Der grü­ne Volks-Phi­lo­soph

Par­tei­en Ro­bert Ha­beck steht für den an­hal­ten­den Hö­hen­flug sei­ner Par­tei. Schon wird über ei­ne mög­li­che Kanz­ler­kan­di­da­tur des 49-Jäh­ri­gen spe­ku­liert. Mit FDP-Vi­ze Wolf­gang Ku­bi­cki geht ein al­ter Weg­ge­fähr­te auf Dis­tanz

Wertinger Zeitung - - Politik - VON BERN­HARD JUNGINGER

Ber­lin Als Jan im un­heim­li­chen Wald dem furcht­er­re­gen­den Wolf be­geg­net, wird ihm schlecht vor Pa­nik. Er schreit so laut er kann und rennt da­von. Der Schü­ler Jan ist Held des Kin­der­buchs „Ruf der Wöl­fe“, das Ro­bert Ha­beck vor ein paar Wo­chen zu­sam­men mit sei­ner Frau Andrea Pa­luch ver­öf­fent­licht hat. So ganz ne­ben­bei. Dass Ha­beck auch als Grü­nen-Chef nicht auf die Schrift­stel­le­rei ver­zich­ten will, tut sei­ner Be­liebt­heit kei­nen Ab­bruch. Im Ge­gen­teil. Sein ei­ge­ner Er­folg und der sei­ner Par­tei in den Um­fra­gen der ver­gan­ge­nen Wo­chen wirkt fast un­heim­lich. Vor al­lem auf die po­li­ti­schen Mit­be­wer­ber, al­len vor­an die SPD. Für Ha­beck und die Grü­nen er­scheint der Weg zur Macht im Mo­ment nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit. Wenn die Gro­ße Ko­ali­ti­on fällt, wä­re ein neu­er An­lauf für ein Ja­mai­ka-Bünd­nis von Uni­on, FDP und Grü­nen denk­bar. Bei Neu­wah­len könn­te es so­gar für Schwarz-Grün rei­chen. Selbst ein Bun­des­kanz­ler na­mens Ha­beck scheint nicht mehr aus­ge­schlos­sen. Und der Hö­hen­flug, da sind sich die Be­ob­ach­ter ei­nig, geht zu ei­nem Groß­teil auf des­sen Kon­to.

Nicht ein­mal sei­ne Aus­sa­ge, dass er Ent­eig­nun­gen zur Be­kämp­fung der Woh­nungs­not un­ter Um­stän­den für le­gi­tim hält, hat Ro­bert Ha­beck of­fen­bar ge­scha­det. So kann sich je­der fünf­te Deut­sche nach ei­ner ak­tu­el­len Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts For­sa Ha­beck als Bun­des­kanz­ler vor­stel­len. All­zu viel fehlt da gar nicht mehr zum Wert von CDU-Che­fin An­ne­gret Kram­pKar­ren­bau­er, die 28 Pro­zent der Be­frag­ten für kanz­ler­fä­hig hal­ten, und Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz von der SPD (24 Pro­zent). Kä­me es zu ei­ner Kanz­ler­di­rekt­wahl, lä­ge Ha­beck gleich­auf mit Scholz bei 25 Pro­zent Zu­stim­mung, Kramp-Kar­ren­bau­er hät­te auf bei­de nur ma­ge­re drei Pro­zent­punk­te Vor­sprung.

Weil auch die Grü­nen als Par­tei der­zeit in der Wäh­ler­gunst glän­zend da­ste­hen und re­gel­mä­ßig auf Platz zwei hin­ter der Uni­on lan­den, ist für For­sa-Chef Man­fred Güll­ner „ein Grü­ner im mäch­tigs­ten Amt der Republik nicht mehr un­vor­stell­bar“. Hal­te der Hö­hen­flug an, „dürf­ten die Grü­nen ge­zwun­gen sein, ei­nen auf­zu­stel­len. Der 49-jäh­ri­ge Ha­beck hat in nur 15 Mo­na­ten im Amt die Macht­ver­hält­nis­se in sei­ner Par­tei völ­lig um­ge­krem­pelt. Jah­re­lang spiel­te die Mu­sik fast aus­schließ­lich in der Bun­des­tags­frak­ti­on, die Par­tei­zen­tra­le galt vie­len als der Ort, an dem die Pla­kat­stän­der bis zu nächs­ten Wahl auf­be­wahrt wer­den. Un­ter Ha­beck und sei­ner Co-Par­tei­vor­sit­zen­den An­na­le­na Ba­er­bock hat sich das ge­än­dert. Heu­te herrscht ei­ne kla­re Ar­beits­tei­lung. Die Frak­ti­on, die kleins­te im Bun­des­tag, ist für das po­li­ti­sche Ta­ges­ge­schäft zu­stän­dig, öf­fent­lich wahr­nehm­bar ist vor al­lem Frak­ti­ons­chef To­ni Ho­frei­ter, wäh­rend es um die zwei­te Frak­ti­ons­spit­ze, Ka­trin Gö­ring-Eckardt, zu­letzt stil­ler ge­wor­den ist.

Um die Zu­kunfts­fra­gen, um die Wei­ter­ent­wick­lung des Par­tei­pro­gramms, die stra­te­gi­sche Aus­rich­tung der Par­tei und die Ge­win­nung neu­er Wäh­ler­schich­ten küm­mern sich da­ge­gen An­na­le­na Ba­er­bock und Ro­bert Ha­beck. In­ner­halb des Du­os ist Ha­beck, der Dok­tor der Phi­lo­so­phie, zu­stän­dig für das gro­ße Gan­ze, für das Zu­sam­men­le­ben in der Ge­sell­schaft. Es ist wie in Ha­becks Kin­der­buch, in dem es nicht nur um die ak­tu­el­le Fra­ge des Zu­sam­men­le­bens zwi­schen Mensch und Wolf geht. Son­dern auch um Kli­ma­wan­del als Flucht­ur­sa­che, die Aus­wüch­se der Mas­sen­tier­hal­tung, Ängs­te in der Ge­sell­schaft und „Fa­ke News“in den Me­di­en. Ha­beck, Apo­the­ker­sohn aus Lü­beck, Schrift­stel­ler, Dok­tor der Phi­lo­so­phie und po­li­ti­scher Quer­ein­stei­ger, hat kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te.

Die Haus­halts­po­li­ti­ke­rin Ekin De­li­göz, die seit mehr als 20 Jah­ren für die Grü­nen im Bun­des­tag sitzt, sagt: „Ro­bert Ha­beck hat in un­se­rer Par­tei vie­le Denk­blo­cka­den auf­ge­bro­chen.“Die Grü­nen wür­den de­s­Kanz­ler­kan­di­da­ten halb nicht mehr als Ver­bots­par­tei wahr­ge­nom­men. Ha­beck ver­ste­he es, De­bat­ten an­zu­sto­ßen, sagt De­li­göz. Selbst sei­ne Aus­sa­gen in der Ent­eig­nungs­dis­kus­si­on hät­ten letzt­lich nicht ge­scha­det, son­dern den an­de­ren Par­tei­en die Bri­sanz des The­mas Woh­nungs­not ver­deut­licht. „Wir sind die kleins­te Par­tei, aber wir do­mi­nie­ren die Dis­kus­si­on.“Ha­beck „bringt die De­bat­te auf den Punkt und treibt die Kon­kur­renz vor sich her“, sagt die Ab­ge­ord­ne­te.

Ha­beck, das sa­gen vie­le bei den Grü­nen, „spricht die Men­schen an“. Und das ist ganz buch­stäb­lich ge­meint. In sei­ner Zeit als schles­wig­hol­stei­ni­scher Land­wirt­schafts­mi­nis­ter von 2012 bis 2018 hat er das Ver­trau­en von kan­ti­gen Küs­ten­fi­schern und Land­wir­ten ge­won­nen, die dem Grü­nen zu­nächst mit größ­ter Skep­sis ge­gen­über­stan­den. Ha­beck, so heißt es, hat den Leu­ten erst ein­mal zu­ge­hört, manch­mal bei dem ei­nen oder an­de­ren Glas Rum. Nicht nur den Re­spekt vie­ler Men­schen im rau­en Nor­den hat Ha­beck ge­won­nen, auch den der po­li­ti­schen Kon­kur­renz. Wolf­gang Ku­bi­cki et­wa, der streit­ba­re FDP-Vi­ze, sagt: „Ich ken­ne Ro­bert Ha­beck aus un­se­rer ge­mein­sa­men schles­wig-hol­stei­ni­schen Zeit gut und lan­ge und schät­ze sei­nen Prag­ma­tis­mus.“Da­bei blickt ge­ra­de die sta­gnie­ren­de FDP mit Neid auf den an­hal­ten­den Er­folg der Grü­nen. Par­tei­chef Christian Lind­ner hat Ha­beck in letz­ter Zeit im­mer wie­der scharf at­ta­ckiert, et­wa we­gen des­sen For­de­rung, Hartz-IV-Sank­tio­nen ab­zu­schaf­fen. Und in der Ent­eig­nungs­fra­ge hat selbst Ku­bi­cki kein Ver­ständ­nis mehr für sei­nen schles­wig­hol­stei­ni­schen Ge­fähr­ten Ha­beck: „Da hat er sich ver­mut­lich zu sehr von den Lin­ken in sei­ner Par­tei trei­ben las­sen. Er weiß ge­nau, dass ei­ne Ent­eig­nung von be­ste­hen­dem Wohn­raum kei­nen neu­en Wohn­raum schafft.“Dass Ha­beck „trotz­dem Ent­eig­nun­gen das Wort re­det“, deu­tet für Ku­bi­cki dar­auf hin, „dass er mit den grü­nen Um­fra­ge­hö­hen­flü­gen lang­sam Schwie­rig­kei­ten be­kommt, Fun­dis und Rea­los in sei­ner Par­tei zu­sam­men­zu­hal­ten.“

In der Par­tei heißt es da­ge­gen, dass Ha­beck ge­nau dies er­staun­lich gut ge­lin­ge, die Ba­lan­ce zu hal­ten, zwi­schen den Flü­geln der Par­tei, zwi­schen Frak­ti­on und Vor­stand, zwi­schen grü­nen Stamm­wäh­lern und neu­en Sym­pa­thi­san­ten. Ekin De­li­göz et­wa sagt, der al­te Kon­flikt zwi­schen „Rea­los“und „Fun­dis“sei zwar noch da, aber nicht mehr so do­mi­nant wie frü­her. Ha­beck ha­be „bei den Grü­nen die Fens­ter ge­öff­net“. Für ei­ne Kanz­ler­dis­kus­si­on, sagt De­li­göz, sei es aber viel zu früh. Und be­müht ei­nen al­ten Satz von Win­fried Kret­sch­mann, dem grü­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ba­denWürt­tem­bergs: „Wir blei­ben auf dem Tep­pich, auch wenn der ge­ra­de fliegt.“Nur vor ei­nem fürch­ten sich die Grü­nen mo­men­tan wie Ha­becks Ro­man­held Jan vor dem schreck­li­chen Wolf im Wald: Dass auf gu­te Um­fra­ge­wer­te mal wie­der ein mä­ßi­ges Wah­l­er­geb­nis folgt.

Mit ihm sind die Grü­nen kei­ne Ver­bots­par­tei mehr

Foto: Hen­drik Schmidt, dpa

Ein Po­li­ti­ker, der bei vie­len Men­schen gut an­kommt. Ro­bert Ha­beck treibt die Um­fra­ge­wer­te sei­ner Par­tei in un­ge­ahn­te Hö­hen. So­gar über ei­ne mög­li­che Kanz­ler­kan­di­da­tur des Nord­deut­schen wird spe­ku­liert.

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