Staats­an­walt­schaft klagt Chefs von Bus­fir­men an

Jus­tiz Der Nah­ver­kehr kos­tet den Staat viel Geld. In der Re­gi­on sol­len sich zahl­rei­che Bus­un­ter­neh­men ab­ge­spro­chen ha­ben, um an lu­kra­ti­ve Auf­trä­ge zu kom­men. Mit der RBA-Toch­ter Schwa­ben­bus ist auch der Land­kreis be­trof­fen

Wertinger Zeitung - - Landkreis Dillingen - VON JÖRG HEINZLE

Land­kreis/Augs­burg Auf den ers­ten Blick sieht man fast kei­nen Un­ter­schied. Die Re­gio­nal­bus­se des Augs­bur­ger Ver­kehrs­ver­bunds (AVV) sind fast al­le weiß, be­klebt mit ei­nem blau-grü­nen Schrift­zug. Be­trie­ben wer­den die Li­ni­en­bus­se aber von pri­va­ten Bus­fir­men oder von der Re­gio­nal­bus Augs­burg Gm­bH, kurz RBA. Das ver­rät nur ein re­la­tiv klei­nes Lo­go an den Sei­ten der Bus­se. Nun aber sind ei­ni­ge die­ser Bus­fir­men ins Vi­sier der Jus­tiz ge­ra­ten. Die Augs­bur­ger Staats­an­walt­schaft geht da­von aus, dass rund zehn Un­ter­neh­men aus der Re­gi­on schon vor Jah­ren ein Kar­tell ge­bil­det ha­ben, um an lu­kra­ti­ve Auf­trä­ge im Nah­ver­kehr zu kom­men. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on hat die Be­hör­de des­halb En­de März An­kla­ge er­ho­ben.

Die An­kla­ge rich­tet sich dem­nach ge­gen 13 Ver­ant­wort­li­che der Bus­fir­men. Den Bus­un­ter­neh­mern wird dar­in vor­ge­wor­fen, al­lein in den Jah­ren 2015 bis 2017 durch Ab­spra­chen an Auf­trä­ge in ei­nem Um­fang

Es gibt ein bri­san­tes Do­ku­ment als Be­leg

von rund 70 Mil­lio­nen Eu­ro ge­kom­men zu sein. Im Mit­tel­punkt der Af­fä­re steht die Re­gio­nal­bus Augs­burg Gm­bH, die einst ein Staats­be­trieb war und zur Bahn ge­hör­te. Vor zwei Jahr­zehn­ten wur­de die RBA pri­va­ti­siert und ging – mit Un­ter­stüt­zung von CSU-Po­li­ti­kern – mehr­heit­lich an re­gio­na­le Bus­un­ter­neh­mer. Klei­ne­re An­tei­le hiel­ten Kom­mu­nen.

Das Kar­tell sol­len die pri­va­ten Be­sit­zer der RBA ge­bil­det ha­ben. Es gibt ein bri­san­tes Do­ku­ment, wel­ches das be­le­gen soll. Die Er­mitt­ler fan­den es. Im Jahr 2016 hat­te es ei­ne Raz­zia ge­ge­ben, bei der un­ter an­de­rem die RBA-Zen­tra­le an der Eich­leit­ner­stra­ße in Augs­burg durch­sucht wor­den ist. Das Do­ku­ment ist 13 Jah­re alt. Die pri­va­ten Bus­un­ter­neh­mer ha­ben da­mals schrift­lich ver­ein­bart, dass sie sich bei den Re­gio­nal­bus­li­ni­en kei­ne Kon­kur­renz ma­chen wol­len. Wer sich nicht an die­se Ab­spra­che hal­ten wür­de, der soll­te 100 000 Eu­ro Stra­fe zah­len.

Es geht im öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr um viel Geld, das zu ver­tei­len ist. Es kommt vom Staat, der die Ver­lus­te aus­gleicht. Und es kommt von den Fahr­gäs­ten, die das Sys­tem mit­be­zah­len. Bran­chen­ken­ner ge­hen da­von aus, dass das mut­maß­li­che Kar­tell auch des­halb ent­stan­den ist, weil die Bus­un­ter­neh­mer mehr Wett­be­werb be­fürch­te­ten. Lan­ge ist der Be­trieb von Re­gio­nal­bus­li­ni­en im AVV oh­ne vor­he­ri­ge Aus­schrei­bung di­rekt an be­stimm­te Fir­men ver­ge­ben wor­den. Wech­sel gab es da­bei sel­ten.

In­zwi­schen ist der Augs­bur­ger Ver­kehrs­ver­bund aber da­zu über­ge­gan­gen, den Be­trieb al­ler Li­ni­en aus­zu­schrei­ben. Die Bus­fir­men müs­sen sich be­wer­ben. Laut AVV ist es so ge­lun­gen, güns­ti­ge­re An­ge­bo­te als zu­vor zu er­hal­ten.

Auf­fäl­lig war aber: An­fangs gab es bei neu­en Aus­schrei­bun­gen oft nur ei­nen oder we­ni­ge Be­wer­ber oder nur An­ge­bo­te, die für den AVV teu­rer als er­war­tet wa­ren. Das hat sich of­fen­bar ge­än­dert, seit das mu­tKar­tell auf­ge­flo­gen ist. Je­den­falls bie­ten die Bus­fir­men in der Re­gi­on ih­re Leis­tun­gen im Schnitt nun güns­ti­ger an, als es noch vor ei­ni­gen Jah­ren der Fall war. Geld be­kom­men die Bus­fir­men pro ge­fah­re­nem Ki­lo­me­ter. Jähr­lich fah­ren die Re­gio­nal­bus­se im AVV rund 15 Mil­lio­nen Ki­lo­me­ter. Auch klei­ne­re Preis­schwan­kun­gen rech­nen sich so schnell zu gro­ßen Be­trä­gen auf.

Das Straf­ver­fah­ren könn­te ein Erd­be­ben im Nah­ver­kehr der Re­gi­on aus­lö­sen. Denn: Die Bus­fir­men, die sich beim AVV um Auf­trä­ge be­wer­ben, müs­sen da­bei auch an­ge­ben, ob sie an ei­nem Kar­tell be­tei­ligt sind. Das zei­gen Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­lie­gen.

Soll­te es zu Ver­ur­tei­lun­gen kom­men, müss­ten spä­tes­tens dann wohl vie­le Li­ni­en neu aus­ge­schrie­ben wer­den. Das ist aber nicht so ein­fach. Denn die RBA, de­ren Toch­ter Schwa­ben­bus Gm­bH – sie be­dient den Nah­ver­kehr im Alt­land­kreis Dil­lin­gen – und wei­te­re Fir­men, die mut­maß­lich zum Kar­tell ge­hör­ten, be­trei­ben ei­nen gro­ßen An­teil der AVV-Li­ni­en.

Ur­sprüng­lich hat die Staats­an­walt­schaft ge­gen rund 20 Per­so­nen er­mit­telt. Ge­gen ei­ni­ge Be­schul­dig­te wur­den die Ver­fah­ren aber ein­ge­stellt. Die Ver­ant­wort­li­chen zwei­er Bus­un­ter­neh­men agie­ren in dem Ver­fah­ren als Kron­zeu­gen und ha­ben sich ge­gen­über den Er­mitt­lern zu den Ab­spra­chen in der Bran­che ge­äu­ßert. Im Ge­gen­zug wur­den die Ver­fah­ren ge­gen vier Ver­ant­wort­li­che die­ser Fir­men ein­ge­stellt, sie ha­ben straf­recht­lich ei­ne wei­ße Wes­te. Drei muss­ten aber als Auf­la­ge ei­ne sechs­stel­li­ge Sum­me zah­len, bei ei­maß­li­che nem war es ein Mil­lio­nen­be­trag. Das hat sich ge­lohnt. Ei­ne Fir­ma, die sich auf die­se Wei­se „frei­ge­kauft“hat, si­cher­te sich vor ei­ni­ger Zeit ei­nen grö­ße­ren Auf­trag im AVV.

Mit der An­kla­ge rückt ein Pro­zess ge­gen die Füh­rungs­rie­ge der RBA und der be­tei­lig­ten Bus­fir­men nä­her. Si­cher ist das aber noch nicht. Die An­kla­ge­schrift liegt nun bei ei­ner Straf­kam­mer des Land­ge­richts Augs­burg. Die Rich­ter prü­fen die An­kla­ge.

Falls sie zum Er­geb­nis kom­men, dass nach Ak­ten­la­ge ei­ne Ver­ur­tei­lung wahr­schein­li­cher ist als ein Frei­spruch, las­sen sie die An­kla­ge zu und es gibt ei­nen öf­fent­li­chen Pro­zess. Dann dürf­te im Augs­bur­ger Straf­jus­tiz­zen­trum ein gro­ßer Saal be­nö­tigt wer­den. Pro­zes­se mit ei­ner zwei­stel­li­gen Zahl an An­ge­klag­ten gibt es nicht all­zu oft.

Fo­to: Mar­cus Merk

Ha­ben Staat und Kun­den zu viel be­zahlt für den Nah­ver­kehr? Die­se Fra­ge steht im Raum, seit die Staats­an­walt­schaft we­gen Kar­tell­ver­dachts er­mit­telt.

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