Weiß und trotz­dem Afro­ame­ri­ka­ner

Pos­se Wie die Bu­da­pes­ter Oper ei­ne Auf­füh­rung von „Por­gy and Bess“recht­fer­tigt

Wertinger Zeitung - - Feuilleton - VON STE­FAN DOSCH

„Por­gy and Bess“von Ge­or­ge Gershwin zählt zu den eher we­ni­gen Opern des 20. Jahr­hun­derts, de­ren Mu­sik selbst an de­nen nicht vor­über­geht, die sich für Mu­sik­thea­ter ei­gent­lich nicht in­ter­es­sie­ren. Die Me­lo­die von „Sum­mer­ti­me“kann je­doch ver­mut­lich je­der pfei­fen, und auch Songs wie „I got ple­nty o’ nut­tin’“oder „I loves you, Por­gy“sind Ohr­wür­mer.

Das Stück vom Le­ben der Afro­ame­ri­ka­ner im US-Sü­den des spä­ten 19. Jahr­hun­derts könn­te wo­mög­lich noch be­kann­ter sein, wür­de sei­ne Auf­füh­rung nicht ei­ner Be­schrän­kung un­ter­lie­gen, auf der die Gershwin-Er­ben be­ste­hen: Auf der Büh­ne darf „Por­gy and Bess“nur von Darstel­lern mit schwar­zer Haut­far­be auf­ge­führt wer­den. Das schränkt die Zahl der Ins­ze­nie­run­gen na­tür­lich dras­tisch ein, denn zu­min­dest in Eu­ro­pa ist die­se Vor­ga­be gera­de von mitt­le­ren und klei­nen Häu­sern, die ih­re Opern­pro­duk­tio­nen aus dem ei­ge­nen En­sem­ble her­aus be­set­zen, kaum zu rea­li­sie­ren.

An der Un­ga­ri­schen Staats­oper in Bu­da­pest schert man sich je­doch nicht um sol­che Ver­fü­gun­gen. Seit ei­nem Jahr wird dort „Por­gy and Bess“aus­schließ­lich mit wei­ßen Sän­gern ge­ge­ben. In­zwi­schen scheint das den Rech­te-In­ha­bern zu Oh­ren ge­kom­men zu sein, und ganz of­fen­sicht­lich bahnt sich ein ju­ris­ti­scher Streit an, denn in Bu­da­pest hat die Staats­oper auf skur­ri­le Wei­se re­giert.

In schrift­li­chen Er­klä­run­gen näm­lich ha­ben Sän­ger, die an der Auf­füh­rung be­tei­ligt sind, sich als Afro­ame­ri­ka­ner be­zeich­net. Die dpa be­rich­tet, in un­ga­ri­schen Me­di­en sei mas­si­ver Druck auf das künst­le­ri­sche Per­so­nal aus­ge­übt wor­den, letzt­lich je­doch hät­ten le­dig­lich 15 von ins­ge­samt 28 Darstel­lern die Er­klä­rung un­ter­zeich­net. Da­rin be­schei­nigt der Un­ter­zeich­nen­de, dass „afro­ame­ri­ka­ni­sche Her­kunft und Be­wusst­sein“ei­nen „un­trenn­ba­ren Teil“sei­ner ei­ge­nen Iden­ti­tät bil­de.

Szil­ves­z­ter Oko­vacs, der In­ten­dant der Staats­oper, der die Er­klä­rung pu­blik mach­te, ver­kün­de­te im un­ga­ri­schen Fern­se­hen: „In Un­garn gibt es kein Haut­far­ben-Re­gis­ter.“Ei­ne be­mer­kens­wer­te Recht­fer­ti­gung, die eher wie ein trot­zi­ges „Wir las­sen uns nichts vor­schrei­ben“klingt denn als ein Be­kennt­nis zu li­be­ra­len Grund­sät­zen. Be­mer­kens­wert vor al­lem des­halb, weil Oko­vacs als Pro­te­gé von Vik­tor Or­bán gilt, dem eben­so na­tio­na­lis­ti­schen wie frem­den­feind­li­chen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten des Lan­des. Dass das Opern­haus auch recht schnell ein­kni­cken kann, wur­de letz­tes Jahr of­fen­kun­dig, als dort das von El­ton John kom­po­nier­te Mu­si­cal „Bil­ly El­li­ot“auf die Büh­ne kam. Ei­ne re­gie­rungs­treue Zei­tung ent­fes­sel­te ei­ne Kam­pa­gne ge­gen das Stück, wor­auf­hin die Staats­oper mehr als ein Dut­zend Spiel­ter­mi­ne strich.

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