Müh­sa­me Jagd nach Wild­schwei­nen

Schwarz­wild­jagd im Schat­ten der Pest – auf An­sitz in Bis­sen­dorf

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Mar­kus Pöhl­king und Swa­ant­je Heh­mann (Fo­tos)

mpoe BIS­SEN­DORF. Die Afri­ka­ni­sche Schwei­ne­pest droht aus Po­len und Tsche­chi­en nach Deutsch­land ein­ge­schleppt zu wer­den. Be­son­ders für Nie­der­sach­sen mit sei­nen fast neun Mil­lio­nen ein­ge­stall­ten Schwei­nen ist die Krank­heit ei­ne erns­te wirt­schaft­li­che Be­dro­hung.

Wild­schwei­ne spie­len bei der Ver­brei­tung des Vi­rus ei­ne gro­ße Rol­le. Des­halb meh­ren sich die Fra­gen nach ei­ner wirk­sa­men Ein­däm­mung der Schwarz­wild­po­pu­la­ti­on. Jä­ger spie­len bei der Lö­sung ei­ne gro­ße Rol­le. Hart­mut Gies­ker ist ei­ner von ih­nen. Der Bis­sen­dor­fer lau­ert den Wild­schwei­nen re­gel­mä­ßig in Gram­ber­gen auf. Oft­mals ver­ge­bens. Was treibt ei­nen Men­schen hin­aus in Stil­le und Dun­kel­heit? Was emp­fin­det er für die Tie­re, die er ab­schießt? Ei­ne Re­por­ta­ge.

Weil die Afri­ka­ni­sche Schwei­ne­pest bald Deutsch­lands Ost­gren­ze er­reicht hat, sol­len Jä­ger hier­zu­lan­de mehr Wild­schwei­ne schie­ßen. Da die aber no­to­risch flin­ten­scheu sind, ist das leich­ter ge­sagt als ge­tan. Für vie­le Jä­ger hat das plan­mä­ßi­ge De­zi­mie­ren von Schwarz­wild zu­dem we­nig mit ih­rer Vor­stel­lung von Jagd zu tun. BIS­SEN­DORF.

Ein Mann steht auf ei­nem Hof in grü­nen und erd­far­be­nen Kla­mot­ten. In sei­ner Hand hält er ein Ge­wehr, um sei­ne Fü­ße tobt ein Hund. Er hat ein brei­tes, run­des Ge­sicht, in dem es gü­tig auf­blitzt, wenn er re­det, was er ge­wöhn­lich lei­se und in be­däch­ti­gem Ton­fall tut. Sei­nen Kopf be­deckt ein breit­krem­pi­ger Hut, der nass wird, weil es zu reg­nen be­gon­nen hat. Dün­ne Trop­fen fal­len im Däm­mer­licht, ein trü­ber Abend zieht her­auf. „Per­fek­tes Sau­wet­ter heu­te“, sagt der Mann, es soll ja schließ­lich auf Sau­en ge­hen. „Bei der Wit­te­rung kom­men sie früh her­aus. Die Fra­ge ist nur, ob wir über­haupt was se­hen wer­den.“Auf Jagd sei schließ­lich ge­ne­rell sel­ten was zu se­hen, schiebt er noch nach. Dann legt er das Ge­wehr in den Kof­fer­raum des Ge­län­de­wa­gens, setzt sich ans Steu­er und fährt los.

Der Hund, der Hof und das Haus blei­ben schnell im Rück­spie­gel zu­rück. Es geht über ei­ne Teer­stra­ße, bald auf ei­nen von Bäu­men ge­säum­ten Feld­weg, und kurz dar­auf stoppt der Mann den Wa­gen und stellt ihn am We­ges­rand ab. „Noch ein klei­nes Stück zu Fuß“, sagt er, schul­tert das Ge­wehr und läuft los. Hart­mut Gies­ker, so der Na­me des Man­nes, lebt schon sein gan­zes Le­ben, al­so bis­lang 56 Jah­re, in Bis­sen­dorf, ge­nau­er: im Orts­teil Gram­ber­gen. Hü­gel prä­gen hier das Land­schafts­bild, rings­um ste­hen klei­ne Wald­stü­cke. Es ist März. Die Käl­te des Win­ters ist schon pas­sé, aber die Düf­te des Früh­lings sind noch ver­bor­gen im Bo­den und in den Bäu­men. Es reg­net stär­ker, das Licht schwin­det. Gies­ker stapft mit ru­hi­gen, fes­ten Schrit­ten durch ei­ne Ku­lis­se, die eher Tris­tesse ist als Idyll, was ihn jetzt aber nicht an­ficht: Er sieht die­se Land­schaft mit den Au­gen ei­nes Jä­gers. Er sucht. Er bleibt ste­hen, deu­tet auf ei­nen Fle­cken Er­de, der auf­ge­wühlt ist. „Ih­re Spu­ren, sie ha­ben den Bo­den nach Em­mer­lin­gen durch­sucht.“

Idea­le Rück­zugs­or­te

In den Wald­stü­cken, die Gram­ber­gen durch­zie­hen, le­ben Wild­schwei­ne. Je­des Jahr wer­den es mehr – wie fast über­all im Land. Wild­schwei­ne pro­fi­tie­ren vom Wan­del der Kul­tur­land­schaft. Wäh­rend die ex­ten­si­ve Land­wirt­schaft zahl­rei­che Ar­ten be­droht, ge­dei­hen Wild­schwein­po­pu­la­tio­nen präch­tig in­mit­ten raum­grei­fen­der Mo­no­kul­tu­ren. Kla­gen der Bau­ern, et­wa über ver­wüs­te­te Mais­fel­der, meh­ren sich be­stän­dig. 1990 brach­ten Jä­ger in Deutsch­land 9000 Wild­schwei­ne zur Stre­cke, 2017 wa­ren es mehr als 47 000. Groß­flä­chi­ge Mais­pflan­zun­gen gibt es in Gram­ber­gen zwar nicht, da­für dient die Ort­schaft den Tie­ren aber mit op­ti­ma­len Rück­zugs­mög­lich­kei­ten. Ein paar Hun­dert Me­ter ab­seits des We­ges hat Or­kan „Ky­rill“im Jahr 2008 die Bäu­me aus der Er­de ge­ris­sen und dem Wald tie­fe Wun­den ge­schla­gen, in de­nen die Na­tur seit­her wächst und wu­chert, wie es ihr be­liebt. „Dort ver­ber­gen sie sich tags­über“, sagt Gies­ker. Nachts zie­hen sie dann durch die Wäl­der und über die Äcker.

Ein paar Me­ter ab­seits des We­ges steht ein Hoch­sitz. Ein höl­zer­ner Kas­ten, der sich auf dün­ne Stel­zen stützt. Gies­ker hat ihn ir­gend­wann zu­sam­men­ge­zim­mert. Die Spros­sen der Lei­ter sind schon nicht mehr ganz fest. Oben an­ge­kom­men, reicht der Platz ge­ra­de aus, dass sich zwei Per­so­nen auf ein dün­nes Holz­brett kau­ern kön­nen. Es gibt Pha­sen im Jahr, da ver­bringt Gies­ker, der tags­über als tech­ni­scher An­ge­stell­ter ar­bei­tet und et­was Land­wirt­schaft hat, je­den zwei­ten Abend auf die­sem dün­nen Holz­brett. Bis spät in die Nacht boh­ren sich sei­ne Au­gen dann in die Dun­kel­heit und in die klei­ne Mul­de, zu der der Wald hier ab­fällt, und durch­lö­chern die klei­ne Tan­nen­scho­nung und das Un­ter­holz. „Schwarz­wild ist schon das Größ­te für mich“, sagt Gies­ker. Wild­schwei­ne sei­en klug und bei Wei­tem nicht so scheu wie et­wa Re­he. Sie ha­ben ge­lernt, dass Men­schen wie Gies­ker ih­nen auf­lau­ern, und ihr Ver­hal­ten ent­spre­chend an­ge­passt. Sie mei­den Or­te, an de­nen sie Jä­ger wäh­nen. So ein Wild­schwein, sagt Gies­ker, ver­las­se die De­ckung nur, wenn es sich si­cher füh­le. Dann al­ler­dings ent­fal­te es ei­ne be­ein­dru­cken­de Prä­senz, bei­na­he so et­was wie Stär­ke. Es sei ein im­po­san­ter An­blick – und ein sel­te­ner: „Vi­el­leicht al­le vier oder fünf Näch­te be­kommt man mal eins zu Ge­sicht“, er­klärt er. „Zu ja­gen heißt zu war­ten.“

Und es heißt, Stil­le zu er­fah­ren. Re­gen pras­selt auf die Ka­pu­ze, die Welt schläft ein. Die Kon­tu­ren der Um­ge­bung lö­sen sich in der Dun­kel­heit auf, reg­los ver­harrt der Kör­per auf dem schma­len Brett. Das Ge­wehr lehnt in der Ecke. Ab und zu schnellt Gies­kers Hand zum Fern­glas, ei­ne Wel­le der An­span­nung fährt dann durch sei­nen Kör­per, und er starrt kon­zen­triert auf ei­nen Punkt im Wald. Se­he man ein Tier und grei­fe zum Ge­wehr, flüs­tert er, sei es so, als ste­he der Kör­per un­ter Strom. Die Mus­ku­la­tur, der Geist, je­de Fa­ser des Kör­pers und je­der Sinn fo­kus­sier­ten sich aufs Ziel, ei­ne fast über­mensch­li­che Auf­merk­sam­keit kenn­zeich­ne die Span­ne, bis der Fin­ger den Ab­zug be­stä­ti­ge, der Schuss knal­le und der Rück­stoß das Ge­wehr in den Kör­per kra­chen las­se. „Man hat nur den ei­nen Ver­such und will tref­fen“, raunt Gies­ker und nimmt das Fern­glas wie­der run­ter. Kein Schwein ist zu se­hen, das Ge­wehr bleibt stumm in der Ecke. Ir­gend­wo hoch oben dröhnt ein Flug­zeug durch den Him­mel.

Gies­kers Pas­si­on, die Wild­schwein­jagd, ist zu­letzt zum Po­li­ti­kum ge­wor­den. Seit die Afri­ka­ni­sche Schwei­ne­pest (ASP) bis nach Po­len und Tsche­chi­en vor­ge­drun­gen ist, über­le­gen Po­li­ti­ker und Be­hör­den, wie ei­nem Aus­bruch der Krank­heit in Deutsch­land be­geg­net wer­den könn­te. „Dass sie kommt, da­von ge­hen wir ernst­haft aus“, ver­kün­de­te Nie­der­sach­sens Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Ot­te-Ki­nast im Ja­nu­ar. Für Nie­der­sach­sen ist die Krank­heit ei­ne ernst­haf­te Be­dro­hung. Bald neun Mil­lio­nen Schwei­ne ste­hen in Stäl­len zwi­schen Harz und Nord­see, rund ein Drit­tel des ge­samt­deut­schen Be­stan­des. Wür­de bei ei­nem ver­en­de­ten Wild­schwein ASP nach­ge­wie­sen, wür­de um den Fund­ort ein zehn bis fünf­zehn Ki­lo­me­ter fas­sen­der Si­cher­heits­ra­di­us ge­zo­gen, in­ner­halb des­sen auch Haus­schwei­ne als po­ten­zi­ell be­droht be­trach­tet wür­den. Ihr Fleisch wä­re dann kaum noch zu ver­mark­ten. In den Schwei­ne­hoch­bur­gen in West­nie­der­sach­sen könn­te das Mil­lio­nen­schä­den zur Fol­ge ha­ben und vi­el­leicht Exis­ten­zen rui­nie­ren.

Po­len schickt das Mi­li­tär

„Wenn hier wirk­lich mal die Afri­ka­ni­sche Schwei­ne­pest auf­taucht, das will ich mir gar nicht aus­den­ken“, sagt Gies­ker in die stil­le Nacht. Das Ver­hält­nis des Jä­gers zum Wild ist am­bi­va­lent. Er schießt es, und er schätzt es. In man­chen Hoch­sitz­näch­ten ho­cke er ein­fach nur da, sagt er, er­freue sich an dem Bild der Tie­re, die durch das Re­vier streif­ten. Sein Ge­wehr bleibt dann bloß De­ko­ra­ti­on, ei­ne In­si­gnie, die eben zur Rol­le des Jä­gers ge­hö­re. Zu die­ser Rol­le ge­hört auch, sich um das Wild im Re­vier zu küm­mern und des­sen Be­stand zu be­wah­ren. Jä­ger ken­nen das Ver­hal­ten der Tie­re in ih­rem Re­vier, ih­re Rück­zugs­or­te und ih­re We­ge. Des­we­gen spie­len Jä­ger in Ak­ti­ons­plä­nen ge­gen die ASP ei­ne wich­ti­ge Rol­le: Ge­mein­sam mit den Be­hör­den sol­len sie Prä­ven­tiv­maß­nah­men er­grei­fen, Schutz- und Puf­fer­zo­nen ein­rich­ten und, wenn nö­tig, die Wild­schwein­be­stän­de in Drück­jag­den der­art zu­sam­men­schie­ßen, dass ein Aus­brei­ten der Seu­che un­mög­lich wird. Po­len schickt ge­gen Wild­schwei­ne das Mi­li­tär, Tsche­chi­en Scharf­schüt­zen der Po­li­zei. In Deutsch­land sol­len die Jä­ger den Feld­zug ge­gen das Schwarz­wild füh­ren. Längst kur­sie­ren Ab­schuss­quo­ten und Vor­ga­ben, die im Fall ei­nes Fal­les er­reicht wer­den sol­len. Schon­zei­ten und Jagd­be­schrän­kun­gen sind weit­ge­hend auf­ge­ho­ben.

Kä­me die ASP, wä­re es mit den ru­hi­gen Hoch­sitz­näch­ten vor­bei und mit ei­ni­gen an­de­ren Din­gen, die Gies­ker bei der Jagd wich­tig sind. „Ob ich in dem Fall wirk­lich auf ei­ne Ba­che schie­ßen könn­te, die of­fen­sicht­lich ge­ra­de Jun­ge führt – das kann ich mir ei­gent­lich nur schwer vor­stel­len“, sagt er lei­se, „das wür­de mir schon in der See­le weh­tun.“Aus der Er­de steigt Käl­te auf und durch­zieht lang­sam den Kör­per, der Re­gen pras­selt un­ver­min­dert auf die Ka­pu­ze und lei­se auf al­tes Laub, das am Bo­den liegt. An­sons­ten: Stil­le, kein Flug­zeug mehr am Him­mel und weit und breit kei­ne Spur ei­nes Wild­schwei­nes. „Na­tür­lich“, wis­pert Gies­ker, „Drück­jag­den, das wä­re ef­fek­tiv, aber ei­ne kom­plet­te Po­pu­la­ti­on kann man da­mit nicht si­cher zur Stre­cke brin­gen. Es muss ja nur ein er­krank­tes Tier ent­kom­men, sich in ein an­de­res Ge­biet schlep­pen, und die Seu­che wür­de sich wei­ter aus­brei­ten.“Vi­el­leicht wä­re es bes­ser, wür­den er­krank­te Tie­re ein­fach in ih­ren an­ge­stamm­ten Re­vie­ren ver­en­den, sagt Gies­ker. Dann schweigt er. Nur hin und wie­der durch­fährt es ihn, er greift zum Fern­glas, starrt ins Dun­kel, lässt es wie­der sin­ken. Fehl­alarm.

Es ist spät ge­wor­den. Nichts scheint sich zu re­gen im Wald. Ir­gend­wann er­hebt sich Gies­ker lang­sam, schul­tert sein Ge­wehr, brum­melt: „Gut ge­we­sen heu­te“, und klet­tert vor­sich­tig die wa­cke­li­gen Spros­sen des Hoch­sit­zes her­un­ter. Ein paar tas­ten­de Schrit­te über un­ebe­nes Ter­rain in der Fins­ter­nis, dann ist da wie­der der Weg, der jetzt wald­aus­wärts führt. Der rhyth­mi­sche Klang der Schrit­te durch­bricht die Re­gen­ge­räu­sche. Wenn man nach St­un­den zu­rück­geht vom Sitz, sagt Gies­ker, dann sei der Kopf im­mer frei. In den paar St­un­den auf dem dün­nen Holz­brett in der Käl­te ver­flüch­tig­ten sich die Ge­dan­ken und Pro­ble­me des Ta­ges. „Man ist im Rei­nen mit sich, wenn man nach Hau­se geht.“Da ist der Wa­gen. Gies­ker öff­net den Kof­fer­raum, legt sein Ge­wehr ab, das die gan­ze Nacht oh­ne Ziel ge­blie­ben ist, und setzt sich dann ans Steu­er. Ir­gend­wo, ganz in der Nä­he, zie­hen jetzt Wild­schwei­ne durch den Wald und über die Äcker. Sie ha­ben heu­te nichts mehr zu be­fürch­ten, die Jagd ist vor­bei.

„Zu ja­gen heißt zu war­ten“, sagt Hart­mut Gies­ker.

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