Scholz er­in­nert an Fi­nanz­kri­se

Vor zehn Jah­ren lös­te die In­sol­venz der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers ei­ne welt­wei­te Kri­se an den Fi­nanz­märk­ten aus

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Ma­nu­el Glas­fort und Bri­git­te Schol­tes

BER­LIN Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) hat zum Ab­schluss der vier­tä­gi­gen Haus­halts­de­bat­te im Bun­des­tag ei­ne bes­se­re Ab­si­che­rung ge­gen mög­li­che neue Fi­nanz­kri­sen an­ge­mahnt. Zehn Jah­re nach dem Zu­sam­men­bruch der US-In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers nann­te Scholz be­son­ders die Voll­en­dung der Ban­ken­uni­on.

Der Zu­sam­men­bruch der ame­ri­ka­ni­schen In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers vor zehn Jah­ren war ein Schock, der bis heu­te nach­wirkt. Wur­den die rich­ti­gen Kon­se­quen­zen ge­zo­gen, und ist das Fi­nanz­sys­tem heu­te we­ni­ger kri­sen­an­fäl­lig? FRANK­FURT „Die Kri­se hat die Grund­pfei­ler des west­li­chen Fi­nanz­sys­tems er­schüt­tert“, sagt Axel We­ber, der frü­he­re Prä­si­dent der Deut­schen Bun­des­bank und Ver­wal­tungs­rats­chef der schwei­ze­ri­schen UBS. Am 15. Sep­tem­ber 2008 mel­de­te die Bank Kon­kurs an.

Wie kam es zur In­sol­venz? „Leh­man war kei­ne be­son­ders gro­ße Bank, doch sie hät­te bei­na­he das glo­ba­le Fi­nanz­sys­tem in den Ab­grund ge­zo­gen“, er­klärt Ex­per­te Ha­rold Ja­mes von der Uni­ver­si­tät Prin­ce­ton. Mit vie­len Töch­tern und Zweck­ge­sell­schaf­ten sei Leh­man ty­pisch für das Di­ckicht der Fi­nanz­märk­te ge­we­sen, in dem fau­le Im­mo­bi­li­en­kre­di­te zu to­xi­schen Wert­pa­pie­ren ver­packt und – mit du­bio­sen Gü­te­sie­geln gro­ßer Ra­ting­agen­tu­ren ver­se­hen – welt­weit bei In­ves­to­ren plat­ziert wur­den, auch bei deut­schen Banken. Als die Prei­se am US-Häu­ser­markt zu sin­ken be­gan­nen und die Hy­po­the­ken der heil­los über­schul­de­ten Haus­be­sit­zer wert­los wur­den, traf das auch Leh­man. Am 10. Sep­tem­ber kün­dig­te Leh­man-Chef Richard Fuld ei­nen Verlust von 3,9 Mil­li­ar­den Dol­lar al­lein für das drit­te Quar­tal 2008 an. Das ver­stärk­te die Sor­gen über ei­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit, das Ver­trau­en war da­hin. Trotz hek­ti­scher Ver­hand­lun­gen konn­te aber ein Käu­fer nicht ge­fun­den wer­den, auch der Staat wei­ger­te sich ein­zu­sprin­gen. So blieb nur der Weg in die Plei­te.

Kam die In­sol­venz wirk­lich un­er­war­tet? Noch kurz zu­vor hat­te der da­ma­li­ge Chef der Deut­schen Bank, Jo­sef Acker­mann, sich das nicht vor­stel­len kön­nen. Po­li­tik und Fi­nanz­welt sei­en sich der Ver­ant­wor­tung be­wusst, sag­te er da­mals. Doch der po­li­ti­sche Druck in den USA

war groß, nach drei Banken nicht noch ei­ne wei­te­re mit Mil­li­ar­den­hil­fen zu ret­ten.

Was wa­ren die di­rek­ten Fol­gen? Ein Crash an den Fi­nanz­märk­ten. Weil sie nicht mehr auf ih­re Ret­tung durch den Staat ver­trau­en konn­ten, wa­ren die Banken nicht mehr be­reit, ein­an­der kurz­fris­tig Geld zu lei­hen, wie dies zu nor­ma­len Zei­ten üb­lich ist. Der Fi­nanz­markt droh­te aus­zu­trock­nen, des­halb pump­ten die No­ten­ban­ken welt­weit viel Geld in die Märk­te. So­wohl die USA als auch die sechs größ­ten EUStaa­ten

stell­ten in den ers­ten Mo­na­ten zu­sam­men 800 Mil­li­ar­den Eu­ro zur Stüt­zung der Fi­nanz­bran­che be­reit. Um ei­nen An­sturm auf die Banken zu ver­mei­den, ga­ben Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und der da­ma­li­ge Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück (SPD) den Spa­rern die Ga­ran­tie, ih­re Bank­ein­la­gen sei­en si­cher. Den fol­gen­den Wirt­schafts­ein­bruch ver­hin­der­te das nicht. Welt­weit ver­lo­ren Mil­lio­nen Men­schen ih­re Ar­beit, in Deutsch­land wur­den 1,5 Mil­lio­nen Jobs durch Kurz­ar­beit ge­ret­tet.

Wie wa­ren An­le­ger be­trof­fen? In Deutsch­land hat­ten rund 50000 An­le­ger Zer­ti­fi­ka­te der nie­der­län­di­schen Leh­man-Toch­ter ge­kauft. Nach Schät­zun­gen hat­ten die An­le­ger bis zu ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro in­ves­tiert. Da die Zer­ti­fi­ka­te nicht der Ein­la­gen­si­che­rung un­ter­la­gen, wa­ren sie nach der In­sol­venz wert­los. In kom­pli­zier­ten Pro­zes­sen konn­te ein Teil Ver­glei­che schlie­ßen, Teil­ent­schä­di­gun­gen oder Ab­schlag­zah­lun­gen aus der nie­der­län­di­schen In­sol­venz­mas­se be­kom­men. Der Groß­teil des Gel­des war ver­lo­ren.

Ist das Fi­nanz­sys­tem heu­te sta­bi­ler? Teil­wei­se, glaubt Ul­rich Ka­ter, Chef­öko­nom der In­vest­ment­ge­sell­schaft De­ka. „Die Banken ha­ben ihr In­vest­ment­ban­king zu­rück­ge­fah­ren und müs­sen mehr Ei­gen­ka­pi­tal und Li­qui­di­tät vor­hal­ten.“Das Ban­ken­sys­tem sei sta­bi­ler als vor der Kri­se. „Auf der an­de­ren Sei­te ist die Ver­schul­dung von Un­ter­neh­men, Pri­vat­leu­ten und Staa­ten so hoch wie vor der Kri­se, teils noch hö­her. Vor al­lem Un­ter­neh­men und auch ei­ni­ge In­dus­trie­und Schwel­len­län­der ha­ben sich wei­ter ver­schul­det, in­dem sie An­lei­hen her­aus­ge­ge­ben

ha­ben“, sagt Ka­ter und re­sü­miert: „Da fragt man sich schon, ob über­all die rich­ti­gen Leh­ren ge­zo­gen wor­den sind.“Die für Ka­ter wich­tigs­te Lek­ti­on der Fi­nanz­kri­se lau­tet, „dass das Ver­hält­nis von Wirt­schafts­leis­tung und Kre­di­ten ver­nünf­tig aus­ta­riert wer­den muss“. Bei der Sa­nie­rung ih­rer Ban­ken­sek­to­ren wähl­ten Ame­ri­ka­ner und Eu­ro­pä­er un­ter­schied­li­che An­sät­ze, wie Chris­toph Scha­last, Pro­fes­sor an der Frank­furt School of Fi­nan­ce and Ma­nage­ment, er­läu­tert. Die US-Re­gie­rung ha­be in der Kri­se die Banken re­ka­pi­ta­li­siert, sie stün­den heu­te wie­der blen­dend da. In Eu­ro­pa aber soll­te der Steu­er­zah­ler nicht mehr Gei­sel der Banken sein im Fall ei­ner Kri­se. „Das wa­ren un­ter­schied­li­che Stra­te­gi­en, die da­zu ge­führt ha­ben, dass ins­be­son­de­re in Deutsch­land eben die Banken ge­schrumpft sind“, so Scha­last. Im­mer­hin hat Eu­ro­pa ei­ne ein­heit­li­che Ban­ken­auf­sicht ge­schaf­fen, es wur­de viel re­gu­liert – zu viel, sa­gen die Banken.

Ha­ben die Ban­ker ge­lernt? Vie­le da­mals Ver­ant­wort­li­che sind in lu­kra­ti­ve Jobs ge­wech­selt – der da­ma­li­ge Leh­manChef Richard Fuld ar­bei­tet jetzt für das Fi­nanz­be­ra­tungs­un­ter­neh­men Ma­trix Pri­va­te Ca­pi­tal. Vie­le an­de­re sind eben­falls weich ge­fal­len. An die­sem Sams­tag sol­len sie sich dem Ver­neh­men nach in Lon­don tref­fen, na­tür­lich nicht, um die Plei­te zu „fei­ern“, son­dern „das Netz­werk zu pfle­gen“, wie ei­ner von ih­nen sagt.

Sind wir vor ei­ner neu­er­li­chen Kri­se si­cher? De­kaChef­volks­wirt Ka­ter be­tont: „In der Ge­schich­te des Fi­nanz­we­sens gab es im­mer Kri­sen, und das wird sich nicht än­dern. Für das Ban­ken­sys­tem se­he ich je­doch der­zeit kei­ne un­mit­tel­ba­re Ge­fahr.“Ri­si­ken gibt es al­ler­dings zur Ge­nü­ge: die ho­hen Im­mo­bi­li­en­prei­se, wei­ter ge­stie­ge­ne Staats­schul­den et­wa in Ita­li­en, die Wäh­rungs­kri­sen in der Tür­kei und in den Schwel­len­län­dern. Und auch in den Bü­chern der eu­ro­päi­schen Banken schlum­mern noch Ri­si­ken: An­fang 2018 be­zif­fer­te die EU-Kom­mis­si­on die Sum­me der fau­len Kre­di­te im Eu­ro­raum auf 950 Mil­li­ar­den Eu­ro. Be­son­ders In­sti­tu­te im Sü­den der Wäh­rungs­uni­on sind be­trof­fen. Hedge-Fonds­Ma­na­ger Ste­ve Eis­man, der da­mals als ei­ner der Ers­ten auf den Nie­der­gang von Leh­man ge­wet­tet hat­te, sieht we­sent­li­che Ri­si­ken in­zwi­schen in Kryp­towäh­run­gen, in Au­to­kre­di­ten in den USA und in dem Au­to­bau­er Tes­la. Nicht zu­letzt aber stel­le auch die im­mer noch lo­cke­re Geld­po­li­tik ein Ri­si­ko dar, meint der UBS-Ver­wal­tungs­rats­chef und frü­he­re Bun­des­bank­prä­si­dent Axel We­ber. Die No­ten­ban­ken sei­en beim Aus­stieg aus der ul­tra­lo­cke­ren Geld­po­li­tik zu zö­ger­lich. „Und das in sich selbst kann ein wei­te­res Sta­bi­li­täts­ri­si­ko sein.“

Fo­tos: dpa/EPA/Shawn Thew/An­dy Rain/Pe­ter Fo­ley

Zum Ge­sicht der Fi­nanz­kri­se und Ziel­schei­be von Pro­tes­ten wur­de der eins­ti­ge Chef von Leh­man Bro­thers, Richard Fuld (Bild links), der we­gen sei­ner Wu­t­aus­brü­che an der Wall Street auch „Go­ril­la“ge­nannt wur­de. Am Tag der In­sol­venz stan­den Leh­man-Mit­ar­bei­ter in Lon­don (Mit­te) mit ge­pack­ten Kar­tons auf der Stra­ße, wäh­rend Händ­lern an der Wall Street in New York (rechts) der Schre­cken über die Ent­wick­lung deut­lich an­zu­se­hen war.

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