Die Tüft­ler

Der ei­ne ist vor dem Der­by Ta­bel­len­füh­rer, der an­de­re ab­ge­stürz­ter Vi­ze­meis­ter: Was BVB-Trai­ner Lu­ci­en Fav­re und Schal­ke-Coach Do­me­ni­co Te­des­co ver­bin­det

Wolfsburger Allgemeine - - SPORT - VON HEI­KO OSTENDORP

GELSENKIRCHEN. Wer schon mal das Ver­gnü­gen ei­ner län­ge­ren Un­ter­hal­tung mit Lu­ci­en Fav­re hat­te, der be­kommt schnell ei­ne Ah­nung da­von, war­um sie den Schwei­zer in der Hei­mat re­spekt­voll „Wun­der­trai­ner“nen­nen. Nach 90 in­ten­si­ven Mi­nu­ten über­wiegt bei ei­nem selbst plötz­lich das Ge­fühl, man ha­be nie zu­vor auch nur an­satz­wei­se ei­nen Plan von Fuß­ball ge­habt.

Fav­re er­klärt ei­nem die tak­ti­schen Sys­te­me, die ihn ge­prägt ha­ben. 1993 durf­te er für 15 Ta­ge beim gro­ßen Jo­han Cruyff in Bar­ce­lo­na hos­pi­tie­ren. Ihn be­ein­druck­ten das fla­che Kurz­pass­spiel, die ge­dul­di­gen Kom­bi­na­tio­nen mit dem plötz­li­chen, aber töd­li­chen Pass in die Spit­ze. Dann schwärmt Fav­re vom FC Lori­ent un­ter Chris­ti­an Gour­cuff und vom FC Ar­senal un­ter Ar­sè­ne Wen­ger. Auch bei die­sen schau­te er vor­bei – und sich ei­ni­ges ab.

Plötz­lich nimmt Fav­re ei­nen Zet­tel und ei­nen Stift und krit­zelt Pfei­le und Krei­se auf ein Blatt Pa­pier. So wie er es auch wäh­rend der Un­ter­bre­chun­gen am Spiel­feld­rand macht. Notizen und Hie­ro­gly­phen, die man nur ver­steht, wenn er sie er­klärt. Gern schließt er sei­ne Aus­füh­run­gen mit fol­gen­dem Zi­tat: „Das gan­ze Le­ben wird im­mer schnel­ler. Das In­ter­net, die Flug­zeu­ge, die Zü­ge – auch der Fuß­ball. Es ist schwie­rig.“

Doch wer Fav­res Mann­schaf­ten – wie ak­tu­ell Bo­rus­sia Dort­mund – spie­len sieht, der denkt, ge­nau das Ge­gen­teil sei der Fall. Al­les wirkt leicht, spie­le­risch, un­be­schwert. Vor dem Re­vier­der­by in der Fuß­ball-Bun­des­li­ga heu­te beim FC Schal­ke 04 (15.30 Uhr, Sky) hat der Ta­bel­len­füh­rer BVB 19 Zäh­ler mehr auf dem Kon­to als der Erz­ri­va­le und Vi­ze­meis­ter – nach erst 13 Spiel­ta­gen.

Seit Fav­re die Schwar­zGel­ben im Som­mer über­nahm, ist sei­ne Mann­schaft in der Bun­des­li­ga un­ge­schla­gen: zehn Sie­ge, drei Unent- schie­den – bei ei­ner Tor­dif­fe­renz von 37:13. „Lu­ci­en ist der­je­ni­ge, dem das Lob für un­se­ren bis­lang äu­ßerst er­folg­rei­chen Fuß­ball ge­hört“, schwärmt Sport­di­rek­tor Micha­el Zorc. „Er hat ei­nen kla­ren Plan, ei­ne fes­te Grund­ord­nung, kla­re Hand­lungs­an­wei­sun­gen für die Spie­ler und den Mut, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die in der Öf­fent­lich­keit nicht im­mer auf Zu­stim­mung tref­fen.“

Mu­tig war auch sein Ge­gen­über, Do­me­ni­co Te­des­co, als er die „Kö­nigs­blau­en“An­fang der ver­gan­ge­nen Sai­son über­nahm. Er ra­sier­te Ka­pi­tän und Pu­bli­kums­lieb­ling Benedikt Höwedes, krem­pel­te den Ver­ein um – und führ­te Schal­ke zwar mit nicht im­mer at­trak­ti­vem, aber er­geb­nis­ori­en­tier­tem Fuß­ball bis auf Platz zwei. Ei­ni­ges er­in­ner­te an Fav­res ers­te Hand­lun­gen, wenn er ei­nen an­ge­schla­ge­nen Klub über­nahm: Auch Te­des­co sta­bi­li­sier­te zu­nächst die De­fen­si­ve, schuf ein so­li­des Fun­da­ment. Er ver­ord­ne­te sei­nem Team Pres­sing und schaff­te es, sei­ne Spie­ler auch emo­tio­nal mit auf den Weg zu neh­men.

Der nächs­te Schritt ist Te­des­co al­ler­dings noch nicht ge­lun­gen. Seit Som­mer woll­te er weg vom Mau­er- und Kon­ter­fuß­ball. Hin zu mehr Spiel­kon­trol­le und Ball­be­sitz, zu mehr Tor­ge­fahr und At­trak­ti­vi­tät. Doch wäh­rend es ein Ge­nuss ist, dem BVB mit sei­ner Ra­ke­ten-Of­fen­si­ve zu­zu­schau­en, ist Schal­kes Spiel nicht wirk­lich schön – und der­zeit vor al­lem auch nicht mehr er­folg­reich. Es macht den Ein­druck, dass Lapt­op­trai­ner Te­des­co, der sei­nen Trai­ner­lehr­gang mit der No­te 1,0 ab­schloss, ir­gend­wie der Plan B aus­ge­gan­gen ist.

Da­bei gilt er wie Fav­re als Tak­tik­fuchs, der sei­ner Mann­schaft auch wäh­rend des Spiels ein neu­es Sys­tem über­stül­pen kann. Das zeig­te er in der letz­ten Sai­son aus­ge­rech­net beim Der­by, sei­nem bis­he­ri­gen Hö­he­punkt als Trai­ner. Im No­vem­ber 2017 lag „Kö­nigs­blau“in Dort­mund zur Halb­zeit mit 0:4 hin­ten. Nach ei­ner be­we­gen­den Ka­bi­nen­an­spra­che, bei der Teds­co auf die Knie ging, um ihr mehr Nach­druck zu ver­lei­hen, fei­er­te Schal­ke ei­nes der gran­dio­ses­ten Come­backs der Bun­des­li­ga-Ge­schich­te und er­ziel­te in der 94. Mi­nu­te das 4:4.

Was sich die bei­den Trai­ner­tüft­ler Fav­re und Te­des­co vor dem Der­by aus­den­ken? „Wir ha­ben das rich­tig gut vor­be­rei­tet“, sagt Fav­re vor dem „Spe­zi­al­spiel“, wie er es nennt. Te­des­co trickst schon vor dem Der­by. Ges­tern gab es un­ver­hofft ein öf­fent­li­ches Trai­ning. „Es ist si­cher kein Zu­fall“, sagt der Schal­ke-Trai­ner. Eher ei­ne zu­sätz­li­che Mo­ti­va­ti­on für sei­ne Pro­fis.

FO­TO: JAN HUEBNER/IMAGO

In der Schweiz nen­nen sie ihn „Wun­der­trai­ner“: Dort­munds Lu­ci­en Fav­re.

FO­TO: RE­NE SCHULZ/IMAGO

Nach der Vi­ze­meis­ter­schaft auf der Su­che nach Plan B: Schal­kes Do­me­ni­co Te­des­co.

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