Brüs­sel ver­klagt Deutsch­land

Luft zu schmut­zig – Ent­schei­dung der EU-Kom­mis­si­on heizt die De­bat­te über Die­sel­fahr­zeu­ge wie­der an

Wolfsburger Allgemeine - - POLITIK - VON RAS­MUS BUCHSTEINER UND MARINA KORMBAKI

BER­LIN/BRÜS­SEL. Deutsch­land und fünf wei­te­re EU-Län­der wer­den von der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on we­gen zu schmut­zi­ger Luft vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof ver­klagt. Zu­dem wird die Bun­des­re­pu­blik we­gen zu zö­ger­li­cher Re­ak­ti­on auf den Die­selskan­dal bei Volks­wa­gen ab­ge­mahnt. Grund für die Kla­ge ist die Miss­ach­tung von EUG­renz­wer­ten für Stick­oxi­de, die be­reits seit 2010 ein­ge­hal­ten wer­den müss­ten. Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren sie je­doch noch im­mer in 66 deut­schen Städ­ten über­schrit­ten wor­den, in 20 Kom­mu­nen so­gar deut­lich.

EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la sag­te in Brüs­sel, die vor dem Ge­richts­hof an­ge­klag­ten Mit­glieds­staa­ten hät­ten in den zu­rück­lie­gen­den zehn Jah­ren ge­nü­gend „letz­te Chan­cen“er­hal­ten, um die Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern. „Ich bin über­zeugt, dass die heu­ti­ge Ent­schei­dung sehr viel schnel­ler zu Ver­bes­se­run­gen für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger füh­ren wird“, so Vel­la wei­ter. Die Bun­des­re­gie­rung re­agier­te zu­nächst zu­rück­hal­tend auf die Kla­ge der EUKom­mis­si­on.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) sag­te, die Re­gie­rung ha­be in „bei­spiel­lo­ser Wei­se“För­der­pro­gram­me auf­ge­legt. Die EU-Kom­mis­si­on ken­ne die­sen Weg. Es wer­de „sehr schnell“Fort­schrit­te ge­ben. Auch Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) wies die Er­mah­nun­gen der EU zu­rück.

Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze sag­te da­ge­gen, das Pro­blem wer­de sich nicht von selbst er­le­di­gen. „Wenn wir vor Ge­richt be­ste­hen wol­len, brau­chen wir grö­ße­re und schnel­le­re Fort­schrit­te, um die Luft sau­ber zu be­kom­men“, so die SPD-Po­li­ti­ke­rin. Die SPD be­kräf­tig­te ih­re For­de­rung nach tech­ni­schen Um­rüs­tun­gen, die Kanz­le­rin Mer­kel un­ver­än­dert skep­tisch be­ur­teilt.

„Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass am En­de all­ge­mei­ne Fahr­ver­bo­te für Die­sel­fahr­zeu­ge die ein­zi­ge Lö­sung sind, da­mit die Städ­te und Ge­mein­den in Deutsch­land die Grenz­wer­te zur Luf­t­rein­hal­tung ein­hal­ten kön­nen“, sag­te Sö­ren Bar­tol, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land (RND). „Ich er­war­te, dass die Au­to­mo­bil­her­stel­ler ih­re Blo­cka­de auf­ge­ben und end­lich mit der tech­ni­schen Nach­rüs­tung von Die­sel­fahr­zeu­gen be­gin­nen.“

Die Grü­nen lob­ten die Kla­geent­schei­dung. „Die EUG­renz­wer­te sind da­zu da, uns vor Luft­ver­schmut­zung zu schüt­zen – nicht, um sie zu igno­rie­ren“, sag­te An­na­le­na Ba­er­bock dem RND. „Die Bun­des­re­gie­rung hat da­für zu sor­gen, dass Recht ein­ge­hal­ten wird. Statt sich auf der Na­se rum­tan­zen zu las­sen, muss sie die Au­to­in­dus­trie an die Kan­da­re neh­men“, for­der­te sie. „Es braucht kurz­fris­tig Nach­rüs­tun­gen der ma­ni­pu­lier­ten Die­sel – und zwar auf Kos­ten der Kon­zer­ne.“

Die Kom­mu­nen for­der­ten da­ge­gen Fi­nanz­hil­fen der EU. „In den Ge­richts­sä­len wird uns die Schad­stoff­re­du­zie­rung nicht ge­lin­gen. Sinn­voll wä­re hin­ge­gen, die Pro­ble­me kon­struk­tiv zu lö­sen“, sag­te Gerd Lands­berg, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des. „Die EU-Kom­mis­si­on könn­te et­wa ei­ne deut­li­che Aus­wei­tung der EU-För­der­pro­gram­me vor­schla­gen, um ei­ne wirk­li­che Ver­kehrs­wen­de auf den Weg zu brin­gen und da­mit die Schad­stoff­re­du­zie­rung zu er­rei­chen.“

FO­TO: DPA

Letz­tes Mit­tel Fahr­ver­bot: Ham­burg be­rei­tet sich dar­auf vor, be­son­ders be­las­te­te Stra­ßen für Die­sel­fahr­zeu­ge zu sper­ren.

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