­mär­chen 2006 im Kern er­schüt­tert. Der CDU-Mann nutz­te das Macht­va­ku­um nach dem Rück­tritt von Wolfgang Niers­bach ganz ge­schickt. Bei den Ama­teur­ver­bän­den durch sei­ne Kon­tak­te in Nie­der­sach­sen ge­schätzt und bei der Pro­fiab­tei­lung ak­zep­tiert, er­füll­te der heu­te 57-Jäh­ri­ge die An­sprü­che.

Doch was Gr­in­del auch an­fass­te, als strah­len­der Sie­ger konn­te er sich nie prä­sen­tie­ren und hat­te zu­dem noch das Pech, dass der sport­li­che Nie­der­gang der Na­tio­nal­mann­schaft nach dem rau­schen­den WMSieg 2014 ge­nau in sei­ne Amts­zeit fiel – kul­mi­nie­rend im De­sas­ter in Russ­land im Som­mer 2018. Der Fresh­fiel­ds-Be­richt zur Auf­klä­rung der Ma­chen­schaf­ten um die WMVer­ga­be 2006 lie­fer­te als ers­te gro­ße Auf­ga­be sei­ner Amts­zeit kei­ne be­frie­di­gen­den Ant­wor­ten. Gr­in­del er­klär­te das The­ma den­noch ein­fach für be­en­det. Vol­len Fo­kus rich­te­te Gr­in­del auf die EM-Be­wer­bung 2024. Der Zu­schlag im Sep­tem­ber 2018 gab ihm Auf­trieb. „Ich freue mich, dass ich ei­nen Bei­trag leis­ten konn­te, die Eu­ro 2024 nach Deutsch­land zu ho­len“, sag­te Gr­in­del. In klei­ne­ren Ge­sprächs­krei­sen be­zeich­net sich Gr­in­del auch ger­ne als Ga­rant für die Heim-EM.

Bei der Ue­fa heißt es hin­ge­gen hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand schon lan­ge: Deutsch­land be­kam die EM nicht we­gen Gr­in­del, son­dern trotz Gr­in­del. Beim Kon­ti­nen­tal­ver­band soll er als zu­stän­di­ger Mann für gu­te Un­ter­neh­mens­füh­rung mit sei­ner ver­bis­se­nen Hal­tung ge­gen je­des Fehl­ver­hal­ten vie­le Funk­tio­nä­re ge­nervt ha­ben. Um­so er­staun­li­cher, dass Gr­in­del selbst über solch ein Fehl­ver­hal­ten stürz­te.

Foto: Ar­ne De­dert, dpa

Rein­hard Gr­in­del und der DFB – das war ei­ne Ver­bin­dung, die nur kur­ze Zeit hielt. Am Di­ens­tag ver­kün­de­te der 57-Jäh­ri­ge sei­nen Ab­schied an der Spit­ze des größ­ten Sport­ver­ban­des der Welt. Vor ziem­lich ge­nau drei Jah­ren, als die­ses Bild ent­stand, hat­te er sei­nen Pos­ten an­ge­tre­ten.

Fotos: AFP, Mar­cus Merk

... und BFV-Prä­si­dent Rai­ner Koch.

Sie über­neh­men kom­mis­sa­risch: DFLPrä­si­dent Rein­hard Rau­ball ...

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