„Bei Men­schen­rech­ten nicht mit zwei­er­lei Maß mes­sen“

Am­nes­ty-Deutsch­land-Chef Bee­ko im Ge­spräch über die Fuß­ball-WM, Ak­ti­vis­ten-Nach­wuchs und die Bun­des­re­gie­rung

Wittlager Kreisblatt - - POLITIK - Von Tho­mas Lud­wig

OS­NA­BRÜCK. An­läss­lich der Jah­res­ta­gung von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal Deutsch­land am Wo­che­n­en­de in Pa­pen­burg hat sich Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas be­sorgt über die Miss­ach­tung grund­le­gen­der Rech­te in vie­len Län­dern ge­zeigt. „Oh­ne Ach­tung und För­de­rung der Men­schen­rech­te kann es kei­nen nach­hal­ti­gen Frie­den, kei­ne nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung ge­ben“, sag­te Maas die­ser Re­dak­ti­on. An die Adres­se von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­ton­te Maas: „Ich bin dank­bar für das viel­fäl­ti­ge En­ga­ge­ment hier in Deutsch­land“– An­lass für un­se­re Re­dak­ti­on, mit dem Ge­ne­ral­se­kre­tär von Am­nes­ty Deutsch­land, Mar­kus N. Bee­ko, zu spre­chen.

Herr Bee­ko, fühlt sich Am­nes­ty in sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten für die Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te von der Bun­des­re­gie­rung aus­rei­chend un­ter­stützt?

Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag der Bun­des­re­gie­rung greift zu kurz: Deutsch­land kann mehr. Ge­ra­de wenn man für ei­nen Sitz im UN-Si­cher- Mar­kus N. Bee­ko

heits­rat kan­di­diert, gilt es, in der Au­ßen­po­li­tik noch ak­ti­ver die Ein­hal­tung von Men­schen­rechts­stan­dards welt­weit ein­zu­for­dern. Es geht nicht, mit zwei­er­lei Maß zu mes­sen, wenn man Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Ägyp­ten oder Sau­di-Ara­bi­en nicht of­fen the­ma­ti­siert, weil man an­de­re In­ter­es­sen hat. Und in­nen­po­li­tisch gilt es als rechts­staat­li­che De­mo­kra­tie zu de­mons­trie­ren, wie sehr ei­ne Ge­sell­schaft von ei­ner Po­li­tik pro­fi­tie­ren kann, de­ren Ba­sis die Men­schen­rech­te sind. Hier sind Bun­des­tag und Län­der­par­la­men­te ge­for­dert – das ak­tu­el­le bay­ri­sche Po­li­zei­auf­ga­ben­ge­setz lässt mit der Miss­ach­tung wich­ti­ger rechts­staat­li­cher Ge­bo­te aber das Ge­gen­teil fürch­ten.

Ein Land, in dem es um Bür­ger­rech­te nicht gut be­stellt ist, ist Russ­land. Kön­nen deut­sche Fuß­ball­Fans ru­hi­gen Ge­wis­sen zur WM fah­ren? Grund­sätz­lich spricht nichts da­ge­gen, auch in Län­der zu fah­ren, in de­nen, wie in Russ­land zum Bei­spiel, die Mei­nungs- oder Ver­samm­lungs­frei­heit be­schnit­ten wer­den. Es soll­te ei­nem nur be­wusst sein, dass Men­schen­rech­te ein­ge­schränkt sein kön­nen. Man soll­te sich vor­her in­for­mie­ren und die Rei­se­hin­wei­se von Bun­des­re­gie­rung und DFB be­ach­ten.

Soll­ten Kanz­le­rin Mer­kel oder Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er die WM mei­den?

Po­li­ti­ker müs­sen ge­nau­er hin­schau­en: Sport­er­eig­nis­se wer­den tra­di­tio­nell gern von Re­gie­run­gen ge­nutzt, um sich in ein vor­teil­haf­tes Licht zu rü­cken, und auch, um nach in­nen Grö­ße, Stär­ke und welt­wei­te An­er­ken­nung zu de­mons­trie­ren. Vor dem Hin­ter­grund der mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen der Pres­se-, Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit in Russ­land, der Ukrai­ne-Anne­xi­on und der rus­si­schen Be­tei­li­gung an Ver­stö­ßen ge­gen das hu­ma­ni­tä­re Völ­ker­recht in Sy­ri­en wird sich je­der ge­nau über­le­gen müs­sen, wann er oder sie wo da­bei sein soll­te, wenn man ver­hin­dern will, in­stru­men­ta­li­siert zu wer­den.

Wie sieht es in Ka­tar aus, dem WM-Aus­tra­gungs­ort 2022, hat sich dort aus Am­nes­ty-Sicht et­was zum Bes­se­ren ge­än­dert?

Die La­ge in Ka­tar ist trotz ei­ni­ger po­si­ti­ver Schrit­te noch im­mer durch schwer­wie­gen­de Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ge­kenn­zeich­net. Mei­nungs-, Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit sind stark ein­ge­schränkt, Frau­en wer­den vor dem Ge­setz und im All­tag dis­kri­mi­niert. Auch die La­ge der Ar­beits­mi­gran­ten, von de­nen vie­le auf WMBau­stel­len ar­bei­ten, hat sich nur ge­ring­fü­gig ver­bes­sert. Es wur­de ein Aus­schuss zur Sch­lich­tung von „ Ar­beits­strei­tig­kei­ten“ein­ge­setzt, bei dem Ar­beit­neh­mer Be­schwer­den ein­rei­chen kön­nen. Ein gu­ter Schritt ist auch ein Ge­setz zum Schutz von Hau­s­an­ge­stell­ten, die oft aus­ge­beu­tet und miss­han­delt wer­den.

Da klingt ein Aber mit . . . Aber die Be­hör­den ge­hen Miss­hand­lun­gen wei­ter nicht aus­rei­chend nach. Ei­ne Be­stra­fung der Ver­ant­wort­li­chen bleibt häu­fig aus. Die ka­ta­ri­sche Re­gie­rung, das dor­ti­ge Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee und die FI­FA blei­ben in der Ver­ant­wor­tung, die wei­te­ren ein­ge­for­der­ten Schutz­maß­nah­men rasch um­zu­set­zen.

Un­se­re Ge­sell­schaft er­lebt ei­nen kon­ser­va­ti­ven Ruck. Ak­ti­vis­ten wer­den als „Gut­men­schen“ver­spot­tet. Schlägt sich so ei­ne Ab­wer­tung in der Spen­den­be­reit­schaft für Am­nes­ty nie­der, und wird es schwie­ri­ger, Nach­wuchs zu ge­win­nen? Im Ge­gen­teil: Vie­le Men­schen füh­len sich durch die zu­neh­men­den Ver­su­che ei­ni­ger Men­schen, an­de­re Men­schen aus­zu­gren­zen, ab­zu­wer­ten oder gar an­zu­grei­fen, auf­ge­ru­fen, sich für un­se­re of­fe­ne Ge­sell­schaft und die Men­schen­rech­te ein­zu­set­zen. Sie tun dies ent­we­der ak­tiv mit un­se­ren Ak­tio­nen, durch Mit­ar­beit in Am­nes­ty- Grup­pen oder durch ih­re fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung. Wir spü­ren auch ein stei­gen­des In­ter­es­se an Men­schen­rechts­the­men und ei­ne wei­ter wach- sen­de fi­nan­zi­el­le und prak­ti­sche Un­ter­stüt­zung un­se­rer Ar­beit. Auch die zu­neh­men­de Be­tei­li­gung von jun­gen Men­schen und Schu­len am all­jähr­li­chen Am­nes­ty­B­rief­ma­ra­thon be­legt dies, bei dem sich Zehn­tau­sen­de Men­schen für die Be­trof­fe­nen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­set­zen.

Ist Eu­ro­pa, ist die EU noch der Ga­rant der Wer­te, als der sich die Ge­mein­schaft gern dar­stellt?

Lei­der se­hen wir in der EU eta­blier­te Men­schen­rechts­stan­dards an­ge­grif­fen: In Un­garn soll in Kür­ze be­reits das zwei­te „NGO- Ge­setz“ver­ab­schie­det wer­den, wel­ches die Ar­beit von vie­len Or­ga­ni­sa­tio­nen be­hin­dern und ver­hin­dern soll – auch die von Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal. Wenn die EU aber die Ein­hal­tung von Men­schen­rech­ten und der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on im In­nern nicht durch­setzt, ver­liert sie ih­re Glaub­wür­dig­keit wie auch ih­re Hand­lungs­fä­hig­keit auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne.

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Fo­to: Am­nes­ty

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