Ja­kob Was­ser­mann: Der Fall Mau­ri­zi­us (92)

Wertinger Zeitung - - Wetter | Roman -

Le­on­hart Mau­ri­zi­us sitzt im Ge­fäng­nis. Aber hat er wirk­lich sei­ne Frau um­ge­bracht? Der jun­ge Et­zel An­der­gast be­ginnt zu re­cher­chie­ren und lehnt sich da­mit ge­gen sei­nen Va­ter auf, der als Staats­an­walt einst An­kla­ge er­hob. Nach und nach wird klar, was sich tat­säch­lich er­eig­net hat.

In der Pri­ma des Gym­na­si­ums führ­te ich be­reits den Na­men Wa­rem­me. Durch Ad­op­ti­on. Mein Ad­op­tiv­va­ter war ka­tho­li­scher Schrift­stel­ler, Trak­tät­chen­ver­fas­ser, Agent in dunk­len Ge­schäf­ten und Hetzapos­tel, er war völ­lig när­risch mit mir, er hielt mich für ein Ge­nie. Vi­el­leicht hat­te er so un­recht nicht. Da­mals war ich’s vi­el­leicht. Je­den­falls ver­stand ich es, die Men­schen dar­an glau­ben zu ma­chen. Nicht weil ich’s er­lis­tet hät­te, den­ken Sie das nicht, ich hat­te die Welt in der Faust und mo­del­te sie mir wie ein Stück Wachs. Nie ha­be ich um Men­schen ge­wor­ben. Aber bis zu ei­nem ge­wis­sen Ein­schnitt in mei­nem Le­ben hat­te ich un­be­ding­te Ge­walt über al­le, die in mei­nen Kreis tra­ten, ich lern­te Men­schen be­herr­schen, ei­ne Wol­lust oh­ne­glei­chen, ei­ne Kunst, die ge­übt sein will. Der er­wähn­te Na­mens­wech­sel ge­schah un­ter dem Pro­tek­to­rat ei­nes Dom­herrn und mit Hil­fe ei­nes ge­wieg­ten Ad­vo­ka­ten. Daß Tau­fe und Über­tritt zur Kir­che da­mit ver­bun­den

wa­ren, ver­steht sich. Ich hat­te dann frei­en Weg vor mir. Sag­ten Sie et­was, Mohl? Ich dach­te, Sie sag­ten et­was. Frei­en Weg, so ist es. Un­sicht­ba­re Hän­de eb­ne­ten ihn. Die Uni­ver­si­täts­jah­re, Bres­lau, Je­na, Freiburg, im­mer von Os­ten nach Wes­ten, lau­ter Tri­umph­sta­tio­nen. Ja, von Os­ten nach Wes­ten, im­mer wei­ter, von der Tie­fe in die Hö­he, dann wie­der in die Tie­fe, die al­ler­tiefs­te Tie­fe: von Os­ten nach Wes­ten wie die Son­ne. Aber ich schwei­fe wie­der ab. Ich leb­te sor­gen­los, mein Va­ter hat­te mir zwar so gut wie nichts hin­ter­las­sen, aber Mit­tel flos­sen mir reich­lich zu, glän­zen­de Emp­feh­lun­gen öff­ne­ten mir al­le Tü­ren, ich wur­de Mit­glied ex­klu­si­ver Ver­bin­dun­gen, ich sprach mit ge­fürch­te­ten Wür­den­trä­gern wie mit mei­nen Vet­tern, und ich leg­te mich da­bei nicht auf die Bä­ren­haut, Mohl, in kei­ner Wei­se. Ra­bia­ter Fleiß ist ja das Erb­teil mei­ner Ras­se, ich wuß­te nicht wo­hin mit all den Kräf­ten in mir, Kräf­ten aus un­ter­ir­di­schen Strö­men, aus dem un­ver­brauch­ten Vor­rat von Ge­schlech­tern, ich fühl­te mich zu merk­wür­di­gen Din­gen be­ru­fen, ich war mei­nen Ta­gen nicht feind, ah, in kei­ner Wei­se, der Phi­lo­soph Wa­rem­me be­flü­gel­te den Dich­ter Wa­rem­me, die­ser den geis­ti­gen Schät­ze­he­ber, der Mitt­ler zwi­schen den Men­schen den Füh­rer, die­ser wie­der den Po­li­ti­ker, und da zeig­te sich das Ziel, schöp­fe­ri­sche Po­li­tik, da­zu fühlt ich mich be­ru­fen, die Idee ei­nes ver­wan­del­ten Eu­ro­pa, ei­ner kon­ti­nen­ta­len Ein­heit un­ter deut­scher, deut­sch­rö­mi­scher He­ge­mo­nie en­thu­si­as­mier­te mich, ah, was für Träu­me! ra­sen­de Träu­me! Ich woll­te mich na­tür­lich an kein Amt bin­den, ich schlug die lo­ckends­ten An­ge­bo­te aus, es war mir al­les zu ge­ring, ich hat­te Angst, mein Stern wür­de ver­lö­schen, wenn ich ihn als Lam­pe be­nütz­te, aber dann, mit­ten im Flu­ge, kam der Sturz. Im über­mäch­tigs­ten Flug der gräß­lichs­te Sturz. Aber die Ka­ta­stro­phe hat­te ei­ne son­der­ba­re Lo­gik in sich, ei­ne un­heim­li­che Lo­gik, ich hat­te sie nicht se­hen wol­len, ich glaub­te, ihr trot­zen zu kön­nen, ich… aber zum Teu­fel, Mohl, Sie las­sen mich da schwat­zen, schau­en mich an wie der Hung­ri­ge die But­ter­stul­le… ich glau­be, es ist ver­dammt spät ge­wor­den… auf, auf!…“

Es war nicht sehr spät, zehn Uhr. Sie leg­ten den Weg schwei­gend zu­rück. An der Use­dom­stra­ße woll­te War­schau­er den Kn­a­ben ver­ab­schie­den. Et­zel bat, noch mit hin­auf­kom­men zu dür­fen. Er sei nicht mü­de, so we­nig mü­de, daß er sich vor dem Bett fürch­te. War­schau­er lach­te, mehr im Ma­gen als im Ge­sicht. „Ver­spe­ku­liert, lie­ber Mohl“, knurr­te er, „heut gibt’s kei­ne Ge­schich­ten mehr. War­schau­er und Com­pa­nie schlie­ßen das Bü­ro.“Er steck­te den Schlüs­sel in die Haus­tü­re. Et­zel hat­te die Emp­fin­dung: Jetzt darfst du nicht lo­cker­las­sen, sonst ist al­les hin, mor­gen ist das Auf­ge­tau­te wie­der zu­ge­fro­ren. Mit Schre­cken dach­te er an sein schwin­den­des klei­nes Ka­pi­tal, es wur­de trotz sorg­sams­ter Spar­sam­keit je­den Tag we­ni­ger, was dann, wenn es zu En­de war? Er konn­te sich nicht bei War­schau­er ein­nis­ten, der hat­te sel­ber nichts, das hie­ße auch, sich ihm auf Gna­de und Ungna­de aus­lie­fern. Die Zeit drängt, der al­te Mann in Ha­nau zeigt sein ver­stör­tes Ge­sicht wie ei­ner, nach dem schon der Tod greift, für den an­dern im Zucht­haus ver­rinnt wie­der ei­ne Wo­che und wie­der ei­ne Wo­che, Tris­me­gis­tos sitzt mit über­ein­an­der­ge­schla­ge­nen Bei­nen, halb­ab­ge­kehrt, und schiert sich nicht um Ge­rech­tig­keit. Ir­gend­wo im Un­be­kann­ten sucht die Mut­ter nach ihm, es ist nicht zu er­tra­gen län­ger, nicht zu er­tra­gen, er hat al­le Mü­he, sich zu­sam­men­zu­neh­men, und daß er sich nichts mer­ken läßt, dar­auf kommt es an, daß er kalt­blü­tig bleibt, den Kopf oben be­hält. Er er­kennt nun auch, wo­hin ihn der Mensch zieht, die­ser War­schau­er-Wa­rem­me, in ei­ne Aber­welt wird er hin­ein­ge­saugt, in die un­er­meß­li­chen Fins­ter­nis­se ei­ner macht­vol­len See­le, er hat sich das al­les an­ders ge­dacht, ein­fa­cher, schwie­rig wohl, je­doch mehr im Sinn ei­ner Re­chen­auf­ga­be, ei­nes mit List und Ge­duld auf­zu­dröseln­den Kno­tens, nicht in sol­cher Wei­se schwie­rig, daß ein Le­ben mit sei­ner gan­zen Pro­blem­last ihm auf die Brust sich wälzt, ein ge­heim­nis­vol­ler frem­der, dunk­ler Cha­rak­ter, an dem al­les erst ent­rät­selt wer­den muß, je­den Tag von vor­ne mit ei­nem Mi­ni­mum an Er­fah­rung und ei­nem Ma­xi­mum an Selbst­ver­leug­nung (denn nichts ist ihm ge­heu­er an Wa­rem­me, nichts liebt er an ihm, nichts macht ihn weich, stimmt ihn ver­söhn­lich, am liebs­ten möch­te er ihn ge­bun­den vor sich se­hen und ihn mit ei­nem glü­hen­den Ei­sen in der Hand zwin­gen, zu ge­ste­hen: Ja oder nein; nichts wei­ter: Ja oder nein), ach, al­les, Stück um Stück, her­aus­klau­ben, Stück um Stück wie­der zu­sam­men­set­zen und nicht wis­sen, ob man was er­rei­chen wird, das Ja oder Nein. Er friert, es ist ihm kalt, er fie­bert, es ist ihm heiß, al­le fünf Mi­nu­ten wech­selnd, er sagt sich, wenn du dir nach­gibst, bist du ein Schuft oder ein Tropf, al­so hal­te fest.

Er ging mit hin­auf. Ei­ne hal­be St­un­de hat­te War­schau­er be­wil­ligt. Er hat­te nicht mit der Aus­dau­er, mit der Ge­rie­ben­heit sei­nes „Fa­mu­lus“ge­rech­net, vor al­lem nicht mit dem ei­ge­nen, auf­ge­rühr­ten, sich selbst her­aus­for­dern­den Mit­tei­lungs­be­dürf­nis, das ihn au­to­ma­tisch wei­ter­trieb, ge­nug, es war, wie ich gleich vor­aus­schi­cken will, drei Uhr nachts, als Et­zel das Haus ver­ließ. Als er auf die Stra­ße trat, in der Ge­gend des Exer­zier­plat­zes fahl­te der Him­mel schon, war er zu­nächst nicht im­stan­de, Fuß vor Fuß zu set­zen, er leg­te sich der Län­ge lang auf die stei­ner­ne Staf­fel vor ei­nem Schnaps­la­den, der eben ge­schlos­sen wor­den war, drück­te die fla­chen Hän­de ge­gen die Schul­tern, preß­te die Li­der zu und at­me­te, so tief er konn­te. Da­bei zit­ter­te er fort­wäh­rend. Dies, wie ge­sagt, vor­aus­ge­schickt.

Auf dem en­gen Gang­flur oben war Lärm, als sie die Stie­gen er­klet­tert hat­ten. Wi­der­lich strei­ten­de Stim­men dran­gen aus der Paal­zow­schen Woh­nung. Paal­zows Jun­ge fle­gel­te sei­ne Mut­ter we­gen Geld an, da­zu quäks­te ein Säug­ling er­bärm­lich.

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