Um­schlän­gelt von Or­na­men­ten

Aus­stel­lung So schräg konn­te der Ju­gend­stil sein: Im Münch­ner Stadt­mu­se­um wird der ori­gi­nel­le Ma­ler Carl Strath­mann end­lich wie­der­ent­deckt

Wertinger Zeitung - - Feuilleton - VON CHRIS­TA SIGG

Mün­chen Die­ser Me­du­sa möch­te man nicht im Dun­keln be­geg­nen. So grau­sig glü­hen die blut­un­ter­lau­fe­nen Au­gen. Bei nä­he­rer Be­trach­tung schaut die Gor­go­nen-Da­me dann eher ent­nervt aus, sie muss schließ­lich den Job ih­rer duss­lig drein­bli­cken­den Schlan­gen über­neh­men, die eh nur de­ko­ra­tiv in der Kur­ve hän­gen. Aber das ist ty­pisch für den Münch­ner Ju­gend­stil­ma­ler Carl Strath­mann (1865–1939). Greift er zu ei­nem Mo­tiv, das in der Kunst­ge­schich­te ge­wich­tig bis pa­the­tisch da­her­kommt, dann wird der hei­li­ge Ernst min­des­tens im De­tail un­ter­lau­fen: Bei der Vo­gel­pre­digt des Fran­zis­kus ist ein Storch schon ein­ge­nickt. Und Tod und Teu­fel mar­schie­ren – ziem­lich frei nach Dü­rer – hin­ter ei­nem schwer ge­rüs­te­ten Rit­ter, als wür­de der ei­nen Fa­schings­zug in die nächs­te Dorf­de­stil­le füh­ren.

Die Kunst des Carl Strath­mann ist un­ter­halt­sam, hu­mor­voll, ori­gi­nell und oft ge­nug skur­ril. Wer sei­ne groß­for­ma­ti­gen His­to­ri­en­bil­der mit fa­ta­len Frau­en wie der Schlan­gen­braut „Sa­l­am­bo“kennt oder die ku­rio­sen Blu­men­still­le­ben und spä­ten Kitsch-Land­schaf­ten samt Schwa­nen­teich, wird über­rascht sein. Das Münch­ner Stadt­mu­se­um zeigt end­lich den gan­zen Strath­mann, das heißt, mit fast 150 Ob­jek­ten sämt­li­che Fa­cet­ten sei­nes OEu­vres. Das Haus be­sitzt seit 1964 den Nach­lass, und man fragt sich in ei­ner Tour, wie die­ser Künst­ler ein­fach so ins Ab­seits rut­schen konn­te – aus­ge­rech­net in der Lan­des­haupt­stadt, die seit den 1890er Jah­ren bis zum Tod 1939 Strath­manns Hei­mat war.

Der ele­gan­te Bon­vi­vant, den sein en­ger Freund Lo­vis Corinth 1895 in Aus­gehmon­tur mit Na­sen­zwi­cker und Zi­gar­re por­trä­tier­te, passt aber auch in kei­ne Schub­la­de: Für den Ju­gend­stil und erst recht den Sym­bo­lis­mus ist er im Grun­de zu amü­sant und für den Sur­rea­lis­mus zu früh ge­bo­ren. Doch Strath­mann kann sich’s leis­ten. Als Sohn ei­nes Düs­sel­dor­fer Groß­kauf­manns muss er nicht wirk­lich ar­bei­ten und darf sich an der Kunst­aka­de­mie sei­ner Ge­burts­stadt – dort fliegt er we­gen „Ta­ten­lo­sig­keit“aus der Klas­se – und in Wei­mar aus­pro­bie­ren. Viel mehr steht ihm al­ler­dings der Sinn nach Par­tys und pri­ckeln­den Ge­trän­ken. Die Sekt­fla­schen, die in sei­nen Bil­dern auf­tau­chen, kom­men nicht von un­ge­fähr. Und die lau­ni­gen Post­kar­ten, die er mit Corinth wech­selt, wer­den bald nur mehr mit „Prost!“un­ter­zeich­net.

Der Ehr­geiz ge­hört je­den­falls nicht zu den Be­glei­tern des ge­sel­li­gen Herrn Strath­mann. Da­bei zeu­gen Akt­zeich­nun­gen und Alt-Meis­ter-Ko­pi­en aus Stu­den­ten­ta­gen von ei­ni­gem Ta­lent. Doch der schein­bar ar­beits­scheue Ma­ler, der Ar­nold Böck­lin und Max Klin­ger ver­ehrt, ent­wi­ckelt ei­ne er­staun­li­che Ma­rot­te: Er über­sät die Lein­wand mit Or­na­men­ten. Flo­ra­le For­ma­tio­nen und sti­li­sier­te Was­ser­pflan­zen wu­chern durch die Sze­nen, und Gir­lan­den, Net­ze und Tüp­fe­lei­en sind bis in mi­kro­sko­pi­sche Win­zig­kei­ten hin­ein akri­bisch aus­ge­führt. Ob er nun die Da­naë (1908) im Gold­re­gen oder die spä­ter im Zwei­ten Welt­krieg zer­stör­te Sa­lo­me (1903) malt, ob er ei­ne Ma­ria zwi­schen Dor­nen­ran­ken be­ten lässt (1896) oder Frau­en im Stil von Bel­le-Épo­que-Pla­ka­ten por­trä­tiert. Man wird so­wie­so den Ver­dacht nicht los, die durch­aus zeit­ge­mä­ßen Bild­mo­ti­ve sind für Strath­mann bloß ein Vor­wand, sich wie­der in end­lo­sen Fie­sel­ar­bei­ten zu ver­lie­ren. Und präch­tig soll es sein – des­halb klebt er schon mal schim­mern­de St­ei­ne und Gold­plätt­chen auf sei­ne Ge­mäl­de.

Die­ser Hang zum Kunst­ge­werb­li­chen und De­ko­ra­ti­ven stößt frei­lich auch auf Un­ver­ständ­nis. „Die gro­ße Be­ga­bung“ver­geu­de ihr Ta­lent mit dem Zeich­nen „un­end­lich kunst­vol­ler Spinn­ge­we­be, wo­rin die Ge­dan­ken mit ih­ren schil­lern­den Flü­gel­chen hän­gen blei­ben“, schreibt der Starkri­ti­ker Karl Scheff­ler 1900 zur Ein­zel­aus­stel­lung im re­nom­mier­ten Ber­li­ner Kunst­sa­lon Paul Cas­si­rer. Und bei der zwei­ten Schau schimpft ihn Scheff­ler gleich noch ei­nen Ju­we­lier und Ta­pe­zie­rer. Strath­mann kon­tert nicht, und er bringt sich auch nie in De­bat­ten ein. Da­bei ist er Mit­glied in zahl­rei­chen Künst­ler­ver­ei­ni­gun­gen, in de­nen dau­ernd um Neu­es ge­run­gen wird, und er kennt je­den in der Sze­ne – von Was­si­ly Kand­ins­ky, der ihn in der Pha­lanx prä­sen­tiert, bis zu Tho­mas Theo­dor Hei­ne, Richard Rie­mer­schmid und Pe­ter Behrens.

Strath­mann wer­kelt lie­ber still vor sich hin und trifft die Kol­le­gen abends im Wein­haus Kurtz hin­ter der Frau­en­kir­che. Wenn er laut wird, dann singt er Lie­der. Sein Sa­so mu­rai, der im „De­li­ri­um“wei­ße Mäu­se mit dem Schwert be­kämpft, ist die pu­re Selbst­iro­nie. Doch das fei­ne Schäu­men und Per­len nimmt ein schlei­chen­des En­de. Mit dem Ers­ten Welt­krieg und den Wirt­schafts­kri­sen der 1920er Jah­re ver­liert Strath­mann sein Ver­mö­gen.

1934 muss er das Ate­lier an der Land­wehr­stra­ße auf­ge­ben, und sei­ne Frau Eli­sa­beth bit­tet im Kul­tus­mi­nis­te­ri­um mehr­mals um Er­hö­hung der Künst­ler­pen­si­on. Was der 70-Jäh­ri­ge von den neu­en brau­nen Macht­ha­bern ge­hal­ten hat, ist mit kei­ner Zei­le über­lie­fert. Sei­ne Kunst in­ter­es­sier­te auch kei­nen mehr, und selbst bei der Wie­der­ent­de­ckung di­ver­ser Ju­gend­stil­künst­ler wur­de Strath­mann spä­ter groß­zü­gig über­se­hen. Dass Ku­ra­tor Ni­co Kirch­ber­ger nun flie­hen­de Frosch­kö­ni­ge und ge­stress­te Me­du­sen ans Licht be­för­dert, ist al­so höchst er­freu­lich.

Ju­gend­stil skur­ril. Carl Strath­mann, bis 22. Sep­tem­ber im Münch­ner Stadt­mu­se­um, Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Ka­ta­log (Wi­enand Ver­lag) 29,90 Eu­ro im Mu­se­um

Fo­to: Münch­ner Stadt­mu­se­um

Carl Strath­mann: Me­du­sa (um 1897). Aqua­rell auf Pap­pe.

Carl Strath­mann

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