Be­ne­dikt und die Schuld der 68er

Auf­satz Der zu­rück­ge­tre­te­ne Papst äu­ßert sich erst­mals aus­führ­lich zur ge­gen­wär­ti­gen Kri­se der ka­tho­li­schen Kir­che. Was er über den Miss­brauchsskan­dal schreibt, ist ir­ri­tie­rend

Wertinger Zeitung - - Panorama - VON JU­LI­US MÜL­LER-MEININGEN

Rom Be­ne­dikt XVI. wird kom­men­de Wo­che 92 Jah­re alt. Der eme­ri­tier­te Papst bringt sei­ne Ta­ge im Va­ti­kan-Klos­ter Ma­ter Eccle­siae zu, sein Kör­per baut al­ters­ge­mäß ab. Fort­be­we­gung ist ihm nur noch im Roll­stuhl mög­lich, be­rich­ten Ver­trau­te. Geis­tig, so hieß es zu­letzt im­mer wie­der, neh­me Jo­seph Ratz­in­ger aber wei­ter­hin re­ge am kirch­li­chen Le­ben teil. Dar­auf deu­tet auch ein 19 Sei­ten lan­ges Ma­ni­fest zu den Ur­sa­chen und Fol­gen des se­xu­el­len Miss­brauchs in der ka­tho­li­schen Kir­che hin, das Be­ne­dikt XVI. nun im baye­ri­schen Kle­rus­blatt ver­öf­fent­licht hat. Die Ana­ly­se ist ei­ne scho­nungs­lo­se ge­sell­schaft­li­che An­kla­ge und die Ver­tei­di­gungs­schrift ei­ner tra­di­tio­na­lis­ti­schen Kir­che.

Be­ne­dikt be­rich­tet in sei­ner nach ei­ge­ner Darstel­lung mit dem va­ti­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at und mit Papst Fran­zis­kus ab­ge­stimm­ten Ver­öf­fent­li­chung, dass er sich an­läss­lich der Va­ti­kan­kon­fe­renz zum Miss­brauch von Kin­dern und Ju­gend­li­chen per­sön­li­che No­ti­zen ge­macht ha­be. Fran­zis­kus hat­te En­de Fe­bru­ar die Vor­sit­zen­den al­ler ka­tho­li­schen Bi­schofs­kon­fe­ren­zen welt­weit zu vier­tä­gi­gen Be­ra­tun­gen zum The­ma be­ru­fen. Das Er­geb­nis der Kon­fe­renz blieb va­ge.

Be­ne­dikt fühl­te sich nun of­fen­bar be­mü­ßigt, sei­nen Teil zur De­bat­te bei­zu­tra­gen. „Der eme­ri­tier­te Papst ist ei­gen­stän­dig an uns her­an­ge­tre­ten“, heißt es in der Münch­ner Re­dak­ti­on des Kle­rus­blat­tes. Die Mo­ti­va­ti­on der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Ge­dan­ken, so Ratz­in­ger, sei, die Kir­che wie­der „als Licht un­ter den Völ­kern und als hel­fen­de Kraft ge­gen­über den zer­stö­re­ri­schen Mäch­ten glaub­haft zu ma­chen“. In sei­ner Ana­ly­se wid­met er sich vor al­lem den ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen, die se­xu­el­len Miss­brauch von Min­der­jäh­ri­gen mög­lich ge­macht hät­ten. Der eme­ri­tier­te Papst ver­or­tet die Hin­ter­grün­de in der „68er Re­vo­lu­ti­on“, in der die „bis­her gel­ten­den Maß­stä­be in Fra­gen Se­xua­li­tät voll­kom­men weg­ge­bro­chen“sei­en. Ratz­in­ger macht auch die staat­lich ge­för­der­te Se­xu­al­er­zie­hung als Weg­be­rei­ter aus. Im Auf­satz heißt es: „Zu der Phy­sio­gno­mie der 68er Re­vo­lu­ti­on ge­hör­te, dass nun auch Pä­do­phi­lie als er­laubt und als we­nigs­tens an­ge­mes­sen dia­gnos­ti­ziert wur­de.“

Die­se Ent­wick­lung ha­be auch gro­ßen Ein­fluss auf die Aus­bil­dung von Pries­ter­amtskan­di­da­ten ge­habt. Es ha­be in der Fol­ge „ho­mo­se­xu­el­le Clubs“in Pries­ter­se­mi­na­ren ge­ge­ben. Ein Bi­schof ha­be sei­nen Se­mi­na­ris­ten da­mals an­geb­lich zur Ab­schre­ckung Por­no­fil­me vor­füh­ren las­sen. „Mei­ne Bü­cher wur­den wie schlech­te Literatur ver­bor­gen und nur gleich­sam un­ter der Bank ge­le­sen“, schreibt der frü­he­re Theo­lo­gie­pro­fes­sor über die Zu­stän­de in Fa­kul­tä­ten und Se­mi­na­ren der da­ma­li­gen Zeit. Die­se Ent­wick­lung setzt Be­ne­dikt in Ver­bin­dung mit dem „Zu­sam­men­bruch der ka­tho­li­schen Moral­theo­lo­gie“in­fol­ge ei­ner Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils (1963–65) mit sei­nen Re­for­men. Be­stre­bun­gen der Re­la­ti­vie­rung von Gut und Bö­se, wie sie et­wa in der „Köl­ner Er­klä­rung“pro­gres­si­ver Theo­lo­gen von 1989 zu er­ken­nen ge­we­sen sei­en, ha­be sich sein Vor­gän­ger Jo­han­nes Paul II. mit ei­ner tra­di­tio­nel­len Moral­leh­re ent­ge­gen­ge­stellt.

Für Dis­kus­sio­nen dürf­te auch der letz­te Teil des Ma­ni­fests sor­gen, in dem Be­ne­dikt auf die Grund­la­gen des ka­tho­li­schen Glau­bens im Hin­blick auf Miss­brauch zu spre­chen kommt. Dem Be­dürf­nis des da­ma­li­gen Zeit­geis­tes, die An­ge­klag­ten zu schüt­zen, sei vor al­lem der man­geln­de Schutz des Glau­bens hin­zu­zu­fü­gen. Not­wen­dig sei die „Er­neue­rung des Glau­bens an die uns ge­schenk­te Wirk­lich­keit Je­su Chris­ti im Sa­kra­ment“. Dies sei ihm in Ge­sprä­chen mit Op­fern be­wusst ge­wor­den. Man müs­se al­les tun, „um das Ge­schenk der hei­li­gen Eucha­ris­tie vor Miss­brauch zu schüt­zen“, lau­tet sei­ne Dik­ti­on.

Das Ma­ni­fest wur­de am Don­ners­tag auch von an­de­ren Agen­tu­ren und Ta­ges­zei­tun­gen ver­öf­fent­licht, an die der Text aus dem Um­feld Be­ne­dikts durch­ge­sto­chen wur­de. Der Cor­rie­re del­la Se­ra be­zeich­ne­te ihn als „Schlag in den Ma­gen“der ka­tho­li­schen Re­for­mer. Dass da­mit nicht Papst Fran­zis­kus ge­meint ist, da­für bau­te der eme­ri­tier­te Papst in sei­nem Ar­ti­kel vor. Am En­de möch­te er Papst Fran­zis­kus dan­ken „für al­les, was er tut, um uns im­mer wie­der das Licht Got­tes zu zei­gen“, schreibt Ratz­in­ger und fügt hin­zu: „Dan­ke, Hei­li­ger Va­ter!“

Fo­to: Clau­dio Ono­ra­ti, dpa

Papst Be­ne­dikt XVI. auf ei­nem Fo­to aus dem Jahr 2010. Da­mals be­gann in Deutsch­land mit ei­ner Rei­he von Ent­hül­lun­gen das, was man seit­dem als Miss­brauchsskan­dal in­ner­halb der ka­tho­li­schen Kir­che be­zeich­net.

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