Die töd­li­che La­wi­nen­ge­fahr

Trotz Not­fall­aus­rüs­tung ster­ben drei Deut­sche auf ab­ge­sperr­ter Pis­te – 1300 Ein­woh­ner sit­zen fest

Wolfsburger Allgemeine - - PANORAMA - VON MAT­THI­AS RÖ­DER

WI­EN. La­wi­nen­ge­fahr! Bloß nicht die Pis­ten ver­las­sen! Doch al­le War­nun­gen ver­hal­len un­ge­hört. Vier Freun­de wol­len ei­ne der steils­ten Ab­fahr­ten der Welt be­zwin­gen. Ge­wal­ti­ge Schnee­men­gen und La­wi­nen­ge­fahr schre­cken sie nicht ab – und auch wenn sie ei­ne kom­plet­te Not­fall­aus­rüs­tung da­bei­hat­ten, wa­ren sie doch oh­ne Chan­ce.

Drei Ski­fah­rer aus Süd­deutsch­land sind im ös­ter­rei­chi­schen Lech un­ter ei­ner La­wi­ne ums Le­ben ge­kom­men. Wie die Be­hör­den am Sonn­tag be­rich­te­ten, wur­de ein Mann der vier­köp­fi­gen Grup­pe noch ver­misst. Die vier be­freun­de­ten Ski­fah­rer wa­ren am Sonn­abend den An­ga­ben zu­fol­ge auf ei­ner ge­sperr­ten Ski­rou­te un­ter­wegs. Am Abend wur­den sie als ver­misst ge­mel­det. Laut Po­li­zei fan­den die Ret­ter die Lei­chen von drei Män­nern aus dem Raum Bi­be­rach in Ober­schwa­ben im Al­ter von 32, 36 und 57 Jah­ren kurz vor Mit­ter­nacht. Die noch ver­miss­te Per­son ist 28 Jah­re alt und eben­falls aus Süd­deutsch­land.

Als am Sonn­abend­abend die Frau ei­nes Ski­fah­rers ei­ne Ver­miss­ten­an­zei­ge auf­gab, ge­lang es den Hel­fern schnell, die Grup­pe mit­tels Han­dy­or­tung zu lo­ka­li­sie­ren. Ei­ne Ret­tungs­mann­schaft stieg so­fort auf. Drei Ski­fah­rer wur­den laut Po­li­zei ge­gen 23 Uhr ge­fun­den. Sie wie­sen Ver­let­zun­gen auf so­wie Er­sti­ckungs­merk­ma­le. Die Win­ter­sport­ler hat­ten die ge­sam­te Not­fall­aus­rüs­tung da­bei. Trotz aus­ge­lös­ter Air­bags wur­den sie ver­schüt­tet.

Die Su­che nach dem vier­ten Ver­schüt­te­ten muss­te we­gen gro­ßer La­wi­nen­ge­fahr ab­ge­bro­chen wer­den. Es war un­si­cher, ob sie an­ge­sichts des neu­en Schnee­falls zeit­nah wie­der auf­ge­nom­men wird. „Es ist zu fra­gen, ob die Su­che we­gen der gro­ßen La­wi­nen­ge­fahr zu ver­ant­wor­ten ist“, so der Spre­cher. Die vier Freun­de hat­ten ei­nen Ta­ges­aus­flug zum Ski­fah­ren nach Lech un­ter­nom­men.

Trotz der höchst bri­san­ten Si­tua­ti­on ab­seits der Pis­ten ver­las­sen nach Be­ob­ach­tung von Lechs Bür­ger­meis­ter Lud­wig Mu­xel im­mer wie­der Ski­fah­rer den ge­si­cher­ten Ski­raum. „Sie ha­ben bes­te Aus­rüs­tung, aber das ist oft trü­ge­risch“, sag­te Mu­xel am Sonn­tag. Er ap­pel­lier­te drin­gend an al­le, die Pis­ten nicht zu ver­las­sen. Die Re­gi­on um den Arl­berg ist vor al­lem bei am­bi­tio­nier­ten Ski­fah­rern be­liebt. Dort liegt stel­len­wei­se mehr als drei Me­ter hoch Schnee. An­ge­sichts der Ver­hält­nis­se wa­ren laut Web­site der Arl­ber­ger Berg­bah­nen am Sonn­tag nur 108 der ins­ge­samt mehr als 300 Pis­ten­ki­lo­me­ter of­fen. Rund die Hälf­te der Lif­te stand dort still. Die be­kann­ten Ski­or­te Lech und Zürs wa­ren am Sonn­tag we­gen der Sper­rung der Zu­fahrt­stras­sen nicht mehr er­reich­bar. Am Sonn­abend herrsch­te in Lech ober­halb von 2000 Me­tern La­wi­nen­warn­stu­fe drei auf der fünf­tei­li­gen Ska­la. We­gen weiterer Schnee­fäl­le wur­de die La­wi­nen­warn­stu­fe am Arl­berg in­zwi­schen auf die zweit­höchs­te Stu­fe an­ge­ho­ben. Ver­brei­tet wird bis zum Di­ens­tag in Hoch­la­gen mit ei­nem Me­ter Neu­schnee und mehr ge­rech­net.

In Deutschland sa­ßen un­ter­des­sen nach ei­nem La­wi­nen­ab­gang auf ei­ne Kreis­stra­ße am Sonn­tag rund 1300 Ein­woh­ner und Tou­ris­ten in dem Win­ter­sport­ort Bal­der­schwang im All­gäu fest. „Der Ried­berg­pass ist vor­sorg­lich ge­sperrt, weil auch hier La­wi­nen­ge­fahr herrscht“, sag­te ein Po­li­zei­spre­cher. Da­mit ist die ein­zi­ge Ver­bin­dung von deut­scher Sei­te aus zum be­lieb­ten Tou­ris­mus­ziel blo­ckiert. Zu­vor war auf ös­ter­rei­chi­scher Sei­te bei Hit­ti­sau ei­ne La­wi­ne ab­ge­gan­gen. Ver­letz­te hat­te es da­bei nicht ge­ge­ben.

Die Ver­sor­gung für die in rund 1000 Me­ter Hö­he lie­gen­de Ge­mein­de ist vor­erst ge­si­chert. Die Strom­lei­tun­gen sind in­takt. „Ei­ne Eva­ku­ie­rung ist der­zeit nicht ge­plant“, hieß es. Das Ski­ge­biet Gras­geh­ren wur­de je­doch ge­räumt, 40 Men­schen wur­den hier­bei in Si­cher­heit ge­bracht. Die Kreis­stra­ße aus Ös­ter­reich nach Bal­der­schwang wird laut Po­li­zei­an­ga­ben von Sonn­tag noch bis ein­schließ­lich Mon­tag ge­sperrt blei­ben.

Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CSU) hat den vom Schnee­cha­os be­trof­fe­nen Land­krei­sen in Bayern wei­ter Hil­fe zu­ge­si­chert. Im Land­kreis Berch­tes­ga­den herrscht nach ta­ge­lan­gem Schnee­fall Ka­ta­stro­phen­alarm. „Die Bun­des­wehr bleibt so lan­ge, wie sie ge­braucht wird“, sag­te die Mi­nis­te­rin bei ih­rem Be­such in Berch­tes­ga­den. Dut­zen­de Sol­da­ten hel­fen beim Frei­schau­feln von Haus­dä­chern. Der­zeit hel­fen rund 400 Sol­da­ten al­lein im Raum Berch­tes­ga­den. Au­ßer­dem sind Hun­der­te Hel­fer von THW, Feuerwehr und an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen im Ein­satz. Der Ort war seit ei­ner Wo­che kaum noch zu er­rei­chen.

Das Schnee­cha­os in den Baye­ri­schen Al­pen dau­ert an. Seit der Nacht zu Sonn­tag schnei­te es in den Ka­ta­stro­phen­re­gio­nen im Sü­den des Frei­staa­tes wei­ter. Bei Plus­gra­den be­gann es am Mor­gen zu­dem man­cher­orts zu tau­en. Da­durch könn­te der Schnee nass und schwer wer­den – ei­ne zu­sätz­li­che Be­las­tung für die Haus­dä­cher.

FO­TO: DPA

In Ös­ter­reich ist die Bun­des­feu­er­wehr übe­r­all im Ein­satz – so wie hier im ver­schnei­ten Leo­ben. In den Nord­al­pen ist die La­wi­nen­ge­fahr im­mer noch sehr groß.

FO­TO: MAT­THI­AS BALK/DPA

Mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en macht sich ein Bild von der La­ge in Bayern.

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