Sig­gi Spie­gel­burg

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - Vorderseite - VON JARKA KUBSOVA

Die Modedesignerin liebt das Ex­tra­va­gan­te. Wir ha­ben sie zum Du­ell ge­for­dert. An der Näh­ma­schi­ne!

Die meis­ten ken­nen sie als Na­mens­ge­be­rin von Glit­zer­krams aus der Spiel­zeug- und Bü­ro­ab­tei­lung. Sig­gi Spie­gel­burg ist aber viel mehr: De­si­gne­rin, Un­ter­neh­me­rin und ein rast­los krea­ti­ver Kopf. Wir ha­ben sie zu ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Wett­kampf ge­trof­fen: im Nä­hen.

Drei Tei­le le­ge ich Sig­gi Spie­gel­burg vor die Na­se: ein sch­lich­tes schwar­zes Kleid, ein blau­es Her­ren­hemd, ei­ne dunk­le Strick­ja­cke. Und sie sagt: „Ach, komm. Ich mach mal eben schnell al­le drei hübsch.“

So war das nicht ge­meint!

Ab­ge­macht war: Ich brin­ge ein häss­li­ches Klei­dungs­stück mit, sie macht es schön – und um­ge­kehrt.

Dass sie nun so forsch gleich mei­ne ge­sam­te Aus­wahl pim­pen möch­te, gibt den Ton vor für die­sen Wett­kampf. Da­bei hat­te ich der Sa­che durch­aus hoff­nungs­froh ent­ge­gen­ge­se­hen. Schließ­lich soll­te es bloß um ein biss­chen Nä­hen ge­hen. Et­was, das je­de Mut­ti am Wohn­zim­mer­tisch qua­si ne­ben dem Stil­len macht. So schwer kann das gar nicht sein.

Aber in Spie­gel­burgs Ate­lier am Müns­te­ra­ner Ha­fen weiß ich schnell: Ich ha­be die Sa­che un­ter­schätzt.

Das hier ist kei­ne Hob­by­schnei­de­rei. Das hier ist ech­te Lei­den­schaft – und ein ham­mer­har­tes Busi­ness. Das hier ist ein Maßate­lier für Da­men, das in Deutsch­land sei­nes­glei­chen sucht. Al­lein die Aus­stat­tung. Vom Bo­den bis zur De­cke tür­men sich Stof­fe, sta­peln sich Rol­len vol­ler Bor­ten, Bän­der, Kor­deln. In un­zäh­li­gen Schub­la­den glit­zern Knöp­fe und Pail­let­ten. Roh­ma­te­ri­al, zu­sam­men­ge­sucht auf Märk­ten in der gan­zen Welt. Chi­na, Pa­ris, New York. Stän­dig ist Spie­gel­burg un­ter­wegs und sucht das Be­son­de­re: „Al­les muss zu­sam- men­pas­sen“, sagt sie. „Mus­ter, Far­be, Wer­tig­keit.“Erst dann darf ei­ne Stoff­pa­let­te mit nach Münster und wird ir­gend­wann Teil der far­ben- und mus­ter­rei­chen Klei­der, die hier ent­ste­hen.

Be­kann­ter ist Spie­gel­burgs Na­me aus ei­nem an­de­rem Zu­sam­men­hang: Sie ist ver­hei­ra­tet mit Wolf­gang Höl­ker, dem Chef des Cop­pen­rath Ver­lags. Po­pu­lä­re Kin­der­buch­hel­den wie Prin­zes­sin Lil­li­fee, Ha­se Fe­lix oder Käpt’n Shar­ky stam­men aus die­sem Haus. Die Spiel­zeu­gund All­tags­ar­ti­kel rund um die Fi­gu­ren – von der Haar­span­ge bis zum Schul­ran­zen – wer­den un­ter dem Namen „Die Spie­gel­burg“ver­trie­ben.

Die Edi­ti­on ist fes­ter Be­stand­teil in den Non-Book-Ecken der Buch­lä­den und Krims­kram­s­ab­tei­lun­gen. Ziel­grup­pe sind zu­neh­mend auch Er­wach­se­ne. Es gibt Glücks­brin­ger und No­tiz­blö­cke, Kos­me­tik­tä­schen und Tupfen­tel­ler. Din­ge, die man nicht wirk­lich braucht, aber doch mal mit­nimmt: weil sie hübsch sind und nicht son­der­lich teu­er.

Am An­fang gab Spie­gel­burg den Pro­dukt­li­ni­en ne­ben ih­rem Namen auch Im­pul­se und In­spi­ra­ti­on. In­zwi­schen läuft aber al­les oh­ne ihr Zu­tun. Sie hat sich längst ihr ei­ge­nes Ge­schäft auf­ge­baut, un­weit vom Ver­lag und doch ei­ne ganz an­de­re Welt, das Ge­gen­teil von Mas­sen­wa­re. Je­des Kleid, das hier ent­steht, ein hand­ge­fer­tig­tes Uni­kat, mit ent­spre­chen­dem Preis.

Im hin­te­rem Teil des Ate­liers hält Spie­gel­burg mir et­was hin, das so gar nicht hier­her­pas­sen mag: ein Jäck­chen aus Kasch­mir, schlicht und weiß. Nichts, das Spie­gel­burg so an­zie­hen wür­de. Sie lebt, was sie ver­kauft. Was sie trägt, ist üp­pig und glit­zert. Es ist ex­tra­va­gant und trotz­dem ele­gant. Es ist ge­wagt kom­bi­niert und trotz­dem stim­mig. „Un­scheibar und ein­fach“, sagt sie, „das gibt es bei mir nicht.“

Auch je­nes Jäck­chen soll nicht blei­ben, wie es ist. Ich muss es auf­hüb­schen, das ist mei­ne Auf­ga­be in die­sem Näh­du­ell. In Spiel­gel­burgs Ate­lier kann das ja nicht so schwer sein. Ein­fach hier und da et­was Bun­tes neh­men, wird schon pas­sen, den­ke ich. Und ir­re mich schon wie­der. Ich hal­te Rü­schen und Bän­der ans Jä­cken, An­steck­blu­men und Glit­zer­knöp­fe – und Spie­gel­burg kräu­selt die Na­se. Noch nett, aber deut­lich. Al­so wei­ter­su­chen.

Zum Glück tut Spie­gel­burg sich nicht min­der schwer. Auch wenn sie Un­ge­wöhn­li­ches kom­bi­niert, mit Be­lie­big­keit hat das nichts zu tun. Man­che Stof­fe lie­gen mo­na­te­lang im Ate­lier, oh­ne dass sie weiß, wo­für sie sie ver­wen­den kann. Dann fällt ihr plötz­lich die pas­sen­de Bor­te da­für ein, und al­les fügt sich.

Man kann sich ver­lie­ren in die­sen Schub­la­den und Fä­chern, die un­zäh­li­ge Schät­ze ber­gen und unend­li­che Mög­lich­kei­ten er­öff­nen. „Um­ge­ben von all die­sen Din­gen kann man gar nicht un­krea­tiv sein“, sagt Spie­gel­burg. „Es regt un­heim­lich an, all das um sich zu ha­ben. Aber es ist im­mer auch ein Pro­zess.“

Sie zieht Bor­dü­ren her­aus und brei­tet sie zur Pro­be an mir aus, sie greift hier­hin und dort­hin. Was für mich aus­sieht wie ein ver­wir­ren­des Ge­men­ge an Stof­fen und Zier­den, hat für sie ein Sys­tem. Auch für mein blau­es Hemd fin­det sie dar­in die pas­sen­de Bor­te. Und ich hab im­mer noch nichts.

Als ich prü­fend ei­ne ro­sa­far­be­ne Bor­te auf das Kaschmir­jäck­chen le­ge, tue ich ihr wahr­schein­lich ein­fach leid. „Oh ja, das ist toll“, sagt sie. „So schön cha­ne­lig.“Wenn ich jetzt noch das Band mit den hell­blau­en Per­len da­zu­näh­me, kön­ne das rich­tig gut aus­se­hen.

Mo­ment mal? Sind wir nicht ge­ra­de Kon­kur­ren­tin­nen?

Kon­kur­renz ist et­was, das Spie­gel­burg nicht mag; sich ver­glei­chen, nach­ei­fern. Ihr ers­tes Mo­de­ge­schäft in Münster hat sie mit 21 Jah­ren er­öff­net. Ein Freund riet ihr, ne­ben Be­klei­dung auch Schu­he zu ma­chen. Das ers­te Paar, knall­blaue Pumps, steht in ih­rem Bü­ro im Re­gal. Sie dreht sie in den Hän­den hin und her und lä­chelt. Sie tau­gen noch im­mer zu dem, was Spie­gel­burg so gut be­herrscht: auf­fal­len, ver­blüf­fen.

Ih­re Schu­he wur­den ein Ren­ner – der Be­ginn ei­ner Er­folgs­ge­schich­te. Auf ei­ner Mes­se sprach ei­ne ita­lie­ni­sche Fir­ma sie auf die Sa­chen an, die sie trug. „Das wa­ren mei­ne selbst ge­mach­ten“, sagt Spie­gel­burg. Die Ita­lie­ner en­ga­gier­ten sie vom Fleck weg als De­si­gne­rin. Acht Jah­re pen­del­te sie zwi­schen Flo­renz und Münster. Ent­warf in Ita­li­en ih­re Kol­lek­tio­nen und führ­te da­heim wei­ter ihr Ge­schäft. „Das war sehr er­folg­reich, ich ha­be sehr viel Geld ver­dient“, sagt sie.

Aber drum­her­um wuchs Kon­kur­renz her­an, an­de­re ko­pier­ten ih­ren Stil. „Ich hät­te mit­zie­hen und noch mehr aus mei­ner Fir­ma ma-

chen kön­nen. Aber mir war das zu viel Druck und Kampf. Ich bin nicht der Typ da­für.“Sie hat sich dann für ih­re Fa­mi­lie ent­schie­den, mitt­ler­wei­le hat­te sie zwei Kin­der be­kom­men.

Doch die sind längst aus dem Haus, Spie­gel­burg ist jetzt 59 und seit mehr als zehn Jah­ren wie­der voll im Ge­schäft.

„Kön­nen wir dann nä­hen?“, ruft sie und läuft in den nächs­ten Raum, die Schnei­de­rei. Die nächs­te Zau­ber­stu­be. Gut ein Dut­zend jun­ger Frau­en beugt sich hier über fi­li­gra­ne Hand­ar­beit. Sche­ren glei­ten durch sei­de­ne Stof­fe, Ma­schi­nen sur­ren, ein Dampf­bü­gel­ei­sen zischt. Drau­ßen vor den tie­fen Spros­sen­fens­tern glit­zert das Was­ser im Ha­fen­be­cken. Der Som­mer ist da, und al­le wol­len jetzt schnell ein neu­es Kleid.

Spie­gel­burg seufzt. „Wir ha­ben ge­ra­de ir­re viel zu tun.“Acht Wo­chen muss man der­zeit min­des­tens auf ein Kleid war­ten, die Auf­trags­bü­cher sind voll. „Im Mo­ment wis­sen wir kaum, wie wir das schaf­fen sol­len“, sagt Spie­gel­burg. Und das, ob­wohl ih­re Klei­der nicht eben güns­tig sind – bei 850 Eu­ro geht es los.

Et­wa 1,5 Mil­lio­nen setzt das Ate­lier mit sei­nen 17 Mit­ar­bei­tern im Jahr um. Spie­gel­burg wür­de sich gern ver­grö­ßern. Aber die Räu­me des denk­mal­ge­schütz­ten Korn­spei­chers ge­ben nicht mehr her. Und weil al­le die­sen Ort lie­ben, bleibt das Ate­lier wohl vor­erst dort.

Mit dem, was Spie­gel­burg auf­ge­baut hat – in­di­vi­du­el­le Mo­de, hand­ge­näht von gut be­zahl­ten Schnei­de­rin­nen in Deutsch­land –, hat sie so ziem­lich den Ge­gen­ent­wurf zu dem ge­schaf­fen, mit dem sich der größ­te Teil ih­rer Fa­mi­lie be­schäf­tigt: Spie­gel­burg ist Spross der C&A-Dy­nas­tie, ih­re Mut­ter ist ei­ne ge­bo­re­ne Bren­nink­mey­er. Beim Auf­bau des ei­ge­nen Ge­schäfts hat Spie­gel­burg das nicht ge­hol­fen. Sie be­gann oh­ne fi­nan­zi­el­le Hil­fe der Fa­mi­lie. Aber ge­seg­net mit dem Ta­lent ih­rer Mut­ter. „Sie war un­heim­lich krea­tiv“, sagt Spie­gel­burg. „Sie konn­te aus nichts et­was ma­chen.“

Mein Hemd ist bei ihr al­so in den rich­ti­gen Hän­den. Um ihr wei­ßes Jäck­chen muss man sich mehr Sor­gen ma­chen. Zwar hat Spie­gel­burg mir noch mal ge­hol­fen – die Bor­te fest­ge­steckt und mir die fol­gen­den Ar­beits­schrit­te ge­zeigt –, trotz­dem ha­be ich bis­her nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter fer­tig. Der Rest kommt mir ewig lang vor.

Zu mei­nem Glück wird es für Sig­gi Spie­gel­burg jetzt hek­tisch. Sie rennt hier­hin, rennt dort­hin, Sig­gi hier, Sig­gi dort, hört man Mit­ar­bei­ter sie ru­fen. Kun­den wol­len sie spre­chen, das Te­le­fon klin­gelt fast pau­sen­los, Da­ckel Lot­ti will mal vor die Tür. Spie­gel­burg ist der Mit­tel­punkt der Fir­ma, und je­der ist froh, wenn er sie kurz grei­fen kann. Ich nut­ze das gna­den­los aus und nä­he um mein Le­ben.

Trotz­dem kommt sie ir­gend­wann um die Ecke, mit dem ol­len Hemd in der Hand, und träl­lert fröh­lich ein zer­schmet­tern­des: „So-o, fer­tig!“

Mein Hemd zie­ren nun ei­ne schil­lern­de Bor­te und li­la Knöp­fe mit „Spie­gel­burg“-Em­blem.

Ei­lig set­ze ich die letz­ten Sti­che. Nun ist auch mei­ne Bor­te dran. Sieht gar nicht schlecht aus, wie ver­wan­delt. „Süß!“, sagt Spie­gel­burg. Und zieht es über. Ich bin froh, dass es hält.

„Hey, wie fin­det ihr es?“, will Spie­gel­burg von ih­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen wis­sen. Das Echo ist wohl­wol­lend, aber ver­hal­ten. Mit „süß“ist wohl schon al­les ge­sagt.

Und mein Hemd? Ewig hing es un­ge­tra­gen im Schrank. Jetzt ha­be ich Lust, es mal wie­der an­zu­zie­hen. Spie­gel­burg hat ge­won­nen.

Ate­lier Spie­gel­burg wür­de sich auch Prin­zes­sin Lil­li­fee wohl­füh­len, die be­kann­tes­te Fi­gur aus den Cop­pen­rath-Bü­chern. Die Zau­ber­stüb­chen qu­el­len über von bun­ten Stoff­bah­nen und Bor­dü­ren, von Schub­la­den­schrän­ken vol­ler Knöp­fe und all dem an­de­rem Tand und Glit­zer, aus dem Sig­gi Spie­gel­burg (59) die In­spi­ra­ti­on für ih­re Ent­wür­fe zieht. Es ist zugleich der Schau­platz des Du­ells ge­gen un­se­re Au­to­rin Jarka Kubsova (38).

Wer hat das schöns­te Kleid? Sig­gi Spie­gel­burg (rechts) und Jarka Kubsova nach ge­ta­ner Ar­beit

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