Die la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Ka­ta­stro­phe

Am Sonn­tag wählt Ve­ne­zue­la – Hun­dert­tau­sen­de flie­hen aus dem her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­ten Land

Wolfsburger Allgemeine - - TAGESTHEMEN - VON TO­BI­AS KÄU­FER

CARACAS. Wenn Ve­ne­zue­las Prä­si­dent Ni­co­las Ma­du­ro Wahl­kampf macht, dann flie­gen ro­te Pa­pier­schnip­sel in Mas­sen. „Vi­va Ni­co­las, vi­va Chá­vez“, ru­fen die Men­schen ent­lang der klei­nen Stra­ße in der Haupt­stadt Caracas et­was ge­quält. Es sind An­hän­ger der So­zia­lis­ten, die Ma­du­ro ord­nungs­ge­mäß fei­ern. Am Sonn­tag will sich der Prä­si­dent wie­der­wäh­len las­sen.

Es ist fast im­mer die glei­che Ze­re­mo­nie, die der ve­ne­zo­la­ni­sche Prä­si­dent ab­lie­fert. Er lobt die Re­vo­lu­ti­on und ver­spricht: „Die bes­ten Jah­re lie­gen vor uns.“Hin­ter den Men­schen in Ve­ne­zue­la aber lie­gen sehr schlech­te Jah­re. Ve­ne­zue­la vor der Wahl – das ist ein Land im Ka­ta­stro­phen­mo­dus: In den Su­per­märk­ten blei­ben die Re­ga­le leer, in den Kran­ken­häu­sern ster­ben Kin­der, weil es kei­ne Me­di­ka­men­te gibt. Ge­walt und Kri­mi­na­li­tät sind au­ßer Kon­trol­le. Der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds rech­net mit sa­gen­haf­ten 13800 Pro­zent In­fla­ti­on im lau­fen­den Jahr, die Wirt­schafts­kraft dürf­te um rund 15 Pro­zent ein­bre­chen.

„Das Schick­sal, das das Ma­du­ro-Re­gime sei­nem Volk auf­er­legt, ist gleich­zei­tig tra­gisch und un­nö­tig“, sagt Ka­na­das Au­ßen­mi­nis­te­rin Chrys­tia Fre­e­land. Ve­ne­zue­la sitzt auf den größ­ten Öl­re­ser­ven der Welt und war einst ei­nes der reichs­ten Län­der Süd­ame­ri­kas. Jahr­zehn­te der staat­li­chen Gän­ge­lung, Miss­wirt­schaft und Kor­rup­ti­on ha­ben al­ler­dings die in­dus­tri­el­le Ba­sis zer­stört.

Ma­du­ro in­des ist wild ent­schlos­sen, den von sei­nem ver­ehr­ten Vor­gän­ger Hu­go Chá­vez ein­ge­lei­te­ten So­zia­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts wei­ter­zu­füh­ren. Hin­ter der ka­ta­stro­pha­len Wirt­schafts­la­ge wit­tert er ei­ne Ver­schwö­rung der Eli­ten und des Aus­lands. Die Staats­me­di­en über­tra­gen live, wenn Ma­du­ro sei­ne Breit­sei­ten ge­gen US-Prä­si­dent Do­nald Trump und des­sen jüngs­te Sank­tio­nen ab­feu­ert. „Trump, lass Ve­ne­zue­la in Frie­den“, brül­len sei­ne An­hän­ger. Ma­du­ro sieht zu­frie­den aus.

Der Wahl­kampf ist ei­ne Far­ce. Denn die­je­ni­gen, die den Prä­si­den­ten her­aus­for­dern könn­ten, sit­zen ent­we­der in Haft, in Haus­ar­rest oder sind im Exil. Ni­co­las Ma­du­ro, der ehe­ma­li­ge Bus­fah­rer und Ge­werk­schaf­ter, hat im Vor­feld der Wah­len nichts dem Zu­fall über­las­sen. Wer ihm ge­fähr­lich wer­den könn­te, ist aus dem Weg ge­räumt. Die Wah­len wur­den vor ein paar Wo­chen so über­stürzt aus­ge­ru­fen, dass der Rest der Op­po- si­ti­on nicht ein­mal mehr Zeit hat­te, in Vor­wah­len ei­nen ei­ge­nen Kan­di­da­ten zu be­stim­men. Weil ih­rer Mei­nung nach zu­dem Ga­ran­ti­en feh­len, dass es freie und fai­re Wah­len gibt, boy­kot­tiert das Op­po­si­ti­ons­bünd­nis „Tisch der Ein­heit“den Wahl­gang. Da­mit ist der Weg frei für Ma­du­ro.

Bei der Wahl am Sonn­tag gibt es den­noch Ge­gen­kan­di­da­ten. Hen­ri Fal­con, der ehe­ma­li­ge Gou­ver­neur der Pro­vinz La­ra, kann laut Um­fra­gen mit rund 25 Pro­zent der Stim­men rech­nen. Sei­ne Rol­le ist um­strit­ten. Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker wer­fen dem ehe­ma­li­gen Mit­strei­ter des Re­vo­lu­ti­ons­füh­rers Hu­go Chá­vez vor, ei­ne Ma­rio­net­te der Re­gie­rung zu sein. Sei­ne Auf­ga­be: Er sol­le den Wah­len ei­nen de­mo­kra­ti­schen An­strich ver­lei­hen. Zu­min­dest nach au­ßen hin soll es so aus­se­hen, als hät­ten die Ve­ne­zo­la­ner ei­ne Wahl.

Die Wahlf­ar­ce sorgt für Re­si­gna­ti­on bei je­nen Ve­ne­zo­la­nern, die ein an­de­res Ve­ne­zue­la wol­len: Laut Ro­tem Kreuz ha­ben in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren rund ei­ne Mil­li­on Men­schen das Land in Rich­tung Ko­lum­bi­en ver­las­sen, Ecua­dor und Pe­ru mel­den wei­te­re rund 250 000 ve­ne­zo­la­ni­sche Flücht­lin­ge.

FO­TO: AP

Auf der Flucht aus ei­nem de­so­la­ten Hei­mat­land: Ve­ne­zo­la­ner über­que­ren die Grenz­brü­cke zum Nach­bar­land Ko­lum­bi­en.

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