Seit sechs Jah­ren ver­misst: Wo ist Ka­dir Ka­ra­bu­lut?

Schick­sal Seit mehr als sechs Jah­ren ist Ka­dir Ka­ra­bu­lut spur­los ver­schwun­den. Die Kri­po hat kaum An­halts­punk­te, hält die Er­mitt­lun­gen aber auf­recht. War­um sich die Po­li­zei über die Tür­kei är­gert

Wertinger Zeitung - - Erste Seite - VON ANDRE­AS SCHOPF UND JÖRG HEINZLE

Der Dil­lin­ger ver­schwand 2013 spur­los. Die Kri­po hat den Fall nicht ab­ge­schlos­sen – und är­gert sich über die Tür­kei. »

Dil­lin­gen Ein un­be­kann­ter To­ter mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, auf­ge­fun­den in Ber­lin. So geis­tert die Mel­dung ver­gan­ge­nes Jahr durch die Me­di­en. Für vie­le ei­ne Rand­no­tiz, wenn über­haupt. Für so man­chen ist es ei­ne Nach­richt, die al­te Wun­den auf­reißt. Die Hoff­nung, Ka­dir Ka­ra­bu­lut je­mals wie­der zu fin­den, ist wie­der greif­bar. Auch nach Jah­ren der Un­ge­wiss­heit. „Es hat ge­bro­delt in der tür­ki­schen Sze­ne“, sagt Tho­mas Mül­ler, lei­ten­der Er­mitt­ler der Kri­mi­nal­po­li­zei Dil­lin­gen.

Wie sich her­aus­stellt, ist der To­te aus Ber­lin nicht Ka­dir Ka­ra­bu­lut. Für die An­ge­hö­ri­gen hät­te dies zu­min­dest Ge­wiss­heit be­deu­tet. So bleibt der Dil­lin­ger mit tür­ki­schen Wur­zeln spur­los ver­schwun­den. Und die Er­mitt­ler ha­ben es wei­ter­hin mit ei­nem Fall zu tun, der mehr Fra­ge­zei­chen als An­halts­punk­te auf­weist.

Die Spur des Ver­miss­ten ver­liert sich vor sechs Jah­ren. Am 28. Fe­bru­ar 2013 kommt der da­mals 42-Jäh­ri­ge von ei­nem Auf­ent­halt auf Zy­pern zu­rück nach Dil­lin­gen. Dort wird er in der Fol­ge mehr­fach ge­se­hen. Am 4. März 2013 be­sucht Ka­ra­bu­lut Be­kann­te in Augs­burg. Es ist der Tag, an dem der Dil­lin­ger ver­schwin­det. Bis heu­te wis­sen die Er­mitt­ler nicht, was an je­nem Mon­tag pas­siert ist.

Wo­chen spä­ter taucht der schwar­ze Au­di des Ver­miss­ten in der Schen­ken­dorf­stra­ße in Augs­burg-Lech­hau­sen auf. Rich­tig wei­ter bringt der Wa­gen die Po­li­zei nicht. Po­li­zei­hun­de fol­gen der Spur, die sich nach we­ni­gen hun­dert Me­ter ver­liert. Der Fall lan­det bei „Ak­ten­zei­chen XY“ im ZDF. Bun­des­weit be­rich­ten Me­di­en dar­über. Erst recht, weil Ka­ra­bu­lut of­fen­bar in kri­mi­nel­le Ma­chen­schaf­ten in­vol­viert war. In Po­ker­run­den, zum Teil il­le­gal, soll er als Teil ei­ner Ban­de an­de­re Spie­ler be­tro­gen ha­ben. Und das auf film­rei­fe Art und Wei­se. Zum Ein­satz ka­men ge­zink­te Kar­ten mit ei­nem ver­steck­ten Ma­gnet­strei­fen. Mit­hil­fe ei­nes ge­tarn­ten Emp­fangs­ge­rä­tes und ei­nes Knopfs im Ohr er­fuhr der Spie­ler, mit wel­chem Blatt die Kon­tra­hen­ten im Spiel sind. Ein Kom­pli­ze, der den Spie­lern aus dem Pu­bli­kum in die Kar­ten schau­te, gab zu­dem ver­steck­te Zei­chen. So zo­gen die Be­trü­ger zahl­rei­che Spie­ler über den Tisch – bei in­ter­na­tio­na­len Tur­nie­ren wie in Hin­ter­zim­mern von Augs­bur­ger Kn­ei­pen. Hat sich Ka­ra­bu­lut da­durch ge­fähr­li­che Fein­de ge­macht?

Die Kri­po tappt nach wie vor im Dun­keln. Es sei nicht von ei­ner ge­plan­ten Ab­we­sen­heit aus­zu­ge­hen, heißt es. Die Fra­ge, ob der Ver­miss­te Op­fer ei­nes Ge­walt­ver­bre­chens wur­de oder sich von selbst ins Aus­land ab­setz­te, bleibt je­doch un­be­ant­wor­tet. Im Lau­fe der ver­gan­ge­nen Jah­re gin­gen die Er­mitt­lern di­ver­sen Spu­ren nach. Es wa­ren mehr Ge­rüch­te als stich­hal­ti­ge Hin­wei­se. Ka­ra­bu­lut soll sich in die tür­ki­sche Ha­fen­stadt Mer­sin ab­ge­setzt ha­ben, hieß es et­wa. Er soll ei­ne Freun­din in Ma­rok­ko ge­habt ha­ben. Der Po­li­zei brach­ten die­se va­gen Spu­ren letzt­lich we­nig. „Wir kön­nen nicht ein­fach so nach Ma­rok­ko flie­gen“, sagt Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Mül­ler. „Es ist ein Ding der Un­mög­lich­keit, dass man dort oh­ne wei­te­re An­halts­punk­te et­was fin­det.“

Doch die Er­mitt­ler schei­tern nicht nur an feh­len­den oder zu un­ge­nau­en Spu­ren. Es fehlt of­fen­bar auch an in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit. Der Ver­miss­te be­saß ein Kon­to bei ei­ner tür­ki­schen Groß­bank. Ein Blick dar­auf könn­te wert­vol­le In­for­ma­tio­nen lie­fern: Ob und wo et­wa noch dar­auf zu­ge­grif­fen wird, even­tu­ell gä­be es Vi­deo­auf­nah­men der je­wei­li­gen Bank­au­to­ma­ten. Die Kri­po kann aber nicht auf das Kon­to zu­grei­fen. Ein Rechts­hil­fe­er­su­chen an die tür­ki­sche Jus­tiz, um ei­ne Bank­aus­kunft zu er­hal­ten, blieb laut Mül­ler bis­lang un­be­ant­wor­tet. War­um sich die ent­spre­chen­den Stel­len in der Tür­kei ei­ner Zu­sam­men­ar­beit ent­zie­hen, ist Spe­ku­la­ti­on. Ei­ner der ganz we­ni­gen Stroh­hal­me für die Er­mitt­ler fällt so­mit weg. „Das ist scha­de“, sagt Mül­ler. „Die In­fos wä­ren für uns si­cher nütz­lich.“

Gibt es noch ir­gend­ei­ne Hoff­nung, Ka­dir Ka­ra­bu­lut je zu fin­den? Der Er­mitt­ler sagt: „Falls er sich in der Bun­des­re­pu­blik auf­hält oder hier Op­fer ei­nes Ge­walt­ver­bre­chens wur­de, ist die Chan­ce re­la­tiv hoch, den Fall ir­gend­wann auf­zu­klä­ren.“An­ders sei es im Aus­land. „Wenn ir­gend­wo auf der Welt je­mand Op­fer ei­ner Straf­tat wird, krie­gen wir das in der Re­gel nicht mit.“Auch wenn die Fahn­dung nach dem Dil­lin­ger welt­weit ge­streut wur­de. Eu­ro- und In­ter­pol sind in­vol­viert, der Ver­miss­te ist in di­ver­sen na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Fahn­dungs­lis­ten ver­tre­ten. Mül­ler, der in sei­nem Schrank nach wie vor 15 Ord­ner zur An­ge­le­gen­heit Ka­ra­bu­lut ste­hen hat, sagt: „Das ist ein be­son­de­rer Fall, den man im­mer im Hin­ter­kopf hat.“Die Un­ge­wiss­heit sei für den Er­mitt­ler „be­las­tend“. Et­wa je­des Vier­tel­jahr tauscht er sich mit An­ge­hö­ri­gen aus, klopft ab, ob es ir­gend­ei­nen neu­en An­satz­punkt ge­ben könn­te. „Der Fall wird nie ab­ge­schlos­sen.“

Hat der Po­ker­spie­ler die fal­schen Leu­te be­tro­gen?

Fo­to: Po­li­zei­ar­chiv

Mit die­sem Fo­to sucht die Kri­po nach Ka­dir Ka­ra­bu­lut.

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