Mit­tel­schü­ler las­sen ih­re gan­ze Wut raus

Pro­jekt 16 Ju­gend­li­che brin­gen heu­te ein Stück auf die Büh­ne, das fast nur mit dem Kör­per er­zählt wird: „Ich bin“

Wertinger Zeitung - - Wertingen Und Das Zusamtal - VON BÄR­BEL SCHOEN

Wertingen Fie­se Sä­cke, ei­ne ge­fes­sel­te Oma, put­zen­de El­tern, Be­schwö­rung, Amok, to­te Klas­se und zum Schluss ei­ne Par­ty: Was für je­man­den, der in ei­ne Pro­be her­ein­schneit, ziem­lich ver­rückt klingt, hat Me­tho­de. Die Stich­wör­ter sind für die Ju­gend­li­chen gut ein­präg­sam, sie be­zeich­nen den Ablauf ei­ner Cho­reo­gra­fie. Und die soll­te heu­te Abend mög­lichst klap­pen. Ab 19 Uhr ist in der Wer­tin­ger Mit­tel­schu­le Pre­mie­re für ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Tanz-Per­for­mance, die den Ti­tel „Ich bin“trägt.

Von Auf­re­gung war ges­tern Mit­tag wäh­rend ei­ner Pro­be kaum et­was zu spü­ren. Lam­pen­fie­ber ent­steht ja auch erst, wenn die Ak­teu­re ins Schein­wer­fer­licht ge­rückt wer­den. Zu Be­ginn des Pro­jekts hat­ten al­le Schü­ler und Schü­le­rin­nen der fünf­ten bis sieb­ten Klas­sen die Mög­lich­keit, ein­mal Thea­ter­luft bei Mar­co Jo­des zu schnup­pern. Der aus­ge­bil­de­te Büh­nen­tän­zer kommt aus Mainz und ar­bei­tet als Cho­reo­graf, Tanz­päd­ago­ge und -the­ra­peut. Au­ßer­dem en­ga­giert er sich als so­ge­nann­ter LTTA-Künst­ler an al­len Schul­ar­ten (sie­he In­fo).

In Wertingen ist der Be­griff LTTA schon seit 2015 be­kannt. Bar­ba­ra Mah­ler von der ört­li­chen Kunst­schu­le KUK hat die­ses ganz­heit­li­che Bil­dungs­pro­gramm nach Wertingen ge­bracht. Be­zeich­nend ist die en­ge Part­ner­schaft zwi­schen Leh­rern und Künst­lern. Die Kin­der ent­wi­ckeln durch die Ein­be­zie­hung von Künst­lern Freu­de am Ler­nen und ein ge­stei­ger­tes In­ter­es­se.

16 Ju­gend­li­che ent­schie­den sich am En­de ei­nes Fin­dungs­pro­zes­ses da­für, tie­fer in die Thea­ter­welt vor­zu­drin­gen. Da­von, was dann in den Pro­ben ab­lief, hat­te wohl kaum ei­ner ei­ne Vor­stel­lung. „Ich ha­be al­les von ih­nen ab­ver­langt“, be­rich­tet Mar­co Jo­des von Übun­gen, die ein Pro­fi­tän­zer zehn St­un­den täg­lich ab­sol­viert. Die Schü­ler hät­ten ei­ge­ne Gren­zen über­win­den und plötz­lich Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen für das, was auf der Büh­ne pas­siert und pas­sie­ren wird. Die Büh­ne war bis­her das Mu­sik­zim­mer der Schu­le. Der rea­le Auf­tritt fin­det auf ei­ner dop­pelt so gro­ßen Flä­che in der Au­la statt.

40 Mi­nu­ten lang ist dann höchs­te Kon­zen­tra­ti­on ge­for­dert. „Ihr habt ei­ne Auf­ga­be zu er­fül­len, die un­mög­lich ist“, ver­sucht Mar­co Jo­des den Ju­gend­li­chen ein kör­per­li­ches Ge­fühl zu ver­mit­teln. In dem Stück soll Wut auf­ge­baut wer­den und sol­len Ängs­te ent­ste­hen, un­ter­stützt von häm­mern­den Bäs­sen. Am En­de wird es der Grup­pe ge­lin­gen, ge­mein­sam aus dem Teu­fels­kreis­lauf wie­der her­aus­zu­fin­den.

„Ihr wer­det Feh­ler ma­chen“, sagt Mar­co Jo­des vor­aus. Feh­ler pas­sier­ten im­mer. Jo­des er­zählt von sei­nem Tanz­all­tag: „Ich stand vie­le tau­send Mal auf der Büh­ne, aber ich tanz­te nur fünf Mal feh­ler­frei.“Wich­tig sei, dass man mit Span­nung, Kraft und gan­zem Her­zen da­bei ist. „Das ist eu­er Stück, das seid ihr.“

Nichts sei schwe­rer, als ei­ne Ge­schich­te mit Tanz zu er­zäh­len. „Das ist sehr ho­hes Ni­veau“, weiß Jo­des. Die Mit­tel­schü­ler er­füll­ten mit ih­rer Tanz­dar­bie­tung ei­nen ho­hen An­spruch. Wäh­rend der Pro­ben sei die Grup­pe zu­sam­men ge­wach­sen. Die Ju­gend­li­chen konn­ten The­men er­for­schen und er­le­ben, die sonst nur am Ran­de des All­tags pas­sie­ren.

Das Ziel, ihr Selbst­wert­ge­fühl zu stär­ken, sei be­reits vor dem Büh­nen­auf­tritt er­reicht wor­den. Denn im Er­ar­bei­tungs- und Pro­ben­pro­zess wür­den sich die Schü­ler und Schü­le­rin­nen ih­rer Stär­ken und Schwä­chen be­wusst.

„Wir hau­en das durch. Al­les ist cool.“Mit die­sen Wor­ten ent­lässt Mar­co Jo­des sei­ne Zög­lin­ge in die ver­dien­te Pau­se...

Tanz­pro­jekt: „Ich bin“wird am heu­ti­gen Don­ners­tag, um 19 Uhr in der Au­la der Wer­tin­ger Haupt­schu­le der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert. Das Pro­jekt ist Teil ei­nes Bil­dungs­pro­gramms, das LTTA ge­nannt wird. Le­arning through the Arts heißt über­setzt Ler­nen durch die Küns­te und wur­de in Ka­na­da am Roy­al Con­ser­va­to­ry of To­ron­to ent­wi­ckelt. Seit 2015 wird es er­folg­reich an der Grund- und Mit­tel­schu­le um­ge­setzt. Drei mal pro Schul­jahr kom­men für ins­ge­samt zehn Un­ter­richts­stun­den LTTA-Künst­ler in die Schu­len. Fi­nan­ziert wird das Pro­jekt von der Stadt Wertingen. Fünf Künst­ler un­ter­rich­te­ten bis­her an der Grund­und Mit­tel­schu­le: Micha­el O‘Con­nell (Mu­sik), Pau­la Wing (Sto­ry­tel­ling), Ni­co­le Fou­gé­re (Tanz) und Mar­co Jo­des (Tan­zPer­for­mance).

Fo­to: Bär­bel Schoen

Stär­ken und Schwä­chen be­wusst wahr­neh­men ge­hört zu den Zie­len des Pro­ben­pro­zes­ses mit dem Tanz­päd­ago­gen Mar­co Jo­des. Heu­te Abend wird das Stück „Ich bin“öf­fent­lich auf­ge­führt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.