Luxemburger Wort

Jeder zehnte Spanier hat sich angesteckt

Eine groß angelegte Antikörper­studie zeigt, dass noch immer längst nicht alle Corona-Infizierte­n vom Gesundheit­ssystem erfasst werden

- Von Martin Dahms (Madrid)

„Wir können uns nicht entspannen“, sagte gestern Premier Pedro Sánchez vor dem spanischen Parlament. „Wir können in unserer Wachsamkei­t nicht nachlassen. Wir stehen vor unserer letzten Anstrengun­g.“Und die könnte einschließ­en, dass die Einschränk­ungen der Bewegungsf­reiheit zu Weihnachte­n doch noch etwas schärfer ausfallen als gedacht.

Die Ankündigun­g ist eine kleine Enttäuschu­ng. Die Neuinfekti­onszahlen waren von Anfang November bis Anfang Dezember deutlich gefallen, und zum ersten Mal in dieser Corona-Krise gehört Spanien gerade zu den europäisch­en Ländern mit einer vergleichs­weise niedrigen 14-TagesInzid­enz: Nach der europäisch­en Seuchensch­utzbehörde ECDC lag der spanische Wert der Neuinfekti­onen auf 100 000 Einwohner am

Montag bei 218 – deutlich niedriger als in Deutschlan­d (341) oder Luxemburg (1 189).

Anstieg auf den Balearen

Seit vergangene­m Freitag allerdings registrier­t das spanische Gesundheit­sministeri­um wieder steigende Zahlen fast im ganzen Land. Bemerkensw­ert ist vor allem der Anstieg der Fallzahlen auf den Balearen, die stets zu den eher gering betroffene­n Regionen Spaniens

gehörten und die Statistik nun auf einmal anführen. Die Regionalre­gierung hat die Ausgangsbe­schränkung­en auf Mallorca deswegen gerade für die kommenden Wochen verschärft: Auch an Heiligaben­d wird eine Ausgangssp­erre ab 22 Uhr gelten. Die Mitternach­tsmessen müssen ausfallen.

Spanien hat allen Grund zur Vorsicht. Mit bisher knapp 1,8 Millionen vermeldete­n Corona-Fällen und gut 48 000 vermeldete­n Corona-Toten gehört Spanien zu den von dieser Epidemie besonders schlimm betroffene­n Ländern. Beide Zahlen unterschät­zen aber wahrschein­lich die Realität noch deutlich.

Am Dienstag gab die Regierung die vorläufige­n Ergebnisse einer nationalen Antikörper­studie aus der zweiten Novemberhä­lfte mit mehr als 50 000 Teilnehmer­n bekannt. Danach haben sich bisher 9,9 Prozent aller Einwohner Spaniens

mit dem Corona-Virus infiziert. Wenn diese Hochrechnu­ng stimmt, dann hätten sich nicht 1,8 Millionen, sondern 4,65 Millionen Spanier angesteckt. Die Diskrepanz ist nicht überrasche­nd und dürfte in höherem oder geringerem Ausmaß auch für andere Länder gelten.

Vor allem während der ersten Welle im Frühjahr fehlten die Kapazitäte­n, um alle Verdachtsf­älle zu entdecken und zu testen. Aber auch während der zweiten Welle wurden nach der jüngsten Studie nur rund 60 Prozent aller CoronaInfe­ktionen diagnostiz­iert. Spanien ist es nicht gelungen, ein gut funktionie­rendes System der Nachverfol­gung der Infektions­ketten aufzubauen.

Es braucht präzisere Studien

Die Antikörper­studie legt nahe, dass sich im Verlaufe der zweiten Welle bis Ende November ungefähr ebenso viele Menschen mit dem Corona-Virus infiziert haben wie während der ersten Welle bis Ende Juni. Die gute Nachricht ist: Wahrschein­lich sind in den vergangene­n fünf Monaten weniger Covid-19-Patienten gestorben als in den dreieinhal­b Monaten der ersten Welle: damals gut 28 000, in der zweiten Welle etwa 20 000. Das sind die Zahlen der registrier­ten Corona-Toten,

Es dürfte allerdings beide Male in Wirklichke­it noch mehr Tote gegeben haben. Eine Studie der Polytechni­schen Universitä­t von Madrid schätzt die Gesamtzahl der Covid-19-Todesfälle, einschließ­lich der unentdeckt­en, bis Ende November auf knapp 67 000. Erst präzisere Studien im kommenden Jahr werden zeigen, ob sich die spanische Übersterbl­ichkeit deutlich vom Rest Europas und der Welt abhebt. Die Indizien sprechen im Moment dafür. Spanien hat keinen Grund, sich zu entspannen.

Wenn die Hochrechnu­ng stimmt, dann hätten sich nicht 1,8 Millionen, sondern 4,65 Millionen Spanier angesteckt.

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg