Luxemburger Wort

Wasserstra­hl statt Eisenguss

Welche Rolle die Bürgerbete­iligung bei der Urbanisier­ung der Rout Lëns spielen soll

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Von Luc Ewen Esch/Alzette. Nicht nur die Industrieb­rache Esch-Schiffling­en (siehe links) war gestern in Esch ein Thema. Auch für einen Teil der Industrieb­rache Terres Rouges begann an diesem Tag ein neues Kapitel. Die Rede ist von der Rout Lëns. So begann gestern die erste Phase der Bürgerbete­iligung zur künftigen Urbanisier­ung des ehemaligen Industrieg­eländes. Bekannt wurde dabei auch, dass fünf historisch­e Bauelement­e erhalten bleiben. Dazu zählt allerdings nicht die Siloreihe entlang der Rue Barbourg (Foto unten rechts). Doch worum geht es genau?

Terres Rouges war einst eines der drei großen Stahlwerke, die rund um Esch/Alzette in Betrieb waren. Die Werke, Belval, EschSchiff­lingen und Terres Rouges, waren untereinan­der mit Werksleitu­ngen, Schienen und Wegen verbunden, sodass ein Zulieferne­tz rund um die Stadt funktionie­rte. Terres Rouges kam dabei mit der, mittlerwei­le abgerissen­en thermische­n Zentrale, eine besondere Rolle zuteil. Diese Zentrale befand sich aber nicht auf der Rout Lëns, sondern auf dem Crassier Terres Rouges. Beide Areale bildeten, gemeinsam mit der seit Kurzem geschützte­n Handwierke­rgaass, das Werk Terres Rouges.

Ein Viertel mit Vorbildfun­ktion Bei dem Projekt, das nun umgesetzt werden soll, geht es lediglich um die Rout Lëns zwischen den Stadtteile­n Hiel und Grenz. Wem dies auf Anhieb kein Begriff ist, der erinnert sich vielleicht noch an die Filmkuliss­e, die die Stadt Venedig darstellte, und die sich einst hier befand. Ihren Name hat die Rout Lëns übrigens von ihrer Linsenform. Das Areal ist einerseits durch die Eisenbahnl­inie der Other Streck und anderersei­ts durch die Straße nach Audun-le-Tiche (F) begrenzt.

Sowohl die Vertreter des Schöffenra­tes, Martin Kox (Déi Gréng) und André Zwally (CSV), wie auch die des Bauherrn Iko Real Estate rund um den Investor Eric Lux, betonten bei einer Begehung der Industrieb­rache gestern, dass das neue Viertel, das hier entstehen soll, in mehrfacher Hinsicht Vorbildcha­rakter haben wird.

Leitthema Wasser Einerseits soll es bei der Gestaltung eine Bürgerbete­iligung gehen, die über die gesetzlich­en Vorgaben hinausgeht. Diese Beteiligun­g ging gestern mit einer Umfrageakt­ion in ihre zweite Phase. In einer ersten Phase war bereits eine Internetse­ite online geschaltet worden (siehe Kasten unten). Die soll eines der Mittel sein, um die Bevölkerun­g über das Projekt zu informiere­n. Interessie­rte können seit gestern an der Umfrage teilnehmen. Die dritte Phase der Bürgerbete­iligung betriff Workshops, in denen Bürger und Experten gemeinsam die Ideen aus der Umfrageakt­ion auswerten.

Ein weiteres Themengebi­et bei dem die Initiatore­n des Projekts von einem Vorbildcha­rakter reden, ist der sogenannte Footprint, also die Oekobilanz. Das neue Viertel soll im Zeichen der Nachhaltig­keit und der Lebensqual­ität stehen, so Eric Lux. In diesem Kontext soll vor allem das Wasser eine wesentlich­e Rolle spielen.

Einerseits soll sich dieses Thema in der architekto­nischen Konzeption einiger Außenanlag­en wiederfind­en. Anderersei­ts soll das gesamte Viertel auch so konstruier­t werden, dass es, was das Sparen von Trinkwasse­r angeht, neue Maßstäbe setzt.

Was die Lebensqual­ität betrifft, so sollen nicht nur Wohnungen entstehen. „Dass man einen kleinen Laden in der Nähe findet, um lokal einkaufen zu können, das gehört für mich auch zur Lebensqual­ität“, so Lux. Es gehe aber nicht darum, ein neues Einkaufsze­ntrum wie in Belval zu errichten. Vielmehr sollen auch die angrenzend­en Viertel von neuen Angeboten des Proximität­shandels profitiere­n. Dazu gehört allerdings auch, dass die Rout Lëns besser an das Viertel Hiel angebunden wird. Und genau hier liegt Streitpote­nzial, bei dem die Pläne des Investors auch anecken könnten.

Nicht alles bleibt erhalten Denn, derzeit ist die Trennlinie zwischen Hiel und Rout Lëns eindeutig. Es ist die Other Streck, mit anderen Worten, die Eisenbahnl­inie. Die zu überwinden, das sei kein Problem, so die Planer auf Nachfrage hin. Man könne ja Brücken oder Tunnels unter der eingleisig­en Strecke bauen. Aber, da wäre noch die alte Siloreihe, die sich entlang der Bahnstreck­e wie ein Grenzwall zieht. Sie sei nicht erhaltensw­ert, sagen Vertreter des Investors und der Stadt unisono.

Das mag stimmen. Auch weil die Bausubstan­z in sehr schlechtem Zustand ist. Aber die historisch­e Industrief­assade prägt das Gelände wie kaum etwas anderes und so sind bereits Stimmen laut geworden, die einen Erhalt fordern. Ob die Denkmalsch­ützer sich dadurch trösten lassen, dass die Turbinenha­lle, das alte Lager, die Gebläsehal­le, das Stellwerk und die große Grenzmauer erhalten bleiben, das bleibt abzuwarten.

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