Mil­li­ar­den durch Can­na­bis-Steu­er?

BKA: 178 000 De­lik­te im Jahr 2016

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK. Mehr als je­des zwei­te Rausch­gift­de­likt in Deutsch­land steht im Zu­sam­men­hang mit Can­na­bis. 2016 re­gis­trier­te die Po­li­zei rund 178 000 Can­na­bis-Straf­ta­ten. Auf Platz zwei der Auf­lis­tung des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes fol­gen mit wei­tem Ab­stand 34 000 Am­phet­amin-De­lik­te.

Re­gel­mä­ßig ent­de­cken die Er­mitt­ler da­bei gan­ze Can­na­bis-Plan­ta­gen in Wohn­zim­mern, Kel­lern oder leer ste­hen­den Bau­ern­hö­fen. Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren das in Nie­der­sach­sen, Bre­men, Hamburg und Schles­wig-Hol­stein al­lein 154 mehr oder we­ni­ger pro­fes­sio­nell be­trie­be­ne Plan­ta­gen. Die Be­am­ten si­cher­ten und ver­nich­te­ten 38149 Pflan­zen. Die FDP im Bun­des­tag hält den Kampf ge­gen Can­na­bis für ge­schei­tert und setzt sich für ei­ne kon­trol­lier­te Ab­ga­be des Rausch­mit­tels ein. In ei­nem An­trag spricht sich die Frak­ti­on für ei­nen ent­spre­chen­den Pi­lot­ver­such aus.

Der Düs­sel­dor­fer Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Jus­tus Hau­cap rech­net da­mit, dass ei­ne Steu­er auf Can­na­bis Mil­li­ar­den­be­trä­ge in den Haus­halt des Staa­tes spü­len könn­te. Hin­zu kä­men „si­gni­fi­kan­te Ein­spa­run­gen“bei Po­li­zei und Jus­tiz, was die Be­kämp­fung der Dro­ge an­gin­ge.

Dro­gen-Kri­mi­na­li­tät: mehr auf noz.de/po­li­tik

DAS CAN­NA­BIS-CHA­OS „Gebt das Hanf frei“, rief der Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Hans-Chris­ti­an Strö­be­le be­reits im Au­gust 2002 im Bun­des­tag aus. Heut­zu­ta­ge wird im­mer noch lei­den­schaft­lich ge­strit­ten über das Pro und Kon­tra der Le­ga­li­sie­rung der Dro­ge.

Je­den Tag re­gis­triert die Po­li­zei in Deutsch­land im Schnitt meh­re­re Hun­dert Straf­ta­ten im Zu­sam­men­hang mit Can­na­bis. Mehr als 178 000 De­lik­te wa­ren es al­lein im Jahr 2016 deutsch­land­weit. Wirk­lich vor­an kommt der Kampf ge­gen das Rausch­mit­tel den­noch nicht. An­ders sieht es bei der De­bat­te um ei­ne Li­be­ra­li­sie­rung aus. Die Be­für­wor­ter wer­den im­mer lau­ter. HAMBURG. Ei­ne Task­force zur Be­kämp­fung öf­fent­lich wahr­nehm­ba­rer Dro­gen­kri­mi­na­li­tät hat die Po­li­zei in Hamburg ge­grün­det. Al­le paar Wo­chen wer­den Pres­se­mit­tei­lun­gen ver­schickt. So und so vie­le Men­schen sei­en über­prüft wor­den, heißt es dar­in. Ge­gen so und so vie­le Per­so­nen sei ein Auf­ent­halts­ver­bot aus­ge­spro­chen wor­den. Im­po­san­te Zah­len, häu­fig im drei­stel­li­gen Be­reich, die so­gleich ih­ren Weg in die Ham­bur­ger Pres­se fin­den. Es klingt nach ei­nem star­ken Staat, der hart durch­greift ge­gen das Ver­bre­chen.

Im Ham­bur­ger Schan­zen­park ist da­von nichts zu spü­ren. Am Tag nach ei­ner die­ser Mit­tei­lun­gen ste­hen die Dea­ler wie­der im Park. „Al­les gut?“, fra­gen sie oder pfei­fen Pas­san­ten her­bei. An die 15 sind es. Ihr Wort­schatz reicht ge­ra­de ein­mal für Ge­schäfts­an­bah­nung und –ab­wick­lung. In klei­nen Tü­ten ha­ben die jun­gen Män­ner die Wa­re da­bei. Meist nur so viel, dass die Po­li­zei sie bei Kon­trol­len wie­der lau­fen las­sen muss.

Die Kun­den strö­men aus der na­hen S-Bahn-Sta­ti­on, ver­sor­gen sich mit Stoff – vor­ran­gig Can­na­bis –, ver­schwin­den im Schan­zen­vier­tel oder fah­ren mit der Bahn ir­gend­wo an­ders hin zum

Fei­ern. Der Park ist Durch­gangs­sta­ti­on für fast al­le, die sich in Hamburg mit Dro­gen ver­sor­gen wol­len, die der Staat ver­bie­tet. In Hamburg weiß das je­der.

Or­te wie den Schan­zen­park gibt es in al­len grö­ße­ren deut­schen Städ­ten. Das Vier­tel bei­spiels­wei­se in Bre­men oder der Gör­lit­zer Park in Berlin-Kreuz­berg. Mit ei­ner Null-To­le­ran­zS­tra­te­gie ver­such­te der frü­he­re CDU-In­nen­se­na­tor Frank Hen­kel in Berlin den öf­fent­li­chen Raum zu­rück­zu­er­obern und wie­der un­ter die Kon­trol­le des Staa­tes zu brin­gen. Er schei­ter­te, der rot-rot-grü­ne Fol­ge­se­nat stell­te das Pro­jekt ein. Der „Gör­li“ist wie­der in der Hand der Dea­ler.

Die Dea­ler sind der klei­ne sicht­ba­re Teil die­ser Par­al­lel­wirt­schaft. Die wah­ren Herr­scher sind aber an­de­re. Schat­ten­män­ner, die über ei­ne aus­ge­klü­gel­te In­fra­struk­tur wal­ten und so den Nach­schub si­cher­stel­len. Wer ge­gen sie vor­geht, kämpft ge­gen Wind­müh­len. „Der Po­li­tik geht es bei ih­rem Han­deln um das Si­cher­heits­be­wusst­sein der Bür­ger“, sagt Jan Reine­cke. Er ist Lan­des­vor­sit­zen­der des Bun­des der Kri­mi­nal­be­am­ten in Hamburg und weiß: „Bür­ger, die sich si­cher füh­len, sind zu­frie­de­ne Wäh­ler.“

Fort­schrit­te ma­che die Po­li­zei so aber kei­ne. „Egal, wie vie­le Dea­ler wir hoch­neh­men: Auf den Markt hat das kei­nen Ein­fluss. Es ist ein­fach zu viel da.“Har­te Dro­gen wie Ko­ka­in wer­den häu­fig über den Ham­bur­ger Ha­fen ein­ge­schleust. Can­na­bis hin­ge­gen ist zu ei­nem nicht un­er­heb­li­chen Teil „ma­de in Ger­ma­ny“. Im­mer wie­der ent­de­cken Er­mitt­ler Plan­ta­gen – mal in ver­las­se­nen Scheu­nen, mal in Kel­lern oder auf Dach­bö­den, oder di­rekt in der Woh­nung. Al­lein in Nord­deutsch­land wa­ren es im ver­gan­ge­nen Jahr min­des­tens 150 sol­cher pro­fes­sio­nel­len Far­men, die auf­flo­gen. Tau­sen­de Pflan­zen wur­den be­schlag­nahmt und

ver­nich­tet. In den meis­ten Fäl­len war es aber nicht die kri­mi­na­lis­ti­sche Ar­beit, die zum Er­folg führ­te, son­dern der Zu­fall.

Das Pro­blem aus dem Sicht­feld der Be­völ­ke­rung ver­drän­gen – so for­mu­liert Reine­cke den Kampf der Po­li­zei ge­gen Dro­gen­kri­mi­na­li­tät. Statt Struk­tu­ren zu spren­gen, blie­ben die Er­mitt­ler an der Ober­flä­che. „Die­se Ein­schät­zung ist von ei­nem Ge­werk­schaf­ter si­cher nicht über­ra­schend, aber letzt­lich fehlt es für ei­ne ef­fek­ti­ve Be­kämp­fung an Aus­stat­tung und vor al­lem an Per­so­nal.“

Can­na­bis le­ga­li­sie­ren?

Es gibt star­ke Be­für­wor­ter ei­ner Li­be­ra­li­sie­rung von Can­na­bis. Die FDP und auch die Grü­nen im Bun­des­tag ko­ket­tie­ren da­mit. Die Li­be­ra­len spre­chen sich für Can­na­bis-Mo­dell­pro­jek­te aus, bei de­nen das Rausch­mit­tel kon­trol­liert ab­ge­ge­ben wird. In der Ein­lei­tung ih­res An­trags heißt es: „Der Kampf ge­gen den Can­na­bis-Kon­sum durch Re­pres­si­on ist ge­schei­tert.“Der Staat soll die Kon­trol­le zu­rücker­lan­gen, in­dem er selbst zum Dea­ler wird.

Der Düs­sel­dor­fer Professor Jus­tus Hau­cap in­ter­es­siert sich aus wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher

Sicht für Can­na­bis. Und er glaubt, dass Deutsch­land vor ei­ner dro­gen­po­li­ti­schen Zei­ten­wen­de steht. Ganz ein­fach des­we­gen, weil an­de­re vor­an­ge­hen: „Die Li­be­ra­li­sie­rung in Ka­na­da und Ka­li­for­ni­en wird zu ei­nem Um­den­ken in Deutsch­land füh­ren. Wir wer­den se­hen, dass Ka­na­da nicht zum Dro­gen-Mek­ka mu­tiert, nur weil Can­na­bis frei ver­käuf­lich ist.“

Hau­cap will un­ter­su­chen, wel­che fis­ka­li­schen Aus­wir­kun­gen ei­ne Li­be­ra­li­sie­rung in Deutsch­land ha­ben könn­te. Ei­ne ent­spre­chen­de Steu­er auf Can­na­bis wie auf an­de­re Sucht­mit­tel wie Al­ko­hol oder Ta­bak könn­te viel Geld in den Staats­haus­halt spü­len, schätzt Hau­cap. „Ich hal­te ein Steu­er­auf­kom­men von zwei bis drei Mil­li­ar­den Eu­ro für ab­so­lut rea­lis­tisch.“Zu hoch dürf­te die Steu­er al­ler­dings nicht aus­fal­len, dann ver­feh­le sie ih­ren Zweck, den Schwarz­markt aus­zu­trock­nen. Hin­zu kä­men „si­gni­fi­kan­te Ein­spa­run­gen“bei Jus­tiz und Po­li­zei. „Al­lein schon des­halb, weil sich die Ord­nungs­hü­ter wie­der sinn­vol­le­ren Tä­tig­kei­ten wid­men kön­nen als Can­na­bis-Kon­su­men­ten zu ver­fol­gen.“

Der Ham­bur­ger Kri­mi­nal­be­am­te Reine­cke will sich bei

der Fra­ge der Le­ga­li­sie­rung nicht fest­le­gen. Das müs­se der Ge­setz­ge­ber ent­schei­den, sagt der Staats­die­ner. Stand jetzt aber sei: „Das Ge­setz schreibt der Po­li­zei die Be­kämp­fung von Rausch­gift­kri­mi­na­li­tät vor. Um die­sen Auf­trag er­fül­len zu kön­nen, muss die Po­li­zei ent­spre­chend aus­ge­stat­tet sein, und das ist sie de­fi­ni­tiv nicht.“

Zu­min­dest of­fi­zi­ell gibt sich die Po­li­zei in Hamburg sie­ges­si­cher, was den Kampf ge­gen Can­na­bis und Co. an­geht: „Die Schwer­punkt­ein­sät­ze und der da­mit ein­her­ge­hen­de Kon­troll­druck füh­ren zu Ve­r­un­si­che­run­gen in der Sze­ne und so­mit mit­tel­fris­tig bis lang­fris­tig zu ei­ner Re­du­zie­rung der öf­fent­lich wahr­nehm­ba­ren Dro­gen­kri­mi­na­li­tät“, heißt es aus der Pres­se­stel­le. Es sei be­reits fest­zu­stel­len, dass die Zahl der Be­täu­bungs­mit­tel­händ­ler und der Kon­su­men­ten an den Brenn­punk­ten zu­rück­ge­he.

Im Schan­zen­park ge­hen sie un­ge­ach­tet des­sen ih­rer Ar­beit nach. „Geht’ s gut?“, fragt ei­ner und stört sich nicht an den Si­re­nen der vor­bei­fah­ren­den Po­li­zei­t­rans­por­ter.

Can­na­bis auf Re­zept: Mehr da­zu un­ter noz.de/ge­sund­heit

Fo­to: JOTO

Blick in den Ham­bur­ger Schan­zen­park: Die Grün­an­la­ge in der Han­se­stadt ist Ar­beits­platz für zahl­rei­che Dro­gen­dea­ler.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.