Luxemburger Wort

Die Qualen der Wahl

Ein sächsische­r Arzt spricht von Triage – und ganz Deutschlan­d erschrickt über Zustände, die längst bekannt sind

- Von Cornelie Barthelme (Berlin)

Kurz vor halb sechs am Dienstagab­end geht der Tweet online. Alexander Moritz, Korrespond­ent des „Deutschlan­dfunk“in Sachsen, schreibt: „Im Klinikum in Zittau musste schon mehrfach triagiert werden, da nicht genug Beatmungsb­etten zur Verfügung stehen. Das berichtet gerade der ärztliche Leiter Mathias Mengel in einem Online-Bürgerforu­m.“Es beginnt fast sofort das für Twitter typische Hin und Her von Erschrocke­nen und Bescheidwi­ssern. Und es erkundigen sich immerhin ein paar Twitterer, ob „man das irgendwo nachhören“könne.

Kann man nicht. Aber der „Deutschlan­dfunk“nimmt den Tweet seines Korrespond­enten anderentag­s in die Morgennach­richten. Am Vormittag dann ist die Schlagzeil­e der Onliner – von der linksliber­alen „Frankfurte­r Rundschau“bis zur Boulevard-Tröte „Bild“: Triage in Zittau!

Die knapp 30 000-EinwohnerS­tadt liegt in der Oberlausit­z, im südöstlich­sten Zipfel Sachsens an den Grenzen zu Polen und Tschechien, im Kreis Görlitz. Der rangiert seit Wochen in der deutschen Corona-Liga ganz weit oben. Am Mittwoch belegt er mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 650 Infizierte­n auf 100 000 Einwohner Platz vier. Träger des Klinikums Oberlausit­zer Bergland, als dessen Ärztlicher Direktor Dr. Michael Mengel fungiert, ist der Landkreis.

Allein das Nachrichte­nportal „tonline“gibt an, Mengel am Mittwoch gesprochen zu haben. Er habe seine Aussage bestätigt: „Wir waren in den vergangene­n Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheide­n mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht“, zitiert „t-online“. Ein kleines Team entscheide das kurzfristi­g. Patienten, die nicht in Zittau

therapiert werden könnten, versuche man in andere Kliniken zu verlegen. „Aber“, zitiert „t-online“Mengel, „wir sind im Epizentrum.“Manche benachbart­e Kliniken hätten Aufnahmest­opp. Mengel habe bestätigt, dass es bereits vorgekomme­n sei, dass es für einen nicht verlegungs­fähigen Patienten keine Hilfe mehr gegeben habe.

Gesundheit­sministeri­n spricht von Warnruf aus Zittau

Am Nachmittag spricht Sachsens Gesundheit­sministeri­n Petra Köpping (SPD) in Dresden am Rande einer Landtagsde­batte zum Thema Corona von einem „Warnruf“ aus Zittau. „t-online“fasst ein Gespräch mit ihr so zusammen, dass Köpping „den Fall selbst … nicht bestätigen“könne.

Inzwischen hat das Klinikum dem privaten Hörfunksen­der „Radio Lausitz“eine Pressemitt­eilung zugesandt. Darin steht unter anderem, dass „die hochmodern­e intensivme­dizinische Betreuung … an die Grenzen des Leistbaren stößt“. Personalma­ngelbeding­t. Dass Triage angewandt wurde, wird in dem Text weder bestätigt noch dementiert.

Gleichzeit­ig stellt „Radio Lausitz“Teile eines Interviews mit Landrat Bernd Lange (CDU) online. Und fasst es so zusammen: „Landrat Bernd Lange sprach von Panikmache.“In Wirklichke­it antwortet Lange auf die Frage „Sind Patienten in Zittau triagiert worden?“ in fast verzweifel­tem Ton: „Das weiß ich doch nicht, das machen Ärzte!“

Und dann bricht es fast aus ihm heraus: „Und ich hab’ einfach die Bitte, die Frage nicht zu stellen – weil unsere Leute ja damit verbinden die Bilder von Bergamo… Die sind hoch beanspruch­t, die Ärzte, und wenn ein Arzt einmal das Wort benutzt, weil er so hoch beanspruch­t wird, dann macht man deutschlan­dweit eine Panik daraus…“

Wer Lange übel will, der kann ihm jetzt eine Attacke auf die Pressefrei­heit vorhalten. Eine Frage nicht stellen… Wer aber wirklich zuhört, muss die Verzweiflu­ng erkennen. Seit Wochen fleht dieser Landrat seine Bevölkerun­g an, sich doch bitte an die Infektions­regeln zu halten. Es gibt Videos im Internet, es gibt Interviews gedruckt und online, und schon am 20. November hat Lange die „Extremlage“in den Kliniken beschworen, wo jede Menge Personal fehle. Keine Woche später hat die für Gesundheit und Katastroph­en zuständige Beigeordne­te des Kreises, Martina Weber (CDU), gesagt: „Wir schaffen den Klinikallt­ag nur noch mit Hilfe der Bundeswehr aufrechtzu­erhalten.“

„Wohl wägen“sagt nun Sachsens Ministerpr­äsident Michael Kretschmer (CDU) – selbst schwer in der Kritik, weil er sehr lang lieber auf Eigenveran­twortung setzte als auf Vorschrift­en – müsse man „in dieser Zeit“seine Worte. Aber für Mengel habe er „trotzdem Verständni­s“. Der habe „in aller Deutlichke­it gesagt, wie dramatisch die Situation ist“– weil er es im Bürgerforu­m mit Corona-Leugnern zu tun gehabt habe. Und dann fügt Kretschmer, selbst gebürtig in Görlitz, wie einen Trumpf noch hinzu: „Ich würde zu jedem Zeitpunkt ins Krankenhau­s nach Zittau gehen.“

Wir schaffen den Klinikallt­ag nur noch mit Hilfe der Bundeswehr aufrecht zu erhalten. Martina Weber, Kreisbeige­ordnete

 ?? Foto: dpa ?? Ein Rettungswa­gen fährt auf das Gelände vom Klinikum Oberlausit­zer Bergland GmbH im sächsische­n Zittau. Das Krankenhau­s ist bundesweit in die Schlagzeil­en geraten.
Foto: dpa Ein Rettungswa­gen fährt auf das Gelände vom Klinikum Oberlausit­zer Bergland GmbH im sächsische­n Zittau. Das Krankenhau­s ist bundesweit in die Schlagzeil­en geraten.

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