Ju­sos wol­len Ant­wort zu Hartz IV

Ap­pell an SPD: Es muss über Lip­pen­be­kennt­nis­se hin­aus­ge­hen

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Bea­te Ten­fel­de

ten OS­NA­BRÜCK. Der Vor­sit­zen­de der Jung­so­zia­lis­ten, Ke­vin Küh­nert, er­war­tet in der Dis­kus­si­on um die Hartz-Ge­set­ze von der SPD ei­ne „Ant­wort, die über Lip­pen­be­kennt­nis­se hin­aus­geht“. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on er­klär­te Küh­nert: „Das Dre­hen an ein­zel­nen Stell­schrau­ben reicht nicht mehr.“Er re­agier­te da­mit auf die Äu­ße­rung von Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD), wo­nach die­ser sich bei den Hartz-IVSät­zen „die Fra­ge von be­son­de­ren Be­dar­fen, wenn et­wa ei­ne ka­put­te Wasch­ma­schi­ne er­setzt wer­den muss“, ge­nau­er an­se­hen wer­de. Ziel müs­se ei­ne Grund­si­che­rung sein, „die ih­rem Na­men ge­recht wird“, sag­te der Ju­so-Chef.

Mit Blick auf die Wahl der Vor­sit­zen­den auf dem be­vor­ste­hen­den SPD-Bun­des­par­tei­tag woll­te Küh­nert kei­ne Pro­gno­se wa­gen.

BERLIN. Steh­len die Jung­so­zia­lis­ten alt­ge­dien­ten Po­li­ti­kern beim be­vor­ste­hen­den SPD-Bun­des­par­tei­tag die Schau? Kann die Kon­kur­ren­tin von Andrea Nah­les, die Flens­bur­ge­rin Si­mo­ne Lan­ge, bei der Wahl zur Vor­sit­zen­den mit ei­nem Ach­tungs­er­folg rech­nen? Was ge­nau ist un­ter der „Er­neue­rung“der SPD zu ver­ste­hen? Da­zu im In­ter­view Ke­vin Küh­nert, der Vor­sit­zen­de der Jung­so­zia­lis­ten (Ju­sos).

Sie sind 28 und wer­den als Hoff­nungs­trä­ger ge­fei­ert, ha­ben nach ei­ge­nem Be­kun­den aber kein Zeug zum Heils­brin­ger. Vor­sicht nach dem bei­spiel­lo­sen Sturz von Mar­tin Schulz?

Nein, das ist die Über­zeu­gung, dass es in der Po­li­tik nichts bringt, sich über­mä­ßig auf ein­zel­ne Per­so­nen zu fo­kus­sie­ren. Da­von muss sich die SPD ver­ab­schie­den. Im Fall Mar­tin Schulz sind wir da­mit auf die Na­se ge­fal­len. Und genau­so falsch ist es jetzt, al­les Übel der SPD an ei­ni­gen we­ni­gen fest­zu­ma­chen. Steh­len Sie beim be­vor­ste­hen­den SPD-Par­tei­tag Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les, die Par­tei­vor­sit­zen­de wer­den will, die Schau? Das ist nicht das Ziel. Und es wird schon des­halb kaum pas­sie­ren, weil Nah­les und ih­re Ge­gen­kan­di­da­tin Si­mo­ne Lan­ge deut­lich län­ge­re Re­de­zei­ten ha­ben. Ich da­ge­gen wer­de nur fünf Mi­nu­ten lang in der Dis­kus­si­on die Ju­so-Po­si­ti­on dar­le­gen. Es wä­re ein schlech­tes Zei­chen, wenn man mit ei­ner Fünf-Mi­nu­ten-Re­de der Vor­sit­zen­den die Schau steh­len kann.

Si­mo­ne Lan­ge, Ober­bür­ger­meis­te­rin aus Flens­burg, tritt ge­gen Nah­les an. Er­zielt die Au­ßen­sei­te­rin ei­nen Ach­tungs­er­folg von ei­nem Drit­tel der Stim­men?

Es ist schwer ab­seh­bar, wie es ge­nau aus­ge­hen wird. Die Ba­sis murr­te zu­letzt hef­tig, weil häu­fig al­les schon von der Par­tei­spit­ze fest­ge­legt schien. Tat­säch­lich funk­tio­niert das so nicht mehr. Auch die Ju­sos ha­ben da­für ge­strit­ten, dass Wil­lens­bil­dung stär­ker auf den Par­tei­ta­gen statt­fin­det. Soll hei­ßen: Nah­les und Lan­ge ha­ben die Chan­ce, mit ih­ren Re­den maß­geb­lich das Er­geb­nis der Vor­stands­wahl zu be­ein­flus­sen.

Kei­ne Pro­gno­se?

Ich neh­me wahr, dass man­che De­le­gier­te nicht fest ent­schlos­sen auf die­sen Par­tei­tag fah­ren.

Sie ver­lan­gen ei­ne füh­ren­de Rol­le bei der ge­plan­ten Er­neue­rung der SPD …

Wir wol­len ei­ne in­halt­li­che Ver­ant­wor­tung. Die SPD be­schließt an die­sem Wo­che­n­en­de den Start in ei­ne Pro­gramm­dis­kus­si­on, die an­dert­halb Jah­re dau­ert. Es geht um klein­tei­li­ge Hin­ter­grund­ar­beit, um Spie­gel­stri­che und Klein­ge­druck­tes. Die Ju­sos – als von bis­he­ri­gen De­bat­ten un­be­las­te­te Ge­ne­ra­ti­on – wol­len die Fe­der­füh­rung beim The­ma So­zia­le Ge­rech­tig­keit und Teil­ha­be, dem Kern­be­reich der SPD, wo viel Ver­trau­en ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Wenn wir hier lie­fern, kön­nen wir je­ne zu­rück­ge­win­nen, die sich ab­ge­wandt ha­ben.

Stich­wort Spie­gel­stri­che: Seit mehr als ei­nem hal­ben

Jahr er­le­ben wir die SPD als „Stuhl­kreis-Par­tei“, die um sich selbst kreist …

Ja, für man­che ist das ner­vig. An­de­re lo­ben uns, dass wir es uns nicht ein­fach ma­chen. Gründ­lich­keit geht jetzt vor Schnel­lig­keit. In der Pha­se in­halt­li­cher Er­neue­rung wird die SPD auch jen­seits gro­ßer Büh­nen an sich ar­bei­ten.

Wann kommt Ih­re St­un­de, ei­nen Pos­ten an­zu­stre­ben? Ich pla­ne so et­was nicht. Vie­le sind zu­tiefst von dem Ein­druck ge­nervt, als gin­ge es in der SPD nur um die Kar­rie­re­pla­nung. Mir geht es dar­um aus­drück­lich nicht. Ich will in­halt­li­che De­bat­ten und da­bei für die Ju­sos nicht den Platz am Kat­zen­tisch.

Sie sa­gen, die SPD sei „ver­haf­tet in Re­gie­rungs­lo­gik“. Die SPD hat in den letz­ten 20 Jah­ren fast per­ma­nent mit­re­giert – und das hat zur Fol­ge, dass sie ih­re De­bat­ten maß­geb­lich am Han­deln der Re­gie­rung aus­rich­tet. Das müs­sen wir än­dern, auch wenn es schmerz­haft wird: Wir müs­sen Wi­der­spruch wa­gen und aus­hal­ten. Das müs­sen wir wie­der üben.

Der­zeit dreht sich der Streit um die Hartz-Re­for­men ... Ich hö­re gern, dass Tei­le der SPD of­fen sind für die Ab­lö­sung von Hartz IV oder die Ein­füh­rung ei­nes so­li­da­ri­schen Grund­ein­kom­mens. Zur Wahr­heit ge­hört aber auch: Hartz IV ist ein viel­schich­ti­ges Phä­no­men. Sechs Mil­lio­nen Men­schen mit den un­ter­schied­lichs­ten Schick­sa­len be­zie­hen je­den Mo­nat Leis­tun­gen aus die­sem Sys­tem. Wer es ab­lö­sen will, wird es nicht bei ei­ner ein­zel­nen Maß­nah­me be­las­sen kön­nen. Da wird von uns zu Recht ei­ne Ant­wort er­war­tet, die über Lip­pen­be­kennt­nis­se hin­aus­geht.

Ar­beits­mi­nis­ter Heil will nicht an den Re­gel­sät­zen rüt­teln. Er stell­te Hil­fe in Aus­sicht, wenn die Wasch­ma­schi­ne ka­putt­geht ...

Das Dre­hen an ein­zel­nen Stell­schrau­ben reicht nicht mehr. Ziel ist ei­ne Grund­si­che­rung, die ih­rem Na­men ge­recht wird.

Zum Schluss: Die zu­ge­spitz­te La­ge in Sy­ri­en weckt Kriegs­angst. Geht die Bun­des­re­gie­rung rich­tig vor?

Ehr­lich ge­sagt ist mir nicht klar, was Deutsch­land und die Eu­ro­päi­sche Uni­on im Sy­ri­enkon­flikt wol­len. Wir se­hen: Das Struk­tur­pro­blem der EU tritt er­schre­ckend klar zu­ta­ge. Sie ist nicht in der La­ge zu ei­ner ge­ein­ten Po­si­ti­on. Hät­te die Ho­he Be­auf­trag­te Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni den Sta­tus ei­ner Au­ßen­mi­nis­te­rin, könn­te sie die EU-Po­si­ti­on ent­schie­den ver­tre­ten. Aber das war po­li­tisch lei­der nicht ge­wollt. Das ist ein Ver­säum­nis, das sich rächt. Als Fol­ge fin­det Eu­ro­pa nicht statt bei der Su­che nach Lö­sun­gen im Sy­ri­en­krieg.

Wort­füh­rer im O-Ton: Mehr Ge­sprä­che le­sen Sie auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: dpa

Ke­vin Küh­nert

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