Online-Spiel­sucht wird Krank­heit

Kon­tro­ver­se um Online-Spiel­sucht

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Dpa

GENF Ex­zes­si­ves Com­pu­ter­spie­len gilt nach ei­nem neu­en Ver­zeich­nis der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) dem­nächst als Krank­heit. Ga­ming Dis­or­der wird in den Ka­ta­log der Krank­hei­ten (ICD-11) auf­ge­nom­men.

Fast je­der zwei­te Deut­sche spielt auf Han­dy, Ta­blet oder Com­pu­ter. Doch wenn das Ge­dad­del über­hand­nimmt, wird es pro­ble­ma­tisch. Gibt es die Krank­heit Online-Spiel­sucht? Die WHO löst ei­ne Kon­tro­ver­se aus.

GENF Es sind schon Leu­te nach 20, 30 St­un­den non­stop Com­pu­ter­spie­len tot um­ge­fal­len. Ein 24-Jäh­ri­ger in Schang­hai 2015 et­wa, der 19 St­un­den bei „World of War­craft“online war. An­fang letz­ten Jah­res starb ein 35Jäh­ri­ger in Vir­gi­nia Beach in den USA bei ei­nem „World of Tanks“-Ma­ra­thon. Sol­che Ex­trem­fäl­le sind sel­ten. Aber Ärz­te schla­gen nach An­ga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on ( WHO) Alarm, weil sie im­mer öf­ter spiel­süch­ti­ge Pa­ti­en­ten se­hen. Des­halb führt die WHO jetzt Online-Spiel­sucht als eigene Krank­heit ein. Die „In­ter­na­tio­na­le Klas­si­fi­ka­ti­on der Krank­hei­ten“(ICD-11) kommt am 18. Ju­ni her­aus. Man­che Wis­sen­schaft­ler sind skep­tisch.

Wer beim Spie­len schon mal et­was an­de­res ha­be schlei­fen las­sen – Haus­putz, Auf­räu­men oder an­de­re läs­ti- ge Ar­beit – müs­se drin­gend zum Arzt, ätz­te der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Thorsten Quandt sar­kas­tisch, als die Plä­ne der WHO vor ei­nem Jahr ans Licht ka­men. „Sie könn­ten ernst­haft krank sein! . . . Den um­trie­bi­gen Blog­ger von ne­ben­an soll­ten Sie vor­sorg­lich auch mel­den, da­mit er zwangs­ein­ge­wie­sen wird.“

Kla­re Gren­zen

Viel Online-Spie­len als Sucht zu de­fi­nie­ren kön­ne zum Damm­bruch wer­den, warnt er: „Von Han­dy-Sucht bis So­ci­al-Me­dia-De­pres­si­on wä­re vie­les als ei­gen­stän­di­ge ‚Me­di­en‘ -Krank­heit denk­bar. In der Fol­ge wä­ren zahl­rei­che Kin­der, Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne qua De­fi­ni­ti­on von heu­te auf mor­gen the­ra­pie­be­dürf­tig.“

Der Psy­cho­lo­ge An­dy Pr­zy­byl­ski von der Uni­ver­si­tät Ox­ford warn­te vor dem WHO-Schritt. „Es be­steht das Ri­si­ko, dass sol­che Dia­gno­sen miss­braucht wer­den.“Ge­prüft wer­den müs­se, ob bei ex­zes­siv spie­len­den Pa­ti­en­ten nicht eher zu­grun­de lie­gen­de Pro­ble­me wie De­pres­si­on oder so­zia­le Angst­stö­run­gen be­han­delt wer­den müss­ten.

Vla­di­mir Poz­nyak vom WHO-Pro­gramm Sucht­mit- tel­miss­brauch sieht das ganz an­ders. „Es gibt kla­re Gren­zen zwi­schen nor­ma­lem Spie­len und Spiel­sucht“, sagt er. Im ICD-11 wer­den drei Kri­te­ri­en ge­nannt: ent­glei­ten­de Kon­trol­le et­wa bei Häu­fig­keit und Dau­er des Spie­lens, wach­sen­de Prio­ri­tät des Spie­lens vor an­de­ren Ak­ti­vi­tä­ten und Wei­ter­ma­chen auch bei ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen.

„Spiel­süch­tig ist je­mand, der Freun­de und Fa­mi­lie ver­nach­läs­sigt, der kei­nen nor­ma­len Schlafrhyth­mus mehr hat, sich we­gen des stän­di­gen Spie­lens schlecht er­nährt oder sport­li­che Ak­ti­vi­tä­ten sau­sen lässt“, sagt er.

„Wir fin­den es pro­ble­ma­tisch, wenn das Spie­len pa­tho­lo­gi­siert und die Spie­ler stig­ma­ti­siert wer­den“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer des Ver­bands Ga­me, Fe­lix Falk.

Nach ei­ner Er­he­bung des Ver­bands spie­len in Deutsch­land 34,1 Mil­lio­nen Men­schen Com­pu­ter- und Vi­deo­spie­le, 46 Pro­zent der Be­völ­ke­rung. 14,3 Mil­lio­nen sei­en un­ter 30 Jah­re alt. Auf un­ter ein Pro­zent schätzt Falk den An­teil der Leu­te, die ex­zes­siv spie­len.

Ge­fähr­li­che Spiel­sucht: Mehr le­sen Sie auf noz.de/gzw

Foto: dpa/Oliver Berg

Ge­fähr­li­che Sucht? 34,1 Mil­lio­nen Deut­sche dad­deln re­gel­mä­ßig.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.