Ur­teil über Hun­dert­tau­sen­de Stel­len

Darf je­der Job an Kon­fes­si­on ge­bun­den sein? – EuGH ent­schei­det heu­te zum kirch­li­chen Ar­beits­recht

Wittlager Kreisblatt - - POLITIK -

epd BRÜS­SEL. Das Ur­teil könn­te auf lan­ge Sicht Fol­gen für Hun­dert­tau­sen­de Stel­len ha­ben. Denn der Fall, den der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) heu­te in Luxemburg ent­schei­det, be­trifft Kir­chen und ih­re Ein­rich­tun­gen und da­mit ei­ni­ge der größ­ten Ar­beit­ge­ber Deutsch­lands. Zugleich geht es um das Ver­hält­nis von Re­li­gi­on und Staat und das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung.

Nicht er­staun­lich, dass EuGH-Ge­ne­ral­an­walt Ev­ge­ni Tan­chev in sei­nem Gut­ach­ten „gar nicht ge­nug be­to­nen“ kann, „wie hei­kel“die An­ge­le­gen­heit ist. Be­kannt ist der Fall un­ter dem Na­men der Klä­ge­rin Ve­ra Egen­ber­ger. Die Ber­li­ne­rin be­warb sich 2012 beim Evan­ge­li­schen Werk für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung um ei­ne be­fris­te­te Stel­le – er­folg­los. Ab­ge­lehnt wor­den sei sie al­lein we­gen ih­rer feh­len­den Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit, ist sich Egen­ber­ger si­cher.

Die Dia­ko­nie hat­te die Stel­le tat­säch­lich aus­drück­lich für christ­li­che Be­wer­ber aus­ge­schrie­ben. Sie zwei­fel­te aber zu­sätz­lich Egen­ber­gers Qua­li­fi­ka­ti­on an. Die Be­wer­be­rin ver­lang­te vor Ge­richt we­gen re­li­giö­ser Dis­kri­mi­nie­rung rund 10 000 Eu­ro Ent­schä­di­gung.

Aus­le­gungs­sa­che

Der Rechts­streit wan­der­te bis zum Bun­des­ar­beits­ge­richt. Die­ses for­der­te den EuGH auf, die EU-Richt­li­nie zur Gleich­be­hand­lung im Be­ruf aus­zu­le­gen. Haupt­fra­ge: Dür­fen Kir­chen und ih­re Ein­rich­tun­gen selbst be­stim­men, ob sie die Kon­fes­si­on bei je­der mög­li­chen Stel­le vor­schrei­ben – bei Putz­frau und Gärt­ner eben­so wie bei Pfar­rer und Chef­arzt?

Die Dia­ko­nie sagt Ja. Das Stich­wort lau­te „kirch­li­che Selbst­be­stim­mung“, er­klärt Per­so­nal­vor­stand Jörg Krutt­schnitt. Die Selbst­be­stim­mung sei durch deut­sches Ver­fas­sungs­recht und EUVer­trag ge­schützt. Dar­aus fol­ge, dass kirch­li­che Ar­beit­ge­ber die Kon­fes­si­on zur Be­din­gung für ei­ne Ein­stel­lung ma­chen kön­nen. Längst wer­den auch An­ders- und Nicht­gläu­bi­ge ein­ge­stellt. Der sprin­gen­de Punkt ist aber, wer hier­über be­stimmt.

Egen­ber­ger meint, bei Seel­sor­ge oder Lei­tungs­auf­ga­ben sei die Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit als Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung „nach­voll­zieh­bar, sinn­voll und ak­zep­ta­bel“. An­ders sei dies bei Tä­tig­kei­ten wie IT-Experte oder Arzt. Hier be­deu­te ei­ne Be­schrän­kung auf Chris­ten, „dass Nicht­gläu­bi­ge, Ju­den, Bud­dhis­ten, Mus­li­me und an­de­re re­li­giö­se Grup­pie­run­gen bei Ein­stel­lun­gen durch die Kir­chen und ih­re Ein­rich­tun­gen dis­kri­mi­niert wer­den könn­ten“, er­klärt Egen­ber­gers An­walt Klaus Ber­tels­mann. Auch Ver­di kri­ti­siert die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on. „Der Son­der­sta­tus der Kir­chen ist ein Re­likt längst ver­gan­ge­ner Zei­ten“, sagt Syl­via Büh­ler, Mit­glied im Bun­des­vor­stand der Ge­werk­schaft.

Ab­schlie­ßen wird der EuGH den Fall nicht. Nach sei­ner Aus­le­gung des EU-Ge­set­zes muss die deut­sche Jus­tiz über den kon­kre­ten Fall ent­schei­den. Auf die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD) könn­te laut dem Ar­beits­recht­ler Ja­cob Jous­sen ei­ne Än­de­rung des Kir­chen­rech­tes zu­kom­men.

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