Mann schoss Nach­barn in den Rü­cken

Jus­tiz War­um im Pro­zess um ei­nen Mord­ver­such ein Schrift­dol­met­scher zum Ein­satz kommt

Wertinger Zeitung - - Bayern - VON MAN­FRED SCHWEIDLER

Würz­burg Nach vier Ver­hand­lungs­ta­gen ist die Er­leich­te­rung groß am Land­ge­richt Würz­burg: Im Pro­zess ge­gen den 71-jäh­ri­gen Bru­no G. geht es nicht mehr dar­um, ob der An­ge­klag­te aus Wolks­hau­sen (Land­kreis Würz­burg) gut, schlecht oder gar nichts hört, son­dern dar­um, ob er ver­sucht hat, sei­nen Nach­barn zu er­schie­ßen. Das liegt am Ein­satz des Schrift­dol­met­schers. In Würz­burg ist das ei­ne Pre­mie­re, auch wenn Auf­trit­te vor Ge­richt für Tho­mas Wip­pel seit Jah­ren zum Ge­schäft ge­hö­ren. Wip­pel ist ei­ner von sechs Ex­per­ten in Bay­ern. Der Mann aus dem Land­kreis Augs­burg tippt al­les, was er vor Ge­richt hört, in sei­nen Lap­top. Das über­trägt er in gro­ßen Let­tern auf ei­nen Bild­schirm für den fast tau­ben An­ge­klag­ten. Jetzt muss kei­ner mehr Bru­no G. ins Ohr schrei­en.

G. ist eben­so Land­wirt wie das Op­fer, das eben­falls in Wolks­hau­sen mit sei­nen rund 300 Ein­woh­nern lebt, nur eben auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Bei­de ken­nen sich von Kin­des­bei­nen an. Aber im Ort sei­en seit 15 Jah­ren al­le dem ag­gres­si­ven An­ge­klag­ten aus dem Weg ge­gan­gen, sagt Ed­mund Ö. im Zeu­gen­stand. Beim Feu­er­wehr­fest im Nach­bar­ort Eu­er­hau­sen stand er am 9. Ju­ni 2018 mit­ten in ei­ner Grup­pe von Men­schen und ver­folg­te ei­nen Schlep­per­wett­be­werb. G. sei plötz­lich dicht hin­ter ihm ge­we­sen. Ö. hör­te ei­nen Schuss, sank zu Bo­den. Der Ret­tungs­hub­schrau­ber brach­te ihn in die Kli­nik: „Als ich auf­wach­te, hat man mir gleich ge­sagt: Ich blei­be quer­schnitts­ge­lähmt!“Ed­mund Ö. macht kei­nen Hehl aus dem Frust dar­über. Er sitzt jetzt mit 56 Jah­ren im Roll­stuhl. Als sei die Läh­mung nicht schlimm ge­nug, tür­men sich vor ihm bü­ro­kra­ti­sche Hür­den auf, wenn er et­wa wie­der selbst Au­to fah­ren oder sein Haus be­hin­der­ten­ge­recht um­bau­en will. Da wird er auf den Tag ver­trös­tet, an dem ein Ur­teil fest­steht. Der­zeit plant das Ge­richt bis in den Ju­ni hin­ein. Zor­nig fragt er das Ge­richt: „War­um darf so ei­ner ei­ne Waf­fe ha­ben?“Tat­säch­lich stell­te sich bei den Er­mitt­lun­gen her­aus: Als Samm­ler be­saß G. le­gal ei­ne Pis­to­le, die spur­los ver­schwun­den ist. Das Land­rats­amt hat­te ihn 2018 über­prüft und nichts be­an­stan­det. Da­bei wuss­te die Be­hör­de schon da­mals, dass G. die Frau des Nach­barn auf of­fe­ner Stra­ße an­ge­grif­fen hat­te. „Er schrie manch­mal her­über,“ha­be mit Er­schie­ßen, Er­ste­chen, Er­schla­gen ge­droht. Dann sei­en den Wor­ten Ta­ten ge­folgt: 2015 un­ter­hielt sie sich vor ih­rem Haus mit ei­ner Nach­ba­rin, als Bru­no G. mit dem Au­to kam. Er sei aus­ge­stie­gen und ha­be ge­ru­fen: „Jetzt krie­ge ich dich.“Dann ha­be er sie ge­würgt. Schließ­lich ha­be er der Nach­ba­rin ge­droht: „Du hältst den Mund!“ und sei see­len­ru­hig in sein Haus ge­gan­gen. Als die Po­li­zei kam, ha­be er ge­sagt: „Ich ha­be nichts ge­macht.“

2016 woll­te Amts­rich­ter Tho­mas Behl den An­ge­klag­ten – der da­mals noch gut hör­te – hin­ter Git­ter brin­gen. Doch ge­gen die acht­mo­na­ti­ge Haft­stra­fe oh­ne Be­wäh­rung leg­te G. Be­ru­fung ein. Die Uhr tick­te be­reits für die Be­ru­fungs­ver­hand­lung im Ju­li 2018, als die Si­tua­ti­on es­ka­lier­te. Der An­ge­klag­te ha­be plötz­lich mit St­ei­nen nach ih­rem Mann ge­wor­fen und ge­schrien: „Ich muss das jetzt selbst in die Hand neh­men.“Beim Feu­er­wehr­fest sei er plötz­lich wie­der vor ihr ge­stan­den. „Er stier­te mich an und grins­te“, er­in­nert sie sich. Kurz dar­auf ha­be sie ihn hin­ter ih­rem Mann auf­tau­chen se­hen, die Waf­fe er­kannt, den Schuss ge­hört. G. sei ihr ent­ge­gen­ge­kom­men: „Der hät­te nur noch mal ab­drü­cken müs­sen, dann hät­te er mich auch noch ge­habt,“sagt sie. Aber „er schlen­der­te ein­fach weg“.

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