Im­mer wie­der Böh­mer­mann

Ge­richt Der Sa­ti­ri­ker po­la­ri­siert wie nur we­ni­ge an­de­re im deut­schen Fern­se­hen. Zu­letzt we­gen sei­ner Kla­ge ge­gen Kanz­le­rin Mer­kel. Er will ihr ver­bie­ten las­sen, dass sie sein Er­do­gan-Schmäh­ge­dicht noch­mals „be­wusst ver­let­zend“nennt

Wertinger Zeitung - - Panorama - VON PHIL­IPP WEHRMANN UND CHRISTIAN GRIMM

Ber­lin Jan Böh­mer­mann scheint es auf Spit­zen­po­li­ti­ker ab­ge­se­hen zu ha­ben. Vor ziem­lich ge­nau drei Jah­ren lös­te der Sa­ti­ri­ker ei­ne di­plo­ma­ti­sche Kri­se zwi­schen An­ka­ra und Ber­lin aus. Nun klagt er ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Er will Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ge­richt­lich ver­bie­ten las­sen, sein 2016 vor­ge­tra­ge­nes „Schmäh­ge­dicht“auf den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan als „be­wusst ver­let­zend“zu be­zeich­nen. An die­sem Di­ens­tag be­ginnt die Ver­hand­lung vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin.

Al­les nur ei­ne Böh­mer­man­nSchau? Hat er die Waf­fe des Sa­ti­ri­kers, das Wort, um ei­ne neue er­gänzt – die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln?

Mer­kel hat­te be­reits 2016 ih­re Aus­sa­ge be­dau­ert, und das Kanz­ler­amt hat sich ei­nem Me­dien­be­richt zu­fol­ge schon da­zu be­reit er­klärt, dass die bei­den Wör­ter nicht mehr wie­der­holt wür­den. Den­noch klagt Böh­mer­mann, und er­scheint sei­nen un­ge­zähl­ten Kri­ti­kern da­mit erst recht als klein­lich. Als ei­ner, der gern aus­teilt, aber nicht ein­ste­cken kann. Böh­mer­mann, dem zwei Mil­lio­nen Men­schen al­lei­ne auf Twit­ter fol­gen, po­la­ri­siert.

2016, im Jahr des Schmäh­ge­dichts, wur­de Böh­mer­mann in ei­ner

Play­boy-Um­fra­ge zum „Mann des Jah­res 2016“ge­wählt. Doch auch bei den „ner­vigs­ten Män­nern“war er vor­ne. In die­ser Ka­te­go­rie lan­de­te er knapp hin­ter Til Schwei­ger auf dem zwei­ten Platz.

We­ni­ger um­strit­ten scheint Böh­mer­mann in der Ju­ry des Grim­meP­rei­ses zu sein, der als ei­ner der wich­tigs­ten deut­schen Fern­seh­prei­se gilt. Jahr für Jahr wird der Sa­ti­ri­ker aus­ge­zeich­net, zu­letzt für sei­ne Sen­dung „Lass dich über­wa­chen! – Die Prism Is A Dan­cer Show“, die im ZDF-Haupt­pro­gramm aus­ge­strahlt wur­de. An­ders als sein Neo

Ma­ga­zin Roya­le, das im Spar­ten­sen­der ZDF­neo zu Hau­se ist. Wä­re die De­bat­te um sei­ne Per­son in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht der­art aus­geu­fert, hät­te er mit sei­ner Show längst ei­nen bes­se­ren Sen­de­platz, mut­ma­ßen vie­le.

Doch was war 2016 pas­siert? Wie kam es, dass Böh­mer­mann of­fen­sicht­lich für im­mer mehr Men­schen zur Ner­ven­sä­ge wur­de? Und das ist er für vie­le nach wie vor, ein Blick in die so­zia­len Netz­wer­ke ge­nügt. 2016 al­so trug er das Schmäh­ge­dicht vor. Es ent­hielt Pas­sa­gen, die Er­do­gan et­wa in Ver­bin­dung mit Sex mit Tie­ren brach­ten. Schon zu­vor war der deut­sche Bot­schaf­ter ins tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um zi­tiert wor­den, weil sich die NDR-Sa­ti­re­sen­dung ex­tra3 mit dem Lied „Er­do­wie, Er­do­wo, Er­do­gan“über den Prä­si­den­ten lus­tig ge­macht hat­te. Böh­mer­mann woll­te nach ei­ge­ner Darstel­lung mit dem Ge­dicht zei­gen, wo die Gren­zen der Sa­ti­re lie­gen. Die Fra­ge, wo die­se Li­nie ver­läuft, be­schäf­tigt seit­dem die Jus­tiz. Ei­ne Stra­fe er­hielt Böh­mer­mann je­den­falls nicht. Er­mitt­lun­gen we­gen des Ver­dachts der „Be­lei­di­gung ei­nes aus­län­di­schen Staats­ober­haupts“wur­den ein­ge­stellt. Spä­ter wur­de so­gar die­ser Straf­tat­be­stand aus dem Ge­setz ge­stri­chen.

Doch die zi­vil­recht­li­chen Ver­hand­lun­gen dau­er­ten an. In ers­ter In­stanz un­ter­sag­te ein Ge­richt Böh­mer­mann die wei­te­re Ver­brei­tung gro­ßer Tei­le des Ge­dichts. Ei­ne Be­ru­fungs­ver­hand­lung be­stä­tig­te das Ur­teil. Jan Böh­mer­mann will in der nächst­hö­he­ren In­stanz vor dem Bun­des­ge­richts­hof er­wir­ken, dass er sein Ge­dicht wie­der ver­wen­den darf. Die­se Mög­lich­keit war ihm zu­nächst nicht ein­ge­räumt wor­den; da­ge­gen leg­te er Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein. Noch ha­be der zu­stän­di­ge Se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs nicht dar­über ent­schie­den, sag­te ei­ne Spre­che­rin am Mon­tag.

Um Ef­fekt­ha­sche­rei scheint es Jan Böh­mer­mann im Rechts­streit mit Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nicht zu ge­hen. Zu­min­dest liest sich so ei­ne Mit­tei­lung sei­nes An­walts Rei­ner Geu­len, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt. Da­rin schil­dert die­ser die Ge­fahr, der der Sa­ti­ri­ker nach der ent­spre­chen­den Sen­dung aus­ge­setzt war. Das Lan­des­kri­mi­nal­amt ha­be Böh­mer­mann über die Vor­be­rei­tung ei­ner „Be­stra­fungs­ak­ti­on“der „Os­ma­nen Ger­ma­nia“, die dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten na­he­stün­den, in­for­miert. Böh­mer­mann stand un­ter Po­li­zei­schutz und muss­te sei­nen Wohn­ort wech­seln. „Trotz Kennt­nis die­ser Be­dro­hungs­la­ge“sei ein State­ment der Kanz­le­rin ver­öf­fent­licht wor­den, in dem sie den Text als „be­wusst ver­let­zend“be­zeich­net ha­be. Die Exe­ku­ti­ve, auch die Bun­des­kanz­le­rin, ha­be aber neu­tra­le und auf Fak­ten ba­sie­ren­de Aus­sa­gen zu tref­fen, wenn sie sich zu Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen äu­ßert, heißt es.

Der Vor­sit­zen­de der Tür­ki­schen Ge­mein­de in Deutsch­land, Gö­kay So­fuog­lu, möch­te der Ent­schei­dung des Ge­richts nicht vor­grei­fen. Den­noch sag­te er un­se­rer Re­dak­ti­on: „Bei al­ler be­rech­tig­ten Kri­tik an der Po­li­tik Er­do­gans sind die zum Teil ras­sis­ti­schen Bil­der in dem Ge­dicht nicht hin­nehm­bar.“Die Mei­nungs­frei­heit sei ein ho­hes Gut, das es zu schüt­zen gel­te, Jan Böh­mer­mann je­doch sei über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen.

Für sei­ne Kri­ti­ker schießt Böh­mer­mann re­gel­mä­ßig übers Ziel hin­aus. Sie emp­fin­den ihn als Bes­ser­wis­ser – und als lin­ken po­li­ti­schen Ak­ti­vis­ten. Als er im Rah­men der Ak­ti­on „Re­con­quis­ta In­ter­net“(„Zu­rück­er­obe­rung des In­ter­nets“) Lis­ten von Twit­ter-Nut­zern teil­te, die blo­ckiert wer­den soll­ten, kri­ti­sier­te ihn FDP-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ni­co­la Beer als ver­ant­wor­tungs­los. „Das ist Block­wart-Den­ke in schlimms­ter Tra­di­ti­on bei­der deut­schen Dik­ta­tu­ren.“Ziel von Böh­mer­manns Ak­ti­on war es, den Hass im Netz zu be­kämp­fen. „Wir ha­ben aus Ver­se­hen ei­ne Bür­ger­rechts­be­we­gung ge­grün­det“, sag­te er.

„Die Bil­der in dem Ge­dicht sind nicht hin­nehm­bar.“Gö­kay So­fuog­lu, Vor­sit­zen­der der Tür­ki­schen Ge­mein­de in Deutsch­land

Foto: Sven Hop­pe, dpa

Mit sei­nem „Schmäh­ge­dicht“griff Jan Böh­mer­mann den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan an. Die Kanz­le­rin hat­te vor rund drei Jah­ren ge­sagt, die Ver­se sei­en „be­wusst ver­let­zend“. We­nig spä­ter hat­te sie die­se Aus­sa­ge aber als Feh­ler be­zeich­net. Das reicht Böh­mer­mann nicht.

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