Mei­ne Mei­nung

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON JUS­TUS HAU­CAP

War­um kom­men so we­ni­ge er­folg­rei­che In­ter­net­un­ter­neh­men aus Deutsch­land? Weil das Land in­no­va­ti­ons­feind­lich ist, schreibt der Di­gi­tal­ex­per­te Jus­tus Hau­cap – und ver­rät zugleich, wie sich das än­dern lie­ße.

Durch die Di­gi­ta­li­sie­rung kommt es zu ei­nem Struk­tur­wan­del in vie­len Be­rei­chen der Wirt­schaft und auch zu er­heb­li­chen Ve­rän­de­run­gen des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Die Aus­wir­kun­gen wer­den bis­wei­len mit de­nen der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ver­gli­chen: Bis­he­ri­ge Markt­struk­tu­ren und Wert­schöp­fungs­ket­ten wan­deln sich, so­dass sich auch wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Macht­ge­fü­ge ver­än­dern. Wie bei je­dem tech­ni­schen Fort­schritt sind da­mit Chan­cen ver­bun­den, aber auch Ri­si­ken.

In Deutsch­land wer­den bis­lang vor al­lem die Ri­si­ken be­tont. Ama­zon ver­drängt den sta­tio­nä­ren Buch­han­del, Airb­nb nimmt der Ho­tel­le­rie Kun­den weg, Uber ge­fähr­det die Ta­xi­bran­che, Net­flix und Co. las­sen Vi­deo­the­ken alt aus­se­hen und so wei­ter und so fort. Die Re­ak­ti­on der Po­li­tik ist bis­her ab­weh­rend: Uber ver­bie­ten, Airb­nb am liebs­ten auch, für E-Books soll ei­ne (ver­brau­cher­feind­li­che) Preis­bin­dung her, Goog­le woll­te man be­reits zer­schla­gen. Was noch fehlt, sind La­den­öff­nungs­zei­ten für On­li­ne­shops. Zu­dem hinkt Deutsch­land in den Be­rei­chen E-Go­vern­ment und Glas­fa­ser­in­ter­net dem eu­ro­päi­schen Durch­schnitt weit hin­ter­her, wie die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on jüngst in ih­rem Eu­ro­pean Di­gi­tal Pro­gress Re­port be­schei­nigt hat. Gleich­zei­tig scheint man sich zu wun­dern, war­um so vie­le er­folg­rei­che Start-ups in den USA (und auch in Asi­en) ent­ste­hen und war­um die wich­tigs­ten In­ter­net­un­ter­neh­men al­le­samt dort sit­zen.

Deutsch­land ist in­no­va­ti­ons­feind­lich

Der Grund ist ein­fach: Deutsch­land ist viel zu in­no­va­ti­ons­feind­lich. In­no­va­tio­nen ha­ben es an sich, dass nicht al­les so bleibt, wie es ist, son­dern sich Din­ge än­dern. Das heißt auch, dass es Ge­win­ner und Ver­lie­rer gibt. Wer in­no­va­tiv ist, ge­winnt Markt­an­tei­le hin­zu. Wer In­no­va­tio­nen ver­schläft, ver­liert Markt­an­tei­le. Bei dis­rup­ti­ven In­no­va­tio­nen wer­den so­gar gan­ze Markt­struk­tu­ren und Wert­schöp­fungs­ket­ten um­ge­wälzt.

Der ein­fachs­te Weg zur Ab­wehr von In­no­va­tio­nen ist ihr Ver­bot, je­doch ist es zugleich der ver­brau­cher­feind­lichs­te. Na­tür­lich ist aus Sicht der Ta­xi­un­ter­neh­men und der Ta­xi­zen­tra­len neue Kon­kur­renz un­lieb­sam. Gleich­wohl er­in­nert die heu­ti­ge Re-

Es ist ein Wun­der, dass es noch kei­ne La­den­schluss­zei­ten für On­li­ne­shops gibt. Deutsch­land braucht drin­gend ei­ne mu­ti­ge­re Netz­po­li­tik, um glo­bal mit­zu­hal­ten. Ein Weck­ruf.

gu­lie­rung des Ta­xi­markts an die so­ge­nann­ten Red Flag Acts im Groß­bri­tan­ni­en des spä­ten 19. Jahr­hun­derts. Die­sem Ge­setz zu­fol­ge durf­ten Ge­fähr­te oh­ne Pfer­de wie ein Au­to nur mit ei­ner Höchst­ge­schwin­dig­keit von et­wa sechs Ki­lo­me­tern pro St­un­de fah­ren. Je­dem Au­to­mo­bil muss­te zu­dem ein Fuß­gän­ger vor­aus­lau­fen und zur War­nung der Be­völ­ke­rung ei­ne ro­te Flag­ge tra­gen. Die Pfer­de­kut­scher wa­ren glück­lich über das Ge­setz, gleich­wohl hat es den Sie­ges­zug des Au­tos nicht ver­hin­dert.

E-Books wer­den ge­druck­te Bü­cher ver­drän­gen

Ähn­lich ist es heu­te. Neh­men wir et­wa die Buch­preis­bin­dung. Ur­sprüng­lich hat sie den Buch­han­del vor Preis­wett­be­werb ge­schützt, es gab ei­ne Viel­zahl von Buch­hand­lun­gen, die so die „Li­te­ra­tur­ver­sor­gung“der Be­völ­ke­rung si­cher­stell­ten. In­zwi­schen set­zen sich E-Books im­mer stär­ker durch, die nach­rü­cken­den Ge­ne­ra­tio­nen hän­gen we­ni­ger an al­ten Ge­wohn­hei­ten, und die Vor­tei­le der E-Books sind of­fen­sicht­lich.

Auf hand­li­chen Re­a­dern ist prin­zi­pi­ell die ge­sam­te Welt­li­te­ra­tur ver­füg­bar. Die Re­a­der sind leicht, um­welt­scho­nend und platz­spa­rend, lan­ge Bü­cher­re­ga­le wer­den ir­gend­wann eben­so der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren wie CD-Re­ga­le. Durch das elek­tro­ni­sche Pu­bli­zie­ren kann zugleich je­der Au­tor, auch oh­ne Ver­lag, sei­ne Bü­cher ver­brei­ten und bei Ama­zon oder auf an­de­ren Platt­for­men als E-Book ein­stel­len. Für Zu­gang zu Literatur be­nö­tigt man heu­te kei­nen Buch­la­den mehr, son­dern ei­nen Zu­gang zum In­ter­net. Für den sta­tio­nä­ren Buch­han­del sind die Aus­sich­ten da­her mit­tel­fris­tig so düs­ter wie vor 100 Jah­ren die der Pfer­de­kut­scher. Die Pro­duk­ti­ons­und Dis­tri­bu­ti­ons­kos­ten für elek­tro­ni­sche Bü­cher lie­gen sehr deut­lich un­ter de­nen für ge­druck­te Wer­ke. Es ist klar, dass sich E-Books durch­set­zen wer­den.

Die künst­li­che Ver­teue­rung der elek­tro­ni­schen Bü­cher durch die Preis­bin­dung mag die­sen Struk­tur­wan­del brem­sen, auf­hal­ten wird sie ihn nicht. Wir wer­den le­dig­lich ganz hin­ten statt ganz vorn da­bei sein (an­ders als vor über 100 Jah­ren beim Au­to).

Wenn die Po­li­tik wirk­lich will, dass Deutsch­land bei der Di­gi­ta­li­sie­rung vorn mit da­bei ist, darf sie nicht re­gel­mä­ßig aus Angst vor neu­en Ent­wick­lun­gen und zum Schutz bis­he­ri­ger Macht­struk­tu­ren In­no­va­tio­nen mit Ver­bo­ten und Re­gu­lie­run­gen be­geg­nen. Zugleich müs­sen wir es aber auch Schü­lern und Stu­die­ren­den er­mög­li­chen, in die rich­ti­gen Fä­hig­kei­ten zu in­ves­tie­ren.

Als De­kan der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät hät­te ich et­wa gern drei oder bes­ser noch fünf Lehr­stüh­le für Wirt­schafts­in­for­ma­tik und di­gi­ta­le Wirt­schaft, um un­se­re Stu­die­ren­den ide­al aus­zu­bil­den. Zu­dem kommt es in ei­nem sol­chen Um­feld er­fah­rungs­ge­mäß zu zahl­rei­chen Neu­grün­dun­gen mit ent­spre­chen­den po­si­ti­ven Aus­wir­kun­gen. Für solch zu­kunfts­träch­ti­gen In­ves­ti­tio­nen will die öf­fent­li­che Hand je­doch ak­tu­ell lei­der kein Geld aus­ge­ben.

DER AU­TORJus­tus Hau­cap ist De­kan der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Düsseldorf und gilt als ei­ner der an­er­kann­tes­ten Di­gi­tal­ex­per­ten Deutsch­lands. Von 2008 bis 2012 war der heu­te 47-Jäh­ri­ge Vor­sit­zen­der der Mo­no­pol­kom­mis­si­on. Hau­cap be­schäf­tigt sich in­ten­siv mit Re­gu­lie­rungs­fra­gen von in­ter­net­ba­sier­ten Tech­no­lo­gi­en.

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