Han­del

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON GE­ORG WINTERS

Fünf der größ­ten deut­schen Han­dels­kon­zer­ne kom­men aus NRW. Wirk­lich gut geht es kaum ei­nem von ih­nen. Ein Bran­chen­re­port.

Fünf der größ­ten deut­schen Han­dels­kon­zer­ne ha­ben ih­ren Sitz in Nord­rhein-West­fa­len. Doch kaum ei­ner hat Grund zum Fei­ern: Der Wett­be­werb ist hart, die Zu­kunft un­ge­wiss. Wenn sich dann noch die Ei­gen­tü­mer ver­zan­ken, heißt das nichts Gu­tes. Ein Über­blick.

Die nack­ten Zah­len sind be­ein­dru­ckend: Gei­mein­sam kom­men Me­tro, Rewe,

Al­di, Kar­stadt und Ten­gel­mann auf zu­sam­men­ge­rech­net 200

Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz und meh­re­re

Zehn­tau­send Mit­ar­bei­ter im In- und Aus­land.

Fünf der größ­ten deut­schen Han­dels­kon­zer­ne ha­ben ih­ren Sitz in Nord­rhein-West­fa­len – streng ge­nom­men so­gar sechs, weil Al­di

Nord und Al­di Süd von­ein­an­der ge­trenn­te Un­ter­neh­men sind. Im Le­bens­mit­tel­han­del ist die Do­mi­nanz be­son­ders stark:

Mit Ede­ka und Lidl ha­ben nur zwei Bran­chen­schwer­ge­wich­te ih­re

Zen­tra­le au­ßer­halb von NRW, die Be­deu­tung des be­völ­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­lands für die Bran­che ist her­aus­ra­gend.

Da­mit ist es aber auch schon vor­bei mit den Su­per­la­ti­ven, denn der Wett­be­werb im Han­del ist hart wie lan­ge nicht, schie­re Grö­ße ist schon lan­ge kein si­che­res Er­folgs­re­zept mehr. Mit Aus­nah­me von Rewe kämp­fen al­le Un­ter­neh­men mit ge­wal­ti­gen Schwie­rig­kei­ten – ei­ni­ge mit exis­ten­zi­el­len.

Me­tro Mit der Auf­spal­tung in zwei Tei­le wol­len die Düs­sel­dor­fer nach dem Ver­kauf der Wa­ren­haus­toch­ter Ga­le­ria Kauf­hof wie­der in die Of­fen­si­ve kom­men. Das Groß­han­dels­ge­schäft lief zu­letzt bes­ser, und mit der Ver­selbst­stän­di­gung der Elek­tro­nik­ket­te Me­dia-Sa­turn, grö­ßer Ge­winn­brin­ger des Kon­zerns, könn­te auch de­ren Wert für Me­tro wie­der stei­gen. Der größ­te Pro­blem­fall heißt auch nach der Ei­ni­gung mit der Ge­werk­schaft Ver­di Re­al. Nach zä­hen Ver­hand­lun­gen stimm­te die Ge­werk­schaft Ein­bu­ßen bei Urlaubs- und Weih­nachts­geld zu. Im Ge­gen­zug will Me­tro ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro in die Groß­su­per­märk­te in­ves­tie­ren. Dass da­mit gleich­zei­tig al­le 291 Fi­lia­len über­le­ben, glaubt al­ler­dings kaum je­mand. Am En­de zählt nur eins: Re­al muss nach­hal­tig pro­fi­ta­bel wer­den, sonst fin­den sich kei­ne In­ves­to­ren. Und ein Ver­kauf der sie­chen Toch­ter wä­re dem Me­troVor­stand wohl im­mer noch die liebs­te Op­tio­nen.

Ten­gel­mann Was für die Me­tro Re­al ist, ist Kai­ser’s für Ten­gel­mann. Die Su­per­märk­te des Kon­zerns schrei­ben seit Jah­ren ro­te Zah­len, wes­halb die Mül­hei­mer sie jetzt mit­hil­fe ei­ner um­strit­te­nen Son­der­er­laub­nis des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ters an Ede­ka ab­ge­ben. Da­mit könn­te sich das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men wie­der sei­nen pro­fi­ta­blen Be­tei­li­gun­gen wie der Bau­markt­ket­te Obi und dem Tex­til­dis­coun­ter Kik wid­men so­wie den zahl­rei­chen In­ter­net­be­tei­li­gun­gen der Fir­men­grup­pe. Doch vor­erst bleibt die Un­ru­he, denn Ede­ka will Stel­len strei­chen und un­pro­fi­ta­ble Be­rei­che schlie­ßen, das aber geht ge­mäß der Wei­sung des Mi­nis­ters nur mit Zu­stim­mung der Ge­werk­schaft. Sagt die Nein, kann Ede­ka nichts tun, sonst wird die Er­laub­nis hin­fäl­lig – und Ten­gel­mann hät­te sein Sor­gen­kind zu­rück. Dass es da­zu kommt, gilt je­doch als un­wahr­schein­lich. Vie­les deu­tet dar­auf hin, dass sich die Ar­beit­neh­mer ih­re Zu­stim­mung zu Ein­schnit­ten teu­er ab­kau­fen las­sen wol­len. Es ha­be zu­letzt „ei­ne spür­ba­re An­nä­he­rung“bei der Fort­gel­tung der Ta­rif­ver­trä­ge ge­ge­ben, teil­te die Ge­werk­schaft Nah­rung-Ge­nuss-Gast­stät­ten En­de Mai mit. Die je­doch ver­han­delt auch „nur“für et­wa 500 Be­schäf­tig­te der Bir­ken­hof-Flei­sch­wer­ke, die un­ter an­de­rem ei­nen Stand­ort in Vier­sen ha­ben. Für die Ver­tre­tung der Mit­ar­bei­ter im Ver­kauf, die den weit über­wie­gen­den An­teil an der ins­ge­samt 16 000 Mit­ar­bei­ter star­ken Kai­ser’s-Be­leg­schaft stel­len, ist Ver­di zu­stän­dig. Und da klingt die Pro­gno­se zu­min­dest für Nord­rhein-West­fa­len we­ni­ger op­ti­mis­tisch, wo ein Drit­tel der Stel­len weg­fal­len und mehr als 60 Märk­te auf das For­mat der Ede­ka-Dis­count­toch­ter Net­to um­ge­rüs­tet wer­den sol­len – mit we­ni­ger Per­so­nal. Ob sich Ver­di auf sol­che Spar­plä­ne ein­las­sen wird?

Kar­stadt Der Es­se­ner Kon­zern ist in Deutsch­land die wohl nach­hal­tigs­te Kri­sen­ge­schich­te der ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­te. Als der Mut­ter­kon­zern Ar­can­dor 2009 in die Plei­te schlid­der­te, droh­te auch dem äl­tes­ten deut­schen Wa­ren­haus das Aus. Der Deutsch-US-Ame­ri­ka­ner Ni­co­las Berg­gru­en er­schien als Ret­ter in der Not, wur­de dann aber zur gro­ßen Ent­täu­schung, weil er sich wei­ger­te, grö­ße­re In­ves­ti­tio­nen aus ei­ge­ner Ta­sche zu zah­len, und statt­des­sen Spar­bei­trä­ge der Be­schäf­tig­ten ver­lang­te. Die als Hoff­nungs­trä­ge­rin ge­fei­er­te Ikea-Ma­na­ge­rin Eva-Lot­ta Sjös­tedt warf schon nach 133 Ta­gen die Bro­cken hin und mach­te kei­nen Hehl dar­aus, dass Berg­gru­en ihr die Un­ter­stüt­zung ver­sagt hat­te. 2014 reich­te der In­ves­tor die Ket­te an den schil­lern­den ös­ter­rei­chi­schen Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer Re­né Ben­ko wei­ter, als Vor­stands­vor­sit­zen­der am­tiert der frü­he­re Auf­sichts­rats­chef Ste­phan Fan­derl. Un­ter sei­ner Füh­rung hat Kar­stadt zu­letzt Fort­schrit­te ge­macht. Für 2016 ist zu­min­dest wie­der ein ope­ra­ti­ver Ge­winn in Sicht, doch vie­le Fra­gen blei­ben. Ist das mehr als nur ein Stroh­feu­er? Was bleibt lang­fris­tig vom Mo­dell Wa­ren­haus üb­rig? Ben­ko wird nach­ge­sagt, er sei nur an den Im­mo­bi­li­en in­ter­es­siert. Er selbst sagt, er glau­be an das Wa­ren­haus. Fragt sich nur, wie lan­ge noch.

Al­di Nie zu­vor in der Ge­schich­te des ver­schwie­gens­ten deut­schen Han­dels­un­ter­neh­mens tob­te ein der­ar­ti­ger Macht­kampf wie der­zeit un­ter den Al­brechts bei Al­di Nord. Die Nach­fah­ren des 2014 ver­stor­be­nen Dis­count­pio­niers Theo Albrecht, der mit sei­nem Bru­der Karl deut­sche Han­dels­ge­schich­te ge­schrie­ben hat, tra­gen öf­fent­lich ei­ne Schlamm­schlacht aus, die ih­res­glei­chen sucht. Das passt so gar nicht mehr zur Dis­kre­ti­on der Fa­mi­lie, die seit Jahr­zehn­ten zu den reichs­ten in Deutsch­land zählt. „Ich bin sehr trau­rig dar­über, dass Ba­bet­te und ih­re Kin­der das Tes­ta­ment und die Stif­tungs­sat­zung ih­res Ehe­manns nicht ak­zep­tie­ren wol­len und die­se be­kämp­fen“, sag­te jüngst Theo Albrecht ju­ni­or dem „Stern“. Hin­ter­grund: Er und Ba­bet­te Albrecht, die Ehe­frau von Theo Al­brechts 2012 ver­stor­be­nem Bru­der Bert­hold, strei­ten um ei­ne Sat­zungs­än­de­rung von 2010, die Ba­bet­te Al­brechts Kin­der als Er­ben weit­ge­hend ent­mach­tet. Der Streit wird vor Ge­richt aus­ge­foch­ten. Ne­ben die­sen per­sön­li­chen Ani­mo­si­tä­ten ver­blasst fast der im­mer här­te­re Wett­be­werb, dem die Dis­count­ket­te aus­ge­setzt ist. Al­di hüb­scht ge­ra­de sei­ne Fi­lia­len auf, weil vie­le Kun­den nicht mehr al­lein auf den Preis schau­en. Das Auf­wer­ten der Märk­te be­deu­tet je­doch hö­he­re Prei­se. „Die Dis­coun­ter ste­cken in ei­nem Di­lem­ma. Sie ha­ben in Deutsch­land ei­ne na­tür­li­che Sät­ti­gungs­gren­ze er­reicht und kön­nen jetzt nur noch da­durch punk­ten, dass sie die Ar­ti­kel im Re­gal wer­ti­ger ma­chen. Das Tra­ding-up führt dann da­zu, dass sie teu­rer wer­den müs­sen“, sagt Ger­rit Heinemann, Han­dels­pro­fes­sor an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein. Wie das wohl die Al­di-Kun­den fin­den?

Kauf­haus des Wes­tens: Nied­ri­ge Mar­gen, schar­fe Kon­kur­renz und Strei­te­rei­en der Ei­g­ner be­las­ten die Han­dels­kon­zer­ne in NRW.

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