Auch be­treu­te Men­schen dür­fen wäh­len

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Karlsruhe ent­schei­det über ei­ne Wahl­rechts­re­form. Knapp sechs Wo­chen vor der Eu­ro­pa­wahl am 26. Mai muss jetzt al­les ganz schnell ge­hen

Wertinger Zeitung - - Politik -

Karlsruhe Men­schen mit ei­ner ge­richt­lich an­ge­ord­ne­ten Be­treu­ung dür­fen nun doch bei der Eu­ro­pa­wahl am 26. Mai erst­mals ab­stim­men. Al­ler­dings nur auf An­trag, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt am Mon­tag auf ei­nen Eil­an­trag aus den Rei­hen der Bun­des­tags­frak­tio­nen von Grü­nen, Lin­ken und FDP in Karlsruhe ent­schied. Das ist deut­lich frü­her, als die Bun­des­tags­mehr­heit ur­sprüng­lich woll­te.

Be­trof­fen sind mehr als 80000 Men­schen in Deutsch­land, für die ein Ge­richt ei­nen Be­treu­er in al­len Le­bens­be­rei­chen be­stellt hat, et­wa weil sie psy­chisch oder geis­tig be­ein­träch­tigt sind. Das gilt auch für Straf­tä­ter, die we­gen Schuld­un­fä­hig­keit in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik un­ter­ge­bracht sind. Der Zwei­te Se­nat un­ter Vor­sitz von Ge­richts­prä­si­dent Andre­as Voß­kuh­le ent­schied un­mit­tel­bar nach ei­ner münd­li­chen Ver­hand­lung.

Voß­kuh­le er­klär­te, die Pa­ra­gra­fen des Eu­ro­pa­wahl­ge­set­zes zum Wahl­aus­schluss Be­treu­ter sei­en nicht an­zu­wen­den bei An­trä­gen auf Ein­trag in die Wäh­ler­ver­zeich­nis­se oder bei Ein­spruch ge­gen die Voll­stän­dig­keit oder Rich­tig­keit der Wäh­ler­ver­zeich­nis­se. Die ei­gent­li­che Be­grün­dung des Ur­teils gab es noch nicht.

Die Par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on, Brit­ta Ha­ßel­mann, freu­te sich über die Ent­schei­dung. Die Ko­ali­ti­on ha­be in der Fra­ge des Wahl­rechts blo­ckiert. „Ich freue mich rie­sig für die vie­len be­trof­fe­nen Men­schen.“Der FDP-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Jens Beeck sieht das Ziel er­reicht. Wer bis­her aus­ge­schlos­sen ge­we­sen sei, kön­ne jetzt durch ei­nen Zu­ruf an sei­ne Ge­mein­de die Teil­nah­me er­rei­chen.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te be­reits im Ja­nu­ar ent­schie­den, dass der ge­ne­rel­le Wahl­aus­schluss von geis­tig oder psy­chisch be­ein­träch­tig­ten Men­schen ver­fas­sungs­wid­rig ist. Des­halb woll­te der Bun­des­tag die Pa­ra­gra­fen strei­chen, mit de­nen Be­hin­der­te, die in al­len An­ge­le­gen­hei­ten be­treut wer­den, bis­lang grund­sätz­lich von Bun­des­tags- und Eu­ro­pa­wah­len aus­ge­schlos­sen wer­den – nach dem Wil­len der Bun­des­tags­mehr­heit aber erst nach der Eu­ro­pa­wahl. Für die An­trag­stel­ler sprach der Be­voll­mäch­tig­te Ul­rich Hu­feld in der Ver­hand­lung von ei­ner Falsch­be­stim­mung des Wahl­volks, wenn Be­treu­te aus­ge­schlos­sen wer­den.

Auf­sei­ten des Bun­des­tags ar­gu­men­tier­te der Be­voll­mäch­tig­te Bernd Gr­zes­zick, die Wahl ste­he un­mit­tel­bar be­vor. Da­mit Be­treu­te wäh­len kön­nen, müss­ten As­sis­ten­zen ein­ge­rich­tet und Ma­ni­pu­la­ti­on ver­mie­den wer­den. Das brau­che Zeit. Gr­zes­zick ver­wies auch auf den Ver­hal­tens­ko­dex für Wah­len der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on für De­mo­kra­tie und Recht (Ve­ne­di­gKom­mis­si­on), nach dem das Wahl­recht ein Jahr vor ei­ner Wahl nicht mehr ver­än­dert wer­den darf.

Der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär im Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um, Ste­phan May­er, gab zu be­den­ken, dass ei­ne Än­de­rung jetzt mög­li­cher­wei­se mehr Scha­den als Nut­zen an­rich­ten wür­de. „Uns fehlt die Zeit zum Än­dern der Wäh­ler­ver­zeich­nis­se.“Die­se sei­en be­reits er­stellt. „Wir wol­len ein in­klu­si­ves Wahl­recht für al­le“, be­ton­te May­er. Bun­des­wahl­lei­ter Georg Thiel ver­wies auf die un­glei­che Ver­tei­lung der Be­trof­fe­nen in den Ge­mein­den und die da­mit ver­bun­de­ne Ar­beits­be­las­tung zur Än­de­rung der Wäh­ler­ver­zeich­nis­se. Ei­ne Teil­nah­me von Be­treu­ten an der Wahl sei aber or­ga­ni­sa­to­risch nicht un­mög­lich. Auch von Lan­des­wahl­lei­tern kam das Si­gnal, dass die Zeit knapp, die Or­ga­ni­sa­ti­on aber noch zu schaf­fen sei.

Foto: Uli Deck, dpa

Das Ver­fas­sungs­ge­richt, Pe­ter Müller, Andre­as Voß­kuh­le, Pe­ter M. Hu­ber und Si­byl­le Kes­sal-Wulf, bei der Er­öff­nung der Ver­hand­lung zum Wahl­recht.

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