Zu viel Ab­gas: Brüs­sel ver­klagt Ber­lin

Deutsch­land dro­hen ho­he Straf­gel­der we­gen Luft­ver­schmut­zung – Al­t­hus­mann gibt sich ge­las­sen

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Ul­rich Kr­ö­kel

Brüs­sel nimmt Deutsch­land beim Die­sel in die Man­gel: Da­mit Grenz­wer­te end­lich ein­ge­hal­ten wer­den, zieht die EUKom­mis­si­on vor Ge­richt. Legt die Bun­des­re­gie­rung noch nach, um Au­tos sau­be­rer zu be­kom­men?

dpa BRÜS­SEL/BER­LIN. Deutsch­land kommt we­gen zu schmut­zi­ger Luft durch Die­sel­ab­ga­se in vie­len Städ­ten im­mer stär­ker un­ter Druck: Die EU-Kom­mis­si­on will die Bun­des­re­gie­rung mit ei­ner Kla­ge beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) zur Ein­hal­tung der Grenz­wer­te zwin­gen. Letzt­lich dro­hen ho­he Straf­gel­der.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ließ – an­ders als Frank­reich – vor­erst kei­ne Ab­sicht zu zu­sätz­li­chen Maß­nah­men er­ken­nen. Der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD, Um­welt­schüt­zer und Städ­te drin­gen da­ge­gen auf tech­ni­sche Nach­rüs­tun­gen äl­te­rer Die­sel.

Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la sag­te, Deutsch­land und fünf wei­te­re Län­der hät­ten kei­ne ge­eig­ne­ten Maß­nah­men er­grif­fen, um die Grenz­wer­te so schnell wie mög­lich ein­zu­hal­ten. „Ich bin über­zeugt, dass die heu­ti­ge Ent­schei­dung viel schnel­ler zu Ver­bes­se­run­gen für die Bür­ger füh­ren wird.“

Kla­ge ein­rei­chen will die Kom­mis­si­on auch ge­gen Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Un­garn, Ita­li­en und Ru­mä­ni­en. Da­bei geht es um die Miss­ach­tung von EU-Grenz­wer­ten für Stick­oxi­de (NOx). Auch 2017 wur­den sie in 66 deut­schen Städ­ten über­schrit­ten. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­te Fahr­ver­bo­te für

zu­läs­sig er­klärt, so­lan­ge sie ver­hält­nis­mä­ßig sind.

Mer­kel sag­te am Ran­de des EU- Gip­fels in So­fia, die Bun­des­re­gie­rung ha­be in „bei­spiel­lo­ser Wei­se“För­der­pro­gram­me auf­ge­legt: „Wir sind auf ei­nem sehr, sehr gu­ten Weg.“Sie ver­wies auf die Ver­ant­wor­tung der Kom­mu­nen, die Um­set­zung der Pro­gram- me müs­se vor Ort er­fol­gen. Der Bund hat un­ter an­de­rem ein Mil­li­ar­den-Pro­gramm für sau­be­re Luft in be­trof­fe­nen Städ­ten auf­ge­legt.

Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD) un­ter­mau­er­te ih­re For­de­rung nach tech­ni­schen Nach­rüs­tun­gen, die nun „so schnell wie mög­lich“auf Kos­ten der Au­to­bau­er ge- braucht wür­den: „Dar­auf zu hof­fen, dass sich das Pro­blem von selbst er­le­digt, ist spä­tes­tens jetzt kei­ne Op­ti­on mehr.“Nie­der­sach­sens Wirt­schafts­mi­nis­ter Bernd Al­t­hus­mann (CDU) sag­te da­ge­gen, er ge­he da­von aus, dass Deutsch­land der Kla­ge ge­las­sen ent­ge­gen­se­hen kön­ne. So ha­be Nie­der­sach­sen viel un­ter­nom­men, um die Grenz­wer­te ein­zu­hal­ten. In den be­trof­fe­nen Städ­ten sei­en die Wer­te ge­sun­ken.

Die EU-Kom­mis­si­on warf der Bun­des­re­gie­rung zu­dem vor, sie ha­be VW für Schad­stoff-Ma­ni­pu­la­tio­nen nicht be­straft und nicht aus­rei­chend über­wacht, ob die Au­to­her­stel­ler Vor­schrif­ten ein­hal­ten. Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) wies die Er­mah­nun­gen scharf zu­rück: „Kein an­de­rer Mit­glied­staat hat so um­fas­sen­de und stren­ge Maß­nah­men er­grif­fen wie Deutsch­land.“

Die­sel, Ab­gas und die Fol­gen: mehr zum The­ma auf noz.de/vw

BER­LIN. Wla­di­mir Pu­tin weiß um die Macht der Bil­der. Und so setz­te er sich am Di­ens­tag ans Steu­er ei­nes Lkw und fuhr als Ers­ter über die neue Krim-Brü­cke, die das rus­si­sche Fest­land mit der an­nek­tier­ten Halb­in­sel ver­bin­det. Das mo­nu­men­ta­le Bau­werk sei ein Sym­bol von „Ein­heit und Frei­heit“, ver­kün­de­te er, wäh­rend im 2000 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Greifs­wal­der Bod­den fünf Bag­ger­schif­fe mit den Ar­bei­ten für die Ver­le­gung der Ost­se­e­pipe­line Nord Stream 2 be­gan­nen.

Man konn­te das für ei­nen zeit­li­chen Zu­fall hal­ten. Si­cher ist, dass bei­de Bau­pro­jek- te im welt­po­li­ti­schen Kon­text ste­hen wie in ei­nem Sys­tem kom­mu­ni­zie­ren­der Röh­ren. Es geht um das Ver­hält­nis Russ­lands zu Deutsch­land, Eu­ro­pa und zur west­li­chen Staa­ten­ge­mein­schaft in­klu­si­ve der USA. Es geht aber auch um die Zu­kunft der un­ab­hän­gi­gen Ukrai­ne, die Be­deu­tung des Völ­ker­rechts und die Idee von Wan­del durch Han­del.

All das weiß Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel so gut wie Kreml­chef Pu­tin, mit dem sie sich am heu­ti­gen Frei­tag trifft. Und des­halb mu­tet es auf den ers­ten Blick auch selt­sam an, dass der Pi­pe­line­bau erst in letz­ter Mi­nu­te oben auf der deutsch-rus­si­schen Agen­da auf­ge­taucht ist. Der zwei­te Blick ver­rät, dass es vor al­lem in Ber­lin ein Um­den­ken ge­ge­ben hat. Lan­ge Zeit ver­trat die Bun­des­re­gie­rung die Po­si­ti­on, Nord Stream 2 sei ein rein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Pro­jekt, das po­li­tisch nicht ver­han­del­bar sei. Nun scheint man be­reit zu sein, die Rea­li­tät nicht nur zur Kennt­nis zu neh­men, son­dern sie auch ak­tiv zu ge­stal­ten.

Zur Wirk­lich­keit von Nord Stream 2 ge­hört der en­er­gie­po­li­ti­sche Kon­text. Die rus­si­sche Volks­wirt­schaft wä­re oh­ne den Ex­port von Gas und Öl kaum le­bens­fä­hig. Fast zwei Drit­tel der Staats­ein­nah­men stam­men aus den Ge­schäf­ten von Ener­gie­rie­sen wie Gaz­prom. Um­ge­kehrt set­zen vor al­lem deut­sche Ver­sor­ger auf rus­si­sches Erd­gas als ver­läss­lich spru­deln­de Ener­gie­quel­le. Am Nord-Stream-Kon­sor­ti­um sind ne­ben Mehr­heits­eig­ner Gaz­prom der BASFAb­le­ger Win­ters­hall, ei­ne Eon-Toch­ter, die nie­der­län­di­sche Gas­unie und die fran­zö­si­sche Engie be­tei­ligt.

Nord Stream 2 soll ab 2020 jähr­lich bis zu 55 Mil­li­ar­den Ku­bik­me­ter Gas nach We­st­eu­ro­pa pum­pen. Da­mit wür­de nicht nur die Ener­gie­ab­hän­gig­keit von Russ­land wei­ter wach­sen, wie die EU-Kom­mis­si­on kri­ti­siert. Zu­gleich wür­den die Tran­sit­pipe­lines der Ukrai­ne fak­tisch über­flüs- sig, die Kiew jähr­lich rund zwei Mil­li­ar­den Eu­ro an Ge­büh­ren ein­brin­gen.

Spä­tes­tens hier be­gin­nen die wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Röh­ren zu kom­mu­ni­zie­ren. Es war der jah­re­lan­ge Gas­streit zwi­schen Mos­kau und Kiew über Tran­sit­ge­büh­ren, der den Bo­den der Ukrai­ne-Kri­se be­rei­tet hat, die 2014 in der völ­ker­rechts­wid­ri­gen Anne­xi­on der Krim und dem Krieg im Don­bass gip­fel­te. Des­halb re­agier­ten ukrai­ni­sche Po­li­ti­ker auch ent­setzt, als Pu­tin die neue Krim-Brü­cke er­öff­ne­te, wäh­rend in der Ost­see die Nord-Stream-Bag­ger­schif­fe ih­ren Ein­satz be­gan­nen und Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er bei sei- nem Be­such in Kiew für Kom­pro­miss­lö­sun­gen warb.

Russ­land tre­te das Völ­ker­recht mit Fü­ßen, er­ei­fer­te sich der ukrai­ni­sche Pre­mier Wo­lo­di­mir Gro­is­man. Alt­mai­er da­ge­gen schlug vor, Mos­kau könn­te Kiew ga­ran­tie­ren, ei­ne Min­dest­men­ge Gas durch ukrai­ni­sche Pi­pe­lines zu pum­pen. Die­se Idee, über die Mer­kel und Pu­tin am Frei­tag spre­chen wol­len, stößt al­ler­dings nicht nur in Kiew auf Skep­sis, son­dern auch in den USA, die dank des um­strit­te­nen Frackings selbst zum Gas­ex­por­teur auf­ge­stie­gen sind.

Streit­fall Ukrai­ne: Hin­ter­grün­de und Ana­ly­sen auf noz.de/po­li­tik

Fo­to: dpa

Im Greifs­wal­der Bod­den ha­ben Bag­ger vor ei­ni­gen Ta­gen die Ar­beit am Un­ter­was­ser­gra­ben der neu­en Pi­pe­line Nord Stream 2 be­gon­nen.

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