„Schlech­ter De­al“? Streit um Mau­t­aus­fäl­le be­en­det

Bund ver­zich­tet auf mehr als 6 Mil­li­ar­den Eu­ro sei­ner For­de­run­gen

Wolfsburger Allgemeine - - WIRTSCHAFT - VON THO­MAS WÜP­PER

BER­LIN. Sol­che gro­ßen, ge­heim­nis­vol­len Schieds­ver­fah­ren gab es in der deut­schen Wirt­schafts­ge­schich­te noch nie. Der Streit zwi­schen der Bun­des­re­gie­rung und Toll Collect mit den Haupt­eig­nern Daim­ler und Deut­sche Te­le­kom ist oh­ne Bei­spiel. Es geht um die Mil­li­ar­den­aus­fäl­le bei der Ein­füh­rung der Last­wa­gen­maut, die An­fang 2005 erst mit 16 Mo­na­ten Ver­spä­tung star­ten konn­te, weil Toll Collect die Ver­trags­ter­mi­ne nicht ein­hielt.

Die Maut soll­te für die da­ma­li­ge rot-grü­ne Re­gie­rung un­ter Kanz­ler Ger­hard Schrö­der (SPD) ein Mus­ter­bei­spiel für die Er­le­di­gung staat­li­cher Auf­ga­ben durch pri­va­te Un­ter­neh­men sein. Doch die erst ge­fei­er­te Part­ner­schaft lan­de­te schon 2004 vor ei­nem pri­va­ten Schieds­ge­richt. Ein or­dent­li­ches Ge­richt durf­te der Bund nicht an­ru­fen, ob­wohl es um sehr viel Steu­er­geld ging.

Die Sch­lich­tung hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ist nur ei­ne von vie­len Klau­seln im Ge­heim­ver­trag mit Toll Collect, den der da­ma­li­ge Ver­kehrs­mi­nis­ter Kurt Bo­de­wig (SPD) 2002 schloss. Das zwei Jah­re spä­ter vom Bund be­an­trag­te Ver­fah­ren be­schäf­tig­te auch al­le sei­ne Nach­fol­ger bis zum ak­tu­el­len Res­sort­chef Andre­as Scheu­er (CSU), der nun ei­nen Ver­gleich mit den Kon­zer­nen ver­ein­bar­te und das als „his­to­ri­schen Durch­bruch“fei­ert.

Die Grü­nen da­ge­gen be­fürch­ten ei­nen „schlech­ten De­al“für die Steu­er­zah­ler. Scheu­er ha­be sich über den Tisch zie­hen las­sen, kri­ti­siert der Fi­nanz­ex­per­te der Par­tei, Chris­ti­an Kind­ler. Der Bund er­hal­te nur ei­nen Bruch­teil sei­ner For­de­run­gen.

Tat­säch­lich wuch­sen die Sum­men, die bei­de Sei­ten vor dem Schieds­ge­richt for­der­ten, in schwin­del­er­re­gen­de Hö­hen. Der Bund soll am En­de sa­gen­haf­te 9,5 Mil­li­ar­den Eu­ro Scha­dens­er­satz von Daim­ler Fi­nan­ci­al Ser­vices und der Deut­schen Te­le­kom ver­langt ha­ben. Die Un­ter­neh­men woll­ten an­geb­lich 4,9 Mil­li­ar­den Eu­ro, un­ter an­de­rem weil die Re­gie- rung die Ver­gü­tun­gen von Toll Collect schon vor Jah­ren ge­kürzt hat.

Ge­mes­sen an die­sen Zah­len sieht der jet­zi­ge Ver­gleich über 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro für den Bund nicht so toll aus. Dem­nach zah­len Daim­ler und die Te­le­kom nur ei­nen Bar­be­trag von 1,1 Mil­li­ar­den Eu­ro. Wei­te­re 1,136 Mil­li­ar­den Eu­ro hat der Bund schon durch die Kür­zung der Ver­gü­tung er­hal­ten. Hin­zu kom­men un­ter an­de­rem knapp 647 Mil­lio­nen Eu­ro Zin­sen und 175 Mil­lio­nen Eu­ro Ver­trags­stra­fen.

Da­mit ver­zich­tet die Re­gie­rung auf 6,3 Mil­li­ar­den Eu­ro und er­hält ge­ra­de mal ein Drit­tel der vor dem Schieds­ge­richt gel­tend ge­mach­ten For­de­run­gen.

Scheu­er hin­ge­gen be­tont, er ha­be „die Ver­hand­lun­gen zur Chef­sa­che ge­macht, weil ich kei­nen Streit für die Ewig­keit woll­te, son­dern ei­ne Ei­ni­gung mit An­stand und ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt“. Man ha­be „die best­mög­li­che Lö­sung für den Steu­er­zah­ler er­reicht – mit ei­nem für bei­de Sei­ten fai­ren Ver­gleich“.

FO­TO: DPA

Maut­brü­cke über ei­ner Au­to­bahn: Das tech­nisch kom­pli­zier­te Sys­tem konn­te erst 16 Mo­na­te spä­ter als ver­ein­bart los­le­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.