Wei­chen­stel­lung für die Zu­kunft

Wittlager Kreisblatt - - DIALOG -

Zum Ar­ti­kel „Das an­de­re 1968“(Aus­ga­be vom 9. April) er­hiel­ten wir die Zu­schrift von Frau In­ge Be­cher, Lei­te­rin des Mu­se­ums Vil­la Stah­mer.

„Vie­len Dank für den Bei­trag über das Jahr 1968, der zur Ver­sach­li­chung des The­mas bei­trägt. 1968 war mehr als ei­ne Stu­den­ten­be­we­gung. Viel­mehr wur­de durch das Bun­des­raum­ord­nungs­ge­setz von 1965 und sei­ne ver­schie­de­nen Län­der­va­ri­an­ten der Ver­such un­ter­nom­men, ge­sell­schaft­li­che Pro­zes­se von oben zu steu­ern.

Mit­tels Raum­ord­nung wur­de fest­ge­legt, wel­che Ge­mein­de be­zu­schusst und aus­ge­baut wer­den soll­te. Da­bei ka­men Kon­zep­te aus dem ,Drit­ten Reich‘ zur An­wen­dung. Mit an­de­ren Wor­ten: 1968 wur­de kon­kret und rechts­ver­bind­lich ent­schie­den, wel­che Ge­mein­de ein Gym­na­si­um, ein Hal­len­bad, ein In­dus­trie­ge­biet be­kom­men soll­te. Die Ge­mein­den des Dü­te­tals soll­ten von jed­we­der För­de­rung aus­ge­schlos­sen wer­den. Die Kri­se der Stahl­in­dus­trie soll­te den Pro­zess der ,pas­si­ven Sa­nie­rung‘ be­schleu­ni­gen, ein In­dus­trie­ge­biet soll­te es nicht ge­ben, und das be­reits ge­plan­te Gym­na­si­um Oe­se­de wur­de wie­der von der Lis­te ge­stri­chen. Nur das Hal­len­bad soll­te ge­baut wer­den – aus Grün­den der ,Volks­ge­sund­heit‘ .

Ge­gen die­se Plä­ne gin­gen die Kom­mu­nal­ak­teu­re an und grün­de­ten die Stadt Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­te, um sich ge­mein­sam Ge­hör zu ver­schaf­fen. Der Coup ge­lang: Wäh­rend die Stu­die­ren­den auf die Stra­ße gin­gen, be­strit­ten die Kom­mu­nal­ak­teu­re ei­nen stil­len Aus­hand­lungs­pro­zess ge­gen Mi­nis­te­ri­en und die Be­zirks­re­gie­rung, für den es kei­ne Platt­form und kein Vor­bild gab.

Sie stell­ten da­mit Wei­chen für die Zu­kunft, die sich heu­te noch aus­wir­ken: Das Gym­na­si­um Oe­se­de fei­ert in die­sem Jahr sein 50jäh­ri­ges Be­ste­hen, und das In­dus­trie­ge­biet auf dem Har­der­berg bie­tet zahl­rei­che Ar­beits­plät­ze aus un­ter­schied­li­chen Bran­chen. Die Ak­teu­re von 1968 hät­ten un­ter­schied­li­cher nicht sein kön­nen, und doch hat­ten sie ein ge­mein­sa­mes An­lie­gen: nie wie­der Ohn­macht.“

In­ge Be­cher Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­te

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