„Ich war Ru­dolf Dass­lers drit­ter Sohn“

In­ter­view Lothar Mat­thä­us spricht über sei­ne Be­zie­hung zum Grün­der des Sport­ar­ti­kel­her­stel­lers Pu­ma, sei­ne Ju­gend in Fran­ken, sei­ne Kar­rie­re als Trai­ner und über Joa­chim Löws Neu­auf­bau bei der Na­tio­nal­mann­schaft

Wertinger Zeitung - - Sport - In­ter­view: Su­san­ne Fet­ter

Herr Mat­thä­us, ver­gan­ge­ne Wo­che wur­den Sie in die Grün­dungs­elf der Hall of Fa­me des deut­schen Fuß­balls auf­ge­nom­men. Wenn Sie Mit­glied der Ju­ry ge­we­sen wä­ren und nur ei­ne Stim­me ge­habt hät­ten. Für wen hät­ten Sie sie ab­ge­ge­ben?

Mat­thä­us: Gün­ter Net­zer. Das war im­mer mein Idol. Ich war als Kind gro­ßer Mön­chen­glad­bach-Fan und da­mit au­to­ma­tisch Gün­ter-Net­zerFan. In die­ser Zeit war er das Ge­sicht des Ver­eins. Wo­bei ich mit je­dem aus die­ser Elf ei­ne be­son­de­re Ge­schich­te tei­le. Ich hät­te ger­ne je­den ge­wählt, aber Sie ha­ben ja ge­sagt, ich darf nur ei­ne Stim­me ab­ge­ben.

Da bin ich streng, ja.

Mat­thä­us: Sonst hät­te Franz Be­cken­bau­er ver­mut­lich die zwei­te be­kom­men. Ich hof­fe nicht, dass der Franz oder An­dy Breh­me jetzt sau­er sind.

Si­cher nicht. Sind Sie stolz, Teil die­ser Elf zu sein?

Mat­thä­us: Mei­ne El­tern wa­ren ver­mut­lich sehr stolz. Ich per­sön­lich se­he das eher als Be­stä­ti­gung mei­ner Leis­tung als Fuß­bal­ler, für vie­le Trai­nings­ein­hei­ten, die ich ab­sol­viert ha­be. Ich ha­be mich ge­schmei­chelt ge­fühlt und ge­freut, dass ich ge­wählt wor­den bin und dass ich bei der Eh­rung vie­le al­te Be­kann­te ge­se­hen ha­be.

Letz­tes Jahr sind Sie noch ein­mal für Ih­ren Hei­mat­ver­ein FC Her­zo­ge­nau­rach in ei­nem Pflicht­spiel auf­ge­lau­fen. Sie durf­ten so­gar Auf­stieg und Meis­ter­schaft fei­ern.

Mat­thä­us: Stimmt. Ich kann jetzt sa­gen: Ich bin Be­zirks­li­ga­meis­ter in Mit­tel­fran­ken ge­wor­den. Aber den Ti­tel rech­ne ich mir nicht an. Das hat die Mann­schaft schon vor­her oh­ne mich ge­schafft. Das Gan­ze war ge­dacht als Wer­bung für den Ama­teur­fuß­ball und für mich war es ein schö­ner Mo­ment.

Was ver­bin­det Sie denn noch mit Fran­ken?

Mat­thä­us: Vor al­lem mei­ne El­tern. Die be­su­che ich nach wie vor re­gel­mä­ßig. Und dann schaue ich na­tür­lich auch beim Fuß­ball­platz vor­bei. Da hat sich nicht viel ver­än­dert. Die Steh­tri­bü­nen sind ge­blie­ben, die Wer­be­ban­den gleich, die Um­klei­den ähn­lich.

Ist Her­zo­ge­nau­rach noch Ih­re Hei­mat?

Mat­thä­us: Es ist mein Ge­burts­ort, die Hei­mat mei­ner Kind­heit. Ich freue mich im­mer wie­der, wenn ich da bin. Dann neh­me ich ex­tra den Weg durch die Stadt und nicht die Um­ge­hung, da­mit ich ein biss­chen er­in­nert wer­de: Wo hast du frü­her ein Bier­chen ge­trun­ken, wo dei­ne Freun­din das ers­te Mal aus­ge­führt? Wo hast du dich nach­mit­tags beim Bil­lard­spie­len rum­ge­trie­ben? Da kommt dann auch ein biss­chen Weh­mut auf. Mei­ne Hei­mat aber ist mitt­ler­wei­le wo­an­ders.

In Bu­da­pest.

Mat­thä­us: Ja, dort le­be ich seit 14 Jah­ren. Dort füh­le ich mich hei­misch.

Was ist der Grund?

Mat­thä­us: Weil ich dort so le­ben kann, wie ich ger­ne möch­te – nicht un­be­kannt, aber pri­vat. Die Leu­te sind zu­rück­hal­ten­der als hier­zu­lan­de, sie las­sen mich zu­frie­den. Es ver­folgt mich kei­ner, wenn ich mal abends raus­ge­he und es will nicht stän­dig je­mand ein Sel­fie mit mir ma­chen. Die Leu­te ak­zep­tie­ren das Le­ben ei­nes Pro­mi­nen­ten. Ich kann mit mei­nem Sohn ein­fach so auf den Spiel­platz. Er kann dort un­be­schwert auf­wach­sen. Aber trotz al­le­dem bin ich auch froh, hin und wie­der raus­zu­kom­men. Ich kann nicht gut an ei­nem Ort sein.

Sie ha­ben viel er­reicht in Ih­rer Kar­rie­re, schmerzt es Sie manch­mal, dass Sie nie ei­nen Ver­ein in der Bun­des­li­ga trai­niert ha­ben?

Mat­thä­us: Über­haupt nicht. Ich war eher über­rascht, dass of­fen­bar je­der mal durf­te, nur ich nicht. Wo­bei so ganz rich­tig ist das auch nicht. Ich hät­te ja ei­ni­ge Ma­le fast ge­durft.

Mit dem 1. FC Nürn­berg gab es Ge­sprä­che…

Mat­thä­us: Ja, aber da woll­ten mich die Fans nicht. Es gab aber auch An­fra­gen von vier, fünf an­de­ren Bun­des­li­gis­ten. Ei­ni­gen ha­be ich ab­ge­sagt, bei an­de­ren hat es nicht ge­passt. Es ist scha­de, aber trau­rig bin ich des­halb nicht. Ich hat­te als Trai­ner ei­ne schö­ne Rei­se, vi­el­leicht nicht ei­ne so er­folg­rei­che wie als Spie­ler. Aber ich war zwei­mal Meis­ter, ha­be an der Cham­pi­ons Le­ague teil­ge­nom­men, zwei Na­tio­nal­mann­schaf­ten trai­niert und vie­le jun­ge Spie­ler ge­för­dert.

Ist die Rei­se als Trai­ner end­gül­tig be­en­det für Sie?

Mat­thä­us: Ja. Trai­ner, das ist für mich vor­bei. Ich ha­be vie­le in­ter­es­san­te Auf­ga­ben, die al­le mit dem Fuß­ball zu tun ha­ben. Ich bin Ex­per­te bei Sky, schrei­be ei­ne Ko­lum­ne für die eng­li­sche Zei­tung Sun und bin Bot­schaf­ter un­ter an­de­rem für Bay­ern, die DFL und für Pu­ma.

Die Fir­ma, für die Ihr Va­ter einst als Haus­meis­ter ge­ar­bei­tet hat. Mat­thä­us: Mein Bru­der Wolf­gang hat dort auch 40 Jah­re lang ge­ar­bei­tet. Apro­pos: Vor ei­ni­gen Wo­chen war es ge­nau 40 Jah­re her, dass ich mei­nen ers­ten Spon­so­ren­ver­trag mit Pu­ma ab­ge­schlos­sen ha­be.

Aber schon vor­her, als klei­ner Jun­ge, ha­ben Sie Schu­he und Bäl­le vom Fir­men­grün­der be­kom­men – ganz oh­ne Ver­trag.

Mat­thä­us: Ru­dolf Dass­ler hat­te zwei Söh­ne und ich war qua­si sein drit­ter. Wir ha­ben da­mals im Ne­ben­ge­bäu­de ge­wohnt. Von mei­nem Schlaf­zim­mer zu sei­nem Bü­ro war es ein St­ein­wurf. Die Se­kre­tä­rin hat mich nur auf­ge­hal­ten, wenn ein Mee­ting war, sonst ha­be ich ge­klopft und bin rein. Dass­lers Bü­ro war für mich ge­nau­so of­fen wie mei­ne ei­ge­ne Woh­nungs­tür zu Hau­se. Und hin und wie­der ha­ben Sie ihm beim Ki­cken ein Fens­ter zer­schos­sen… Mat­thä­us: Ei­ni­ge! Oh ja! Und mein Va­ter muss­te sie am frei­en Sonn­tag im­mer wie­der rich­ten.

Gab es Är­ger?

Mat­thä­us: Nein. Mein Va­ter war Schrei­ner, das war für ihn ei­ne Klei­nig­keit.

Sie sind Deutsch­lands ein­zi­ger Welt­fuß­bal­ler. Was muss pas­sie­ren, da­mit es wie­der ei­nen gibt?

Mat­thä­us: Man braucht Ta­lent, Lei­den­schaft, Ehr­geiz, die Lie­be zum Fuß­ball – aber an­de­rer­seits braucht man auch mit der Mann­schaft Er­folg. Deutsch­land hat im­mer gu­te Spie­ler und 2014 hät­te man die Mög­lich­keit ge­habt, ei­nen zum Welt­fuß­bal­ler zu ma­chen, aber kei­ner ist be­son­ders her­vor­ge­sto­chen. Und dann stan­den na­tür­lich im­mer auch die Mes­sis und Ro­nal­dos im Weg. So ei­nen Aus­nah­me­spie­ler hat es zu mei­ner Zeit nicht ge­ge­ben – au­ßer Ma­ra­do­na vi­el­leicht 1986. Ich hat­te 1991 das Glück und auch 1990 ha­be ich ja schon den in­of­fi­zi­el­len Ti­tel ge­won­nen – ei­ne Jour­na­lis­ten­wahl. Den Preis ha­be ich trotz­dem auf­be­wahrt.

Und wo steht er?

Mat­thä­us: Ich ha­be ei­ne ganz klei­ne Ecke bei mir zu Hau­se. Dort ha­be ich Sa­chen auf­ge­ho­ben, die mich an mei­ne Kar­rie­re er­in­nern. Das sind aber nur knapp ein­ein­halb Qua­drat­me­ter. Dort hän­gen zwei Re­ga­le an der Wand. Die Ecke ist auch et­was ver­steckt, man muss sie schon ein biss­chen su­chen. Dort hängt auch der ka­put­te Schuh aus dem WM-Fi­na­le 1990 – ver­gol­det.

Wo ist der Rest?

Mat­thä­us: Ich ha­be noch zwei, drei Kar­tons in der Ga­ra­ge mit gut 200, 300 Tri­kots – das war’s. Ich ha­be mir aus sol­chen Sa­chen nie et­was ge­macht. Wenn ich al­les auf­ge­ho­ben hät­te, hät­te ich jetzt vi­el­leicht auch ein klei­nes Mu­se­um wie Franz Be­cken­bau­er. Der hat in sei­nem Haus ei­nen sehr schö­nen lan­gen Ein­gangs­be­reich, von dem geht ei­ne Trep­pe nach oben, da hängt links und rechts al­les voll.

Ha­ben Sie we­nigs­tens ein Du­pli­kat des WM-Po­kals?

Mat­thä­us: Nein. An­de­re Spie­ler ha­ben das ge­macht. Ich fin­de das auch gut, aber brauch so et­was nicht. Ich ha­be ei­ne klei­ne Mi­nia­tur. Die reicht mir. Ich klebe nicht an sol­chen Sa­chen.

Sie sind mit knapp 30 Jah­ren Welt­meis­ter ge­wor­den. Heu­te zählt man da­mit in der Na­tio­nal­mann­schaft schon zum al­ten Ei­sen und wird aus­sor­tiert.

Mat­thä­us: Aber heut­zu­ta­ge fängt man mit zehn, zwölf Jah­ren auch schon an, so zu trai­nie­ren wie wir im Al­ter von 18. Als Ju­gend­li­cher ha­be ich zwei­mal die Wo­che auf dem Dorf­platz trai­niert und hin und wie­der ein paar Run­den ge­dreht. Da­durch ist es, glau­be ich, sehr schwie­rig ge­wor­den, im ho­hen Al­ter noch als Pro­fi zu spie­len. 1990 wa­ren die meis­ten aus der Welt­meis­ter­mann­schaft knapp 30 Jah­re alt. Un­se­re Nach­fol­ger 2014 wa­ren über­wie­gend Mit­te 20. Der Kar­rier­ehö­he­punkt hat sich ein­deu­tig ver­scho­ben.

Al­so kön­nen Sie die Ent­schei­dung von Jo­gi Löw nach­voll­zie­hen?

Mat­thä­us: Mich hat sie nicht über­rascht, mit dem Zeit­punkt kann ich mich al­ler­dings nicht an­freun­den. Die­sen Schnitt hät­te ich kurz nach der WM er­war­tet und nicht kurz vor der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on. Aber im Som­mer hat er ge­zö­gert und kei­ne kla­re Kan­te ge­zeigt.

Was mei­nen Sie, woran das lag? Mat­thä­us: Vi­el­leicht hat er die WM nur als Un­fall ge­se­hen und woll­te ih­nen noch ei­ne Chan­ce ge­ben. Nur dann kam ja nichts nach bei der Na­ti­ons Le­ague. Bei der Na­tio­nal­mann­schaft ist es manch­mal nö­tig, dass man ein Ri­si­ko ein­geht und ein, zwei Jah­re nicht den Er­folg hat, den man sich vi­el­leicht wünscht, aber da­für in der Zu­kunft wie­der ei­ne star­ke Mann­schaft hat.

Fo­to: Ina Fass­ben­der, dpa

Welt­meis­ter, Welt­fuß­bal­ler, Re­kord­na­tio­nal­spie­ler und seit kur­zem in der Grün­dungs­elf der Hall of Fa­me des deut­schen Fuß­balls: Lothar Mat­thä­us, Fran­kens be­kann­tes­ter Sohn.

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