Po­wer für den Pott

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - Vorderseite - VON ANT­JE HÖNING UND MICHA­EL BRÖ­CKER

Wie Wer­ner Mül­ler das Ruhr­ge­biet ret­ten will –

das gro­ße In­ter­view

Wer­ner Mül­ler ist der Mis­ter Struk­tur­wan­del. Er hat die Blau­pau­se für den so­zi­al­ver­träg­li­chen Koh­le­aus­stieg ge­schrie­ben und die Re­vier­wirt­schaft grund­le­gend um­ge­baut. Nun for­dert er ei­nen Hilfs­fonds für das Ruhr­ge­biet: Mit 50 Mil­li­ar­den Eu­ro las­se sich der Re­gi­on auf die Bei­ne hel­fen.

Herr Mül­ler, NRW ist mit ei­nem Wachs­tum von null Pro­zent Schluss­licht in Deutsch­land. Woran liegt das?

Wer­ner Mül­ler: Nord­rhein-West­fa­len lei­det am Rück­gang der Schwer­in­dus­trie – Koh­le, Stahl und Wei­ter­ver­ar­bei­ter ha­ben vie­le Hun­dert­tau­send Ar­beits­plät­ze ab­ge­baut. Wenn nicht zugleich viel Neu­es auf­ge­baut wor­den wä­re, wür­de die NRW-Wirt­schaft schrump­fen. Be­son­ders düs­ter sieht die La­ge im Ruhr­ge­biet aus. Oh­ne das Ruhr­ge­biet stän­de NRW so gut da wie Bay­ern ...

Mül­ler: Es gibt vie­le gu­te Bei­spie­le für ge­lun­ge­nen Struk­tur­wan­del, auch im Ruhr­ge­biet. Der Duis­bur­ger Ha­fen ist zum Job­mo­tor ge­wor­den, Lo­gis­tik und Me­di­zin sind be­deu­tend. Doch die In­fra­struk­tur und man­che Stadtteile ver­kom­men. Es gibt Vier­tel in Duis­burg, Dort­mund und im Es­se­ner Nor­den, da möch­te nie­mand woh­nen oder sei­nen Be­trieb ha­ben.

Was tun?

Mül­ler: Wir brau­chen ei­nen So­li­dar­pakt für das Ruhr­ge­biet. Min­des­tens 200 Mil­li­ar­den Eu­ro sind in den Auf­bau Ost ge­flos­sen, fi­nan­ziert auch mit viel Steu­er­geld der Bür­ger des Ruhr­ge­biets. Dres­den, Ros­tock, Wis­mar sind heu­te Schmuckstücke. Nun muss es an­ders­her­um ge­hen: Auf den Auf­bau Ost muss der Auf­bau West fol­gen. Wir kön­nen die gut fünf Mil­lio­nen Men­schen im Ruhr­ge­biet nicht hän­gen las­sen. Oh­ne die­se Re­gi­on wä­re das Wirt­schafts­wun­der nicht mög­lich ge­we­sen. Da­mit wir uns rich­tig ver­ste­hen: Selbst­ver­ständ­lich müs­sen die Men­schen im Ruhr­ge­biet auch selbst an­pa­cken, um wie­der nach oben zu kom­men. Dass sie das kön­nen, ha­ben sie oft ge­nug ge­zeigt. Aber noch mal: Ich hal­te ei­nen So­li für das Ruhr­ge­biet für ab­so­lut ge­recht­fer­tigt. Was heißt das für den Steu­er­zah­ler?

Mül­ler: Mit 50 Mil­li­ar­den Eu­ro, ver­teilt über zehn Jah­re, lie­ße sich ei­ni­ges dar­stel­len. Da­zu könn­te der So­li­dar­bei­trag auf die Ein­kom­men­steu­er auch nach 2019 be­ste­hen blei­ben. Mit dem Geld könn­te man Stra­ßen sa­nie­ren, Stadt­vier­tel at­trak­tiv ma­chen und Un­ter­neh­men an­sie­deln. Hat der Steu­er­zah­ler nicht schon ge­nug Geld über die Koh­le­sub­ven­tio­nie­rung ins Ruhr­ge­biet ge­pumpt?

Mül­ler: So teu­er war das am En­de gar nicht. 50 Jah­re Koh­le­sub­ven­ti­on kos­ten we­ni­ger, als uns heu­te drei Jah­re Ökostrom­för­de­rung kos­ten. Zu­dem ging es bei der Koh­le lan­ge auch um ei­ne Si­cher­heits­prä­mie für ganz Deutsch­land. Man darf nicht ver­ges­sen: Über Jahr­zehn­te herrsch­te Kal­ter Krieg, die Öl­kri­se kam da­zu. Hei­mi­sche Ener­gie zu ha­ben war auch ei­ne Si­cher­heits­fra­ge.

Seit den 1960er-Jah­ren muss­te der Berg­bau sub­ven­tio­niert wer­den, am En­de ha­ben wir über 50 Jah­re lang Sub­ven­tio­nen ge­zahlt ...

Mül­ler: 1965 stand die Re­gi­on vor dem Kol­laps. Hät­te man da­mals nicht po­li­tisch ge­han­delt, hät­ten 400 000 Berg­leu­te ih­re Ar­beit ver­lo­ren und wei­te­re 800 000 Be­schäf­tig­te in den Zu­lie­fer­be­trie­ben. In den ers­ten Jah­ren wa­ren die Sub­ven­tio­nen auch noch klei­ner als das, was die Berg­leu­te selbst an Steu­ern ge­zahlt ha­ben. 2018 ist nun end­gül­tig Schicht im Schacht, Sie ha­ben 2003 die Blau­pau­se für den Koh­le­aus­stieg ge­schrie­ben. Was mach­te den Er­folg aus?

Mül­ler: Man braucht ei­ne kla­re Idee. Bei der St­ein­koh­le war der ent­schei­den­de Schritt, dass man den wei­ßen Be­reich, die heu­ti­ge Evo­nik, vom schwar­zen Be­reich getrennt hat. Durch die Grün­dung der RAG-Stif­tung konn­te Evo­nik von al­len Haf­tun­gen für die Koh­le frei­ge­hal­ten wer­den und sich fort­an frei ent­wi­ckeln. Zu­dem muss­te man früh­zei­tig Po­li­tik, Ge­werk­schaf­ten und Un­ter­neh­men an ei­nen Tisch ho­len. Die IG BCE un­ter Hu­ber­tus Schmoldt hat da­mals ge­sagt: Es darf kei­ne Ent­las­sun­gen ge­ben – an­sons­ten ist vie­les denk­bar. Das war sehr kon­struk­tiv. Dar­aus er­gab sich auch das Jahr 2018 bis zum end­gül­ti­gen Aus­lauf des deut­schen St­ein­koh­len­berg­baus: So viel Zeit braucht man, um die Be­leg­schaft so­zi­al­ver­träg­lich ab­zu­bau­en. Nun wer­den wir das St­ein­koh­le­ka­pi­tel be­en­den, oh­ne dass je ein Kum­pel ins Berg­freie fällt.

Wo wa­ren die po­li­ti­schen Wi­der­stän­de be­son­ders groß?

Mül­ler: Bei der Re­gie­rung Rütt­gers in NRW und bei ei­ni­gen So­zi­al­de­mo­kra­ten wie zum Bei­spiel Fi­nanz­mi­nis­ter Ei­chel. Früh Ver­ständ­nis für die Lö­sung hat­ten da­ge­gen Kanz­le­rin Mer­kel und Peer St­ein­brück. In vie­len Ge­sprä­chen konn­ten wir am En­de al­le über­zeu­gen.

Ei­ne ähn­li­che Dis­kus­si­on gibt es ge­ra­de um die Braun­koh­le. Was kann man im rhei­ni­schen Re­vier vom St­ein­koh­le­aus­stieg ler­nen?

Mül­ler: Wir brau­chen ei­nen run­den Tisch, der ei­nen Fahr­plan zum Aus­stieg aus der Braun­koh­le ver­läss­lich fest­legt. Das ge­bie­tet die Fair­ness ge­gen­über Mit­ar­bei­tern und in­ves­tier­ten Un­ter­neh­men. Ob die Ta­ge­baue noch bis 2045 lau­fen, weiß ich nicht. Klar ist, dass man es mit dem Kli­ma­schutz auch nicht über­trei­ben darf. Für das Welt­kli­ma ist es egal, ob wir ei­nen Block im rhei­ni­schen Re­vier et­was frü­her oder spä­ter ab­schal­ten. Ich er­war­te zu­dem, dass die Braun­koh­le zur Si­che­rung der Grund­last wie­der wich­tig wird und die Strom­bör­sen­prei­se stei­gen. Die En­er­gie­wen­de hat hier zu pa­ra­do­xen Er­geb­nis­sen ge­führt.

War die En­er­gie­wen­de ein Feh­ler?

Mül­ler: Hier läuft lei­der vie­les schief, ein Re­pa­ra­tur­ein­griff folgt dem nächs­ten. Und viel zu spät hat man die Sub­ven­tio­nie­rung der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en ge­bremst und die För­de­rung et­wa von So­lar­an­la­gen ge­de­ckelt. Das Ne­ben­ein­an­der von Markt- und Staats­lö­sun­gen er­gibt we­nig Sinn.

Sie hal­ten schon die Strom­markt­li­be­ra­li­sie­rung 1998 für ei­nen Feh­ler?

Mül­ler: Ja, aber nun kön­nen wir sie nicht zu­rück­dre­hen. Der Markt denkt kurz­fris­tig, In­ves­ti­tio­nen in Kraft­wer­ke und Net­ze sind hin­ge­gen ei­ne Sa­che von zehn Jah­ren – das ist das Pro­blem. Letzt­lich wä­ren wir bes­ser da­mit ge­fah­ren, wenn wir den Strom­markt nicht li­be­ra­li­siert hät­ten.

Das hört sich nach So­zia­lis­mus an, nicht nach Markt­wirt­schaft ...

Mül­ler: Dann fra­ge ich Sie: Was hat ein Strom­preis, der heu­te zu 60 Pro­zent von staat­li­chen Ab­ga­ben be­stimmt wird, mit Markt­wirt­schaft zu tun? Der Strom­markt ist we­gen sei­ner lan­gen In­ves­ti­ti­ons­zy­klen nicht für den Wett­be­werb ge­eig­net.

Ei­ne an­de­re Kri­sen­bran­che von NRW ist der Stahl. Kann ein Mark­wirt­schaft­ler hier Schutz­zöl­le gut­hei­ßen, wie ihn jetzt die deut­schen Stahl­her­stel­ler for­dern?

Mül­ler: Grund­sätz­lich hat die deut­sche Stahl­bran­che den Struk­tur­wan­del gut be­wäl­tigt. Die ak­tu­el­len Pro­ble­me re­sul­tie­ren aus dem Über­an­ge­bot am Welt­markt. Wenn Chi­na den Stahl un­ter Her­stel­lungs­kos­ten an­bie­tet, darf Eu­ro­pa sich sehr wohl mit Schutz­zöl­len ge­gen die­se un­fai­re Pra­xis weh­ren.

Ta­ta ver­han­delt der­zeit mit Thys­senK­rupp. Passt ein in­di­sches Un­ter­neh­men nach NRW? Mül­ler: War­um nicht? An der RAG war einst Ar­cel­orMit­tal be­tei­ligt, wir ha­ben da gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. Mit­tal wuss­te, wie wert­voll der Zu­griff auf deut­sche Roh­stof­fe sein kann. Wenn es un­ter­neh­me­risch sinn­voll ist, kann je­des aus­län­di­sche Un­ter­neh­men ein gu­ter Part­ner für ein deut­sches sein.

Struk­tur­wan­del heu­te heißt vor al­lem: Wie stel­len sich die Un­ter­neh­men auf die Di­gi­ta­li­sie­rung ein? Wa­ren Sie schon im Si­li­con Val­ley?

Mül­ler: Nein, aber bei­spiels­wei­se mit ei­nem selbst­fah­ren­den Au­to war ich schon 2013 un­ter­wegs. Daim­ler-Chef Zet­sche hat­te mich in ei­nen au­to­no­men Mer­ce­des ein­ge­la­den. Es war be­ein­dru­ckend. Ich bin mir si­cher, dass die deut­sche Au­to­in­dus­trie den An­schluss ans di­gi­ta­le Zeit­al­ter be­hält.

Was muss die Wirt­schaft tun, da­mit es mit dem Struk­tur­wan­del bes­ser läuft?

Mül­ler: We­ni­ger me­ckern, mehr ma­chen. Man muss nicht je­de Meis­ter­fei­er nut­zen, um auf die Re­gie­rung ein­zu­schla­gen. Das bringt das Land nicht vor­an.

Man darf es mit dem Kli­ma­schutz auch nicht über­trei­ben

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