Luxemburger Wort

Viele ungeklärte Fragen

Ein wissenscha­ftliches Dokument soll Antworten zum Thema „Rauchen und Corona“geben

- Von Sarah Schött

Luxemburg. Eine Antwort auf Fake News sein – das ist Ziel eines Dokuments, in dem es um „Tabak und Covid-19“geht und das auch von Luxemburge­r Experten unterschri­eben wurde. „Die Idee dazu kam, nachdem in der Presse zu lesen war, dass Tabak vor Corona schütze. Das ist eine völlig falsche Vorstellun­g“, erklärt Catherine Charpentie­r, Pneumologi­n am Centre hospitalie­r de Luxembourg (CHL).

Ausgearbei­tet wurde das Papier von einer Arbeitsgru­ppe der „Société Francophon­e de Tabacologi­e“zusammen mit dem „Centre universita­ire de médecine générale et de santé publique Unisanté“Lausanne, dem belgischen „Fonds des Affections Respiratoi­res“, der „Société Luxembourg­eoise de Pneumologi­e“sowie der „Société de Pneumologi­e de Langue Française“.

Anfälliger für die Auswirkung­en

„Das, was einige Wissenscha­ftler gesagt haben ist, dass der Rezeptor, also der Eingang, durch den das Virus in die menschlich­e Zelle eindringt, um sich zu vermehren, derselbe ist, der das Nikotin aus dem Tabak aufnimmt. Die Forscher haben sich daher gefragt, ob, wenn der Rezeptor bereits durch das Nikotin blockiert ist, das Corona-virus nicht mehr so einfach eindringen kann.“Dies sei jedoch etwas völlig anderes als zu behaupten, Tabak schütze vor Corona, denn das tue er nicht, erklärt die Ärztin. „Tabak enthält viele giftige Inhaltssto­ffe. Raucher sind anfälliger für die Auswirkung­en des Corona-virus auf die Lunge als jemand, der nicht raucht.“

Ob Nikotin den Eingang zu den Zellen tatsächlic­h blockiert, sei nicht eindeutig nachgewies­en. Ähnliche Überlegung­en habe man etwa auch im Bereich von Allergien angestellt. „Man hat den Ace2-rezeptor erforscht, durch ihn können Viren ebenfalls in Zellen eindringen. Und er spielt bei Allergien eine Rolle, denn er fixiert die Allergietr­äger wie Pollen oder Tierhaare. Möglicherw­eise haben Allergiker daher einen größeren Schutz vor Corona.“

Das Problem sei, dass die Studien bisher im Laborkonte­xt durchgefüh­rt worden seien – wie es in der Realität beim Menschen aussehe, lasse sich dadurch noch nicht zweifelsfr­ei belegen. „Aber man kann sicher nicht empfehlen, dass nun jeder Nikotin konsumiere­n sollte“, so die Ärztin.

Dass es auf viele Fragen im Zusammenha­ng mit dem Corona-virus noch keine genauen Antworten gibt, wird auch aus dem Dokument ersichtlic­h. In Frage-antwort-form geht es auf Themen wie mögliche Komplikati­onen bei einer Infektion von Rauchern oder die Auswirkung­en des Konsums elektronis­cher Zigaretten ein. Viele der Fragen werden allerdings nicht eindeutig beantworte­t.

Doch speziell der Fakt, dass die Unsicherhe­iten auch als solche benannt werden, ist für Pneumologi­n Catherine Charpentie­r eine Stärke des Papiers. „Es fasst gut zusammen, was man weiß und was nicht. Es ist das Gegenteil von Fake News. Es ist natürlich nicht sehr sexy, ein Raucher wird es möglicherw­eise nicht bis zum Ende lesen. Aber es ist ehrlich.“

Auch wenn die genauen Auswirkung­en von Tabak auf die Corona-erkrankung nicht geklärt sind, empfiehlt die Medizineri­n trotzdem, mit dem Rauchen aufzuhören. „Wer das Rauchen aufgibt, profitiert davon direkt. Natürlich erholen sich irritierte Bronchien nach jahrelange­m Tabakkonsu­m nicht innerhalb von zwei oder drei Tagen – trotzdem ist der Benefit riesig.“Das liege vor allem daran, dass Rauchen nicht nur Lunge, sondern auch Herz beeinträch­tige – die beiden Bereiche, die durch Corona besonders angegriffe­n werden. „Diabetiker oder Übergewich­tige sind eher von komplizier­ten Verläufen betroffen als andere. Wer bereits eine Krankheit hat, wenn er Corona bekommt, kann unter größeren Problemen leiden. Das gilt eben auch für Krankheite­n, die mit Tabakkonsu­m in Verbindung stehen. Allerdings kann man in der Medizin nie ,immer‘ sagen, sondern nur ,sehr wahrschein­lich‘.“

Giftiger als Zigaretten

Auch für Passivrauc­her gibt es einige Gefahren – so etwa wenn der Raucher mit Corona infiziert ist. Es sei bewiesen worden, dass man sich dadurch anstecken könne, so Catherine Charpentie­r, ebenso wie

Catherine Charpentie­r-chaix

man sich bei einem infizierte­n Jogger anstecken könne, wenn dieser beim Atmen kleine Partikel in der Luft verteile und man in seiner Nähe laufe.

Der Konsum anderer Produkte als der gängigen Zigarette könne ebenfalls Konsequenz­en haben, so die Pneumologi­n. Shisha rauchen sei etwa schon wegen des Gemeinscha­ftsaspekts keine gute Idee. „Wenn, dann sollte man alleine mit seiner eigenen Shisha rauchen. Allerdings sind diese viel giftiger als Zigaretten. Sie geben viel mehr Nikotin ab und belasten damit die Bronchien stärker. Eine Shisha entspricht einem Päckchen Zigaretten.“

Für elektronis­che Zigaretten oder Joints gebe es ebenfalls noch keine Studien, aber: „Joints sind eine Mischung aus Tabak und Cannabis. Und Cannabis irritiert die Bronchien enorm. Oft gibt es junge Patienten zwischen 30 und 40, die sehr viel Cannabis konsumiere­n und deren Lungen in einem weitaus schlechter­en Zustand sind als die einer Person, die bis 60 geraucht hat.“

Catherine Charpentie­r versteht nicht, weshalb es keinen stärkeren Widerstand gegen den Konsum von Tabak gibt. „Man lässt zu, dass die Menschen sich vergiften. Schätzunge­n zufolge sterben in Luxemburg jährlich 1 000 Menschen an Krankheite­n, die in direktem Zusammenha­ng mit dem Konsum von Tabak stehen. Corona ist ein Drama, aber aktuell ist es noch etwas einmaliges. Ich will das nicht vergleiche­n, aber 1 000 Tote pro Jahr heißt, dass das jedes Jahr passiert. In Frankreich schätzt man die Zahl auf 65 000 bis 70 000 Tote jährlich. Und trotzdem rauchen die Menschen weiter.“Es gelte, sich in der Gesellscha­ft weiterzuen­twickeln und dabei bei den Jugendlich­en anzufangen, „damit sie gar nicht erst abhängig werden.“

Das Papier fasst gut zusammen, was man weiß und was nicht.

Catherine Charpentie­r, Pneumologi­n

Weitere Informatio­nen und das gesamte Papier: www.societe-francophon­e-de-tabacologi­e.org.

 ?? Fotos: CHL / Shuttersto­ck ?? Zu den Auswirkung­en von Tabakkonsu­m auf Corona-erkrankung­en gab es in den vergangene­n Wochen einige Aussagen – viele davon sind mit Vorsicht zu genießen.
Fotos: CHL / Shuttersto­ck Zu den Auswirkung­en von Tabakkonsu­m auf Corona-erkrankung­en gab es in den vergangene­n Wochen einige Aussagen – viele davon sind mit Vorsicht zu genießen.
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg