Start-ups

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON MAXIMILIAN PLÜCK

Wer bei ei­nem gro­ßen Kon­zern an­heu­ert, ver­dient in der Re­gel deut­lich bes­ser. War­um trotz­dem vie­le ta­len­tier­te Be­rufs­ein­stei­ger ei­nen Job bei jun­gen Un­ter­neh­men aus der Di­gi­talbran­che vor­zie­hen.

Vie­le Be­rufs­ein­stei­ger zieht es zu Start-up-Un­ter­neh­men — ob­wohl die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten viel ge­rin­ger sind als bei klas­si­schen Kon­zer­nen. Was treibt sie an? Ein Aus­flug in die Ar­beits­welt der Ge­ne­ra­ti­on Y.

Abrach­te, ls die Gro­ße Ko­ali­ti­on sich Ge­dan­ken um den Min­dest­lohn mach­te und die­sen schließ­lich auf den Weg

war die Un­ru­he in Deutsch­lands di­gi­ta­ler Grün­der­sze­ne groß. Und sie hält mehr als ein Jahr nach Ein­füh­rung der 8,50 Eu­ro St­un­den­lohn an. Be­fragt nach den Fol­gen der Lohn­un­ter­gren­ze für ihr Un­ter­neh­men, ga­ben beim Deut­schen Star­t­up Mo­ni­tor 47,5 Pro­zent der Be­frag­ten an, mit ne­ga­ti­ven Fol­gen zu rech­nen. Bei den­je­ni­gen, die be­reits über ei­nen ei­ge­nen Mit­ar­bei­ter­stamm ver­füg­ten, wa­ren es so­gar 49,4 Pro­zent. Die Sze­ne bangt um ei­ne ih­rer bis­he­ri­gen Stüt­zen: die Prak­ti­kan­ten. Denn nur mit dem Nach­weis ei­nes Pflicht­prak­ti­kums lässt sich der Min­dest­lohn heu­te noch aus­he­beln. An­sons­ten sind die 8,50 Eu­ro fäl­lig.

Die Sor­ge der jun­gen Fir­men­grün­der lässt Rück­schlüs­se zie­hen auf die Ar­beits­be­din­gun­gen und Lohn­chan­cen in der di­gi­ta­len Welt, die un­be­grenz­tes En­ga­ge­ment bei eng be­grenz­tem Bud­get von ih­ren Mit­ar­bei­tern ver­langt. Und trotz­dem: Ei­nen Job in der schil­lern­den Start-up-Welt zu er­gat­tern ist der Traum vie­ler Be­rufs­an­fän­ger. Die lo­cke­re Un­ter­neh­mens­kul­tur in dem gro­ßen, luf­ti­gen Ber­li­ner Loft samt Air­ho­ckey-Tisch, un­be­grenz­tem Zu­gang zu kos­ten­lo­ser Trend­brau­se und dem selbst zu­sam­men­ge­zim­mer­ten Schreib­tisch übt ei­ne ge­ra­de­zu ma­gi­sche An­zie­hungs­kraft auf den Nach­wuchs aus, den sich so manch klas­si­scher Per­so­na­ler nicht er­klä­ren kann.

Die Wirt­schafts­pro­fes­so­rin Ni­co­la Breugst von der TU Mün­chen be­ob­ach­tet die jun­ge Grün­der­sze­ne in­ten­siv. „Un­se­re For­schung zeigt, dass sich jun­ge Leu­te, die im Start-upUm­feld ar­bei­ten, sehr stark von den­je­ni­gen un­ter­schei­den, die in eta­blier­ten Un­ter­neh­men an­heu­ern.“Klas­si­sche Sta­tus­sym­bo­le wie der gro­ße Fir­men­wa­gen samt Tank­kar­te oder ein ho­hes Ge­halt spiel­ten ei­ne nach­ran­gi­ge Rol­le. „Die Be­frag­ten ga­ben an, dass sie vor al­lem die gro­ße Ver­ant­wor­tung schät­zen und die über­ge­ord­ne­te Per­spek­ti­ve. Oft spiel­te zu­dem die mit­rei­ßen­de Lei­den­schaft des Fir­men­grün­ders ei­ne ent­schei­den­de Rol­le.“Ei­ne Haupter­kennt­nis ih­rer For­schung war die im­mer wie­der ge­nann­te Be­deu­tung des so­ge­nann­ten Job-Craf­ting: „Da­hin­ter ver­birgt sich die Mög­lich­keit, sich die ei­ge­ne Ar­beit selbst zu de­fi­nie­ren. Ich schrei­be mir mein ei­ge­nes Pro­fil. Das ist her­vor­ra­gend für die Mo­ti­va­ti­on.“Und es hat ei­nen ziem­lich net­ten Ne­ben­ef­fekt, denn die Wis­sen­schaft­ler der TU Mün­chen stell­ten fest, dass die­je­ni­gen, die deut­lich mehr Kon­trol­le über ih­re Ar­beit hat­ten, mit Stress viel bes­ser um­ge­hen konn­ten als die­je­ni­gen, die in ei­nem star­re­ren Um­feld mit ge­nau de­fi­nier­ten en­gen Vor­ga­ben ar­bei­ten muss­ten.

Trans­pa­ren­te Ge­halts­da­ten für die Star­t­up-Sze­ne sind im Üb­ri­gen Man­gel­wa­re. Ei­ne An­nä­he­rung bie­tet ei­ne Analyse des Ber­li­ner Un­ter­neh­mens Star­tupCVs. Die Un­ter­su­chung von 5000 Be­wer­ber­da­ten aus ganz Eu­ro­pa kam jüngst zu dem Er­geb­nis, dass die Ge­halts­vor­stel­lun­gen im Be­reich von Ju­ni­or­stel­len ge­ra­de ein­mal bei 29 500 Eu­ro im Jahr la­gen, Be­wer­ber für Se­ni­or­po­si­tio­nen ver­lang­ten durch­schnitt­lich 39 800 Eu­ro, Ma­na­ger be­gnüg­ten sich dem­nach mit 42 400 Eu­ro, Vor­stands­mit­glie­der ver­lang­ten 60 100 Eu­ro. Die Er­kennt­nis­se de­cken sich mit ei­ner ähn­lich lau­ten­den Analyse der Platt­form Ge­halt.de. Ver­gli­chen mit den üb­li­chen Ein­stiegs­ge­häl­tern bei eta­blier­ten Un­ter­neh­men sind das ver­gleichs­wei­se über­schau­ba­re Grö­ßen­ord­nun­gen.

„Die Fra­ge, ob sie in ei­nem klas­si­schen Kon­zern mehr ver­die­nen könn­ten, ha­ben die von uns Be­frag­ten durch die Bank weg be­jaht“, sagt Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin Breugst, „und trotz­dem sind sie lieber beim Start-up.“Ei­ner der ent­schei­den­den Grün­de: Den Grün­dern ste­hen an­de­re Mo­ti­va­ti­ons­in­stru­men­te zur Ver­fü­gung. Op­ti­ons­schei­ne für Un­ter­neh­mens­an­tei­le sind ein Bei­spiel. „Die kön­nen sich be­zahlt ma­chen, wenn man in ei­nem Start-up ar­bei­tet, das ir­gend­wann durch die De­cke geht. Es gibt aber na­tür­lich nicht nur die Face­books und Googles die­ser Welt“, sagt Breugst.

Und doch sind es ge­ra­de die My­then rund um die Bran­chen­grö­ßen, die den Grün­dern in die Hän­de spie­len: De­ren Er­folgs­ge­schich­ten sor­gen da­für, dass sich die jun­gen High Po­ten­ti­als heu­te be­wuss­ter für ein Start-up ent­schei­den als noch vor ein paar Jah­ren. „Die heu­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on hat mit­be­kom­men, dass Goog­le bei­spiels­wei­se nicht der First Mo­ver war – al­so nicht als ers­te Such­ma­schi­ne am Markt war. Und trotz­dem ist das Gan­ze zu ei­ner Er­folgs­ge­schich­te ge­wor­den“, sagt Öko­no­min Breugst. Das baue Hemm­nis­se bei den Be­wer­bern ab.

Hin­zu kom­me aber auch die Ein­stel­lung der Ge­ne­ra­ti­on Y. Die wol­le nicht ein­fach in ei­nem lau­fen­den Sys­tem funk­tio­nie­ren, son­dern mit­ge­stal­ten, ei­nen Sinn er­ken­nen, das gro­ße Gan­ze über­bli­cken: „Wenn ich in ei­nem Start-up ar­bei­te, dann ha­be ich auch das Ge­fühl, das Er­wach­sen­wer­den noch ein we­nig hin­aus­zu­zö­gern. Wenn die Ver­pflich­tun­gen zu­neh­men, dann steigt auch das Si­cher­heits­be­dürf­nis.“

Und so ist auch nicht al­les ei­tel Freud und Son­nen­schein bei den Start-up-Un­ter­neh­men. Auf die Fra­ge, was denn das größ­te Pro­blem für sie sei, ga­ben die Be­frag­ten am häu­figs­ten an: die Un­si­cher­heit, ob die Fir­ma am En­de über­le­be. „Na­tür­lich ist dem Mit­ar­bei­ter in ei­nem klas­si­schen Un­ter­neh­men auch nicht egal, ob der Un­ter­neh­mens­er­folg aus­bleibt oder nicht. Aber bei Start-ups bin- den sich die Mit­ar­bei­ter schon so stark an das Un­ter­neh­men, dass das nicht nur Mo­ti­va­ti­on ist, son­dern auch zu Ve­r­un­si­che­rung füh­ren kann“, sagt Breugst.

Wel­chen Ar­beits­ver­trag die Be­schäf­tig­ten be­kom­men, hängt stark von der Bran­che ab. „Vor al­lem im Di­enst­leis­tungs­be­reich ha­ben wir festgestellt, dass vie­le Start-ups auf aty­pi­sche Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se set­zen“, sagt Breugst. Dort ge­be es vie­le Fre­e­lan­cer, die für Pro­jek­te ins Un­ter­neh­men ge­holt wür­den. We­ni­ger häu­fig fän­de der Ein­satz von Frei­en im Be­reich der Tech­no­lo­gie­fir­men statt: „Die Angst ist dort zu groß, dass sich der Be­schäf­tig­ten mit Know-how aus der Fir­ma aus dem Staub macht, um ein Kon­kur­renz­un­ter­neh­men auf­zu­zie­hen.“

Auch gel­te der Zu­sam­men­hang: Je län­ger sich ein Start-up am Markt be­fin­det, des­to grö­ßer die Wahr­schein­lich­keit, dass ein ech­ter Be­schäf­ti­gungs­auf­bau mit re­gu­lä­ren Ar­beits­ver­hält­nis­sen statt­fin­det. „Al­ler­dings ha­ben wir festgestellt, dass dann oft nicht die Fre­e­lan­cer ein­ge­stellt wer­den – die­se ha­ben sich mit­un­ter ja be­wusst da­für ent­schie­den –, son­dern dass es oft neue Mit­ar­bei­ter sind“, sagt Breugst. Die Pro­fes­so­rin hält es aber für falsch, von ei­ner Aus­beu­ter­men­ta­li­tät bei den Grün­dern zu spre­chen: „Die­se sa­gen uns im­mer wie­der, wie stark das Ge­fühl ist, wenn sie die ers­ten Mit­ar­bei­ter­ver­trä­ge un­ter­schrei­ben. Da wird dann auch dem Letz­ten klar: Es geht jetzt nicht mehr nur um mich. Ich tra­ge jetzt Ver­ant­wor­tung für Dritte.“

Start-ups Kar­rie­re ma­chen wie Ste­veJobs: der gro­ße Traum in jun­genDi­gi­tal­fir­men

Ir­gend­wann durch die De­cke: Vie­le Be­schäf­tig­te von Start-ups hof­fen, dass ihr Un­ter­neh­men ei­nes Ta­ges den welt­wei­ten Durch­bruch schafft – und sie reich wer­den wie einst die App­le-Grün­der Ste­ve Woz­ni­ak (links) und Ste­ve Jobs.GRÜNDERZEITJun­ge Start-ups sind bei Be­rufs­ein­stei­gern be­liebt, weil sie grö­ße­re Frei­hei­ten bie­ten – al­ler­dings auch we­ni­ger Ge­halt.Der Min­dest­lohn macht vie­len Grün­dern Sor­gen: Das Ge­setz schränkt die Mög­lich­kei­ten, Prak­ti­kan­ten als Bil­lig­ar­beits­kräf­te ein­zu­set­zen, deut­lich ein.Die Hoff­nung auf das nächs­te App­le oder Goog­le mo­tiviert die Mit­ar­bei­ter von Start-ups. Und die Aus­si­cht, über Op­tio­nen auf Fir­men­an­tei­le reich zu wer­den.Freie Mit­ar­bei­ter kom­men vor al­lem bei Di­enst­leis­tern zum Ein­satz. Tech­no­lo­gie­fir­men ha­ben zu viel Angst vor Know-how-Ver­lust.

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