Bun­des­po­li­zei ge­rät un­ter Druck

An­walts­ver­ein sieht Rechts­ver­let­zung bei der Über­stel­lung des mut­maß­li­chen Mör­ders Ali B. aus dem Irak

Wolfsburger Allgemeine - - POLITIK - VON JÖRG KÖP­KE

BER­LIN. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag wur­den die In­nen­mi­nis­ter der Län­der Zeu­gen ei­nes un­ge­wöhn­li­chen An­rufs. Eleo­no­re Pe­ter­mann, Spre­che­rin von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU), un­ter­brach ge­gen 11 Uhr die In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Qued­lin­burg und reich­te ih­rem Chef das Han­dy. Es sei drin­gend, sag­te sie. Am an­de­ren En­de der Lei­tung war­te­te Bun­des­po­li­zei­prä­si­dent Die­ter Ro­mann. Die Lei­tung war schlecht.

Um 13 Uhr in­for­mier­te See­ho­fer die Pres­se über den In­halt des Ge­sprächs. In der Nacht hät­ten kur­di­sche Si­cher­heits­kräf­te im Nord­irak den ge­such­ten Ali B. fest­ge­setzt, der be­schul­digt wird, der Tä­ter im Mord­fall Su­san­na zu sein und der sich vor knapp zwei Wo­chen aus der Main­zer Flücht­lings­un­ter­kunft ins nord­ira­ki­sche Er­bil ab­ge­setzt hat­te. Die Bun­des­po­li­zei hat­te die kur­di­schen Kol­le­gen um Fahn­dungs­hil­fe ge­be­ten.

Am Sonn­abend­nach­mit­tag um 15.21 Uhr Orts­zeit nahm Ro­mann per­sön­lich in Er­bil mit GSG-9-Spe­zi­al­kräf­ten und so­ge­nann­ten Sky-Mar­shalls Ali B. an Bord ei­ner Luft­han­sa-Ma­schi­ne in Emp­fang, um ihn zu­rück nach Deutsch­land zu be­glei­ten.

Ro­mann ver­tei­dig­te sein Vor­ge­hen ges­tern vor dem In­nen­aus­schuss des Bun­des­ta­ges. Sei­ne Ver­si­on: Al­les war recht­mä­ßig. Es ha­be sich um ei­ne Ab­schie­bung der au­to­no­men Re­gi­on Kur­dis­tan-Irak ge­han­delt. Er ha­be den Flug­ha­fen in Er­bil nicht ver­las­sen, es sei „kein Aus­lands­ein­satz“ge­we­sen. Wäh­rend vie­le Ro­mann für sei­ne un­or­tho­do­xe Ak­ti­on fei­ern, tau­chen im­mer mehr Zwei­fel auf: Durf­te der Bun­des­po­li­zei­chef das? Wann ge­nau wur­de See­ho­fer in­for­miert? Vor al­lem aber: Ge­fähr­det die spek­ta­ku­lä­re Rück­füh­rung am En­de so­gar das Ver­fah­ren ge­gen Ali B., weil sie so gar nicht hät­te statt­fin­den dür­fen?

Ges­tern Mit­tag, Bun­des­pres­se­kon­fe­renz: See­ho­fers Spre­che­rin Eleo­no­re Pe­ter­mann ge­rät in Er­klä­rungs­not. Am Diens­tag muss­te sie ein­räu­men, fal­sche An­ga­ben ge­macht zu ha­ben. Bis da­hin hat­te sie be­haup­tet, Ro­mann ha­be oh­ne je­des Wis­sen des Mi­nis­ters agiert. Dass sie jetzt zu­ge­ben muss­te, Ro­mann ha­be See­ho­fer „aus Er­bil an­ge­ru­fen und über die be­vor­ste­hen­de Über­stel­lung in­for­miert“, setzt sie mas­siv un­ter Druck. Hin­zu kommt ei­ne Straf­an­zei­ge. Der Karls­ru­her Straf­ver­tei­di­ger Da­ni­el Strap­ke er­hebt den Vor­wurf, Ro­mann sei „aus ei­ge­nem An­trieb und oh­ne rich­ter­li­che Ent­schei­dung“vor­ge­gan­gen. Es be­ste­he der „Ver­dacht der Frei­heits­be­rau­bung“, sag­te Strap­ke dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land (RND).

Die ira­ki­sche Zen­tral­re­gie­rung hat Pro­test bei der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­legt. Es ge­be kein Ab­kom­men über ei­ne Aus­lie­fe­rung von ge­such­ten Per­so­nen. Pe­ter­mann ver­such­te, ei­ne ju­ris­ti­sche Brü­cke zu bau­en. Sie sprach von „prä­ven­ti­ven Maß­nah­men zur Si­che­rung der Luft­si­cher­heit“. Jür­gen Mö­thrath, Prä­si­dent des Deut­schen Straf­ver­tei­di­ger­ver­ban­des, sieht Ro­mann an­ge­schla­gen. „Es gab kei­ne Rechts­grund­la­ge, kei­nen in­ter­na­tio­na­len Haft­be­fehl“, sag­te Mö­thrath dem RND. Die Er­klä­run­gen der Bun­des­re­gie­rung be­zeich­ne­te er als „Un­sinn“. „Wenn Ro­mann ei­gen­mäch­tig vor­ge­gan­gen ist, hat er sich der Frei­heits­be­rau­bung schul­dig ge­macht. Dar­auf ste­hen bis zu fünf Jah­re Frei­heits­stra­fe. Ro­mann wird dann kaum im Amt zu hal­ten sein.“

FO­TO: IMA­GO

Il­le­ga­le Ak­ti­on? Po­li­zis­ten füh­ren am Sonn­tag Su­san­nas mut­maß­li­chen Mör­der ab.

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