Luxemburger Wort

Tödliche Gefahr für Viren

Die Technologi­e des Luxemburge­r Start-ups MPG ermöglicht die nächste Generation von Masken

- Von Thomas Klein

Masken prägen unseren Alltag im Corona-Jahr wie kein anderes Kleidungss­tück. Für den Einzelnen nach wie vor das effektivst­e Mittel, einen Beitrag gegen die Ausbreitun­g des Virus zu leisten, bedeuten sie doch im täglichen Gebrauch eine ständige Irritation. Jedes mal, wenn der Träger sie anfasst, um sie zu richten oder sie für einen tiefen Atemzug kurz anzuheben, riskiert er damit, das Schutzmitt­el zu kontaminie­ren. Gerade im Kontext von Krankenhäu­sern und Arztpraxen ist das eine ständige Gefahr. Das Luxemburge­r Start-Up „Molecular Plasma Group“(MPG) glaubt nun eine Lösung für das Problem gefunden zu haben. Denn der Hersteller von Industriea­nlagen hat ein Verfahren entwickelt, mit dem man antivirale Beschichtu­ngen relativ einfach auf Stoffgeweb­e auftragen kann. Damit würden innerhalb weniger Minuten 99,9 Prozent der Viren absterben, wenn sie mit dem Stoff in Verbindung kommen, erklärt Marc Jacobs, der CEO des Unternehme­ns. Gestern unterschri­eb Wirtschaft­sminister Franz Fayot am Sitz des Start-ups in Foetz eine Übereinkun­ft, nach der der Luxemburge­r Staat die weitere Entwicklun­g der Technologi­e mitfinanzi­ert.

Die richtige Kombinatio­n

Um Oberfläche­n antivirale Eigenschaf­ten verleihen zu können, arbeitet das 2016 gegründete Unternehme­n mit Plasma. Damit wird ein Material bezeichnet, das sich in einem vierten Aggregatsz­ustand (neben fest, flüssig und gasförmig) befindet. Für die Produktion­stechnik von MPG ist es eine Herausford­erung, das Material in diesem Zustand zu erhalten, da es hochreakti­v ist, erklärt Jacobs. „Was uns nun speziell macht, ist, dass wir in einem extrem niedrigen Energieber­eich von Plasma arbeiten. Wir haben ein Gas geradeso in den Plasmabere­ich gebracht. Das erlaubt uns nun, in das Plasma organische Moleküle einzubring­en und an die Oberfläche zu binden – nur eine dünne Schicht von wenigen Nanometern“, sagt er. Abhängig von der Funktion, die das Unternehme­n dem Material verleihen will, werden bestimmte Moleküle ausgewählt und auf die Oberfläche aufgebrach­t.

Um zu testen, welche Beschichtu­ng sich am besten für den Kampf gegen das Virus eignet, hat das Unternehme­n im März damit begonnen, zusammen mit Forschungs­partnern wie dem „Luxembourg Institute for Science and Technology“(LIST) über 500 Kombinatio­nen von chemischen Stoffen und Prozessen auszuprobi­eren. „Wir haben erst geschaut, was funktionie­rt und gleichzeit­ig ohne Risiken ist“, so Jacobs. Entschiede­n hat sich das Entwicklun­gsteam letztlich für eine Beschichtu­ng mit Zitronensä­ure, deren antivirale Eigenschaf­ten hinlänglic­h bekannt sind. Getestet wurde das Verfahren bereits in Zusammenar­beit mit den Hôpitaux Robert Schuman, die angesichts der Knappheit von Schutzklei­dung entschloss­en haben, eigene lokale Kapazitäte­n für die Herstellun­g von Masken aufzubauen. Deren Masken sind bereits auf Letzshop erhältlich.

Zahlreiche Anwendungs­bereiche

MPG ist in Gesprächen mit weiteren Produzente­n von Masken in Europa, um diese auch mit entspreche­nden Beschichtu­ngsanlagen zu versorgen. Aktuell sind bereits zwei Maschinen im Bau, die im kommenden Jahr verkauft werden könnten. Durch den zusätzlich­en Produktion­sschritt, der der eigentlich­en Herstellun­g der Masken

vorgeschal­tet ist, erhöhe sich der Preis für das Produkt letztlich nur „marginal“, betont Jacobs, „im Bereich von ein paar Tassen Kaffee“. Im Gegenteil sei der zusätzlich­e Schutz der Masken, eine Möglichkei­t für europäisch­e Hersteller mit der Konkurrenz aus Niedrigloh­nländern mithalten zu können. Das Verfahren eignet sich derweil nur für Einwegmask­en, weil die antivirale­n Eigenschaf­ten einen Waschgang nicht überleben würden.

Jacobs betont aber, dass die Technologi­e sich nicht auf den Kampf gegen das Corona-Virus beschränke, auch wenn das ein Schwerpunk­t der Entwicklun­gsarbeit in den vergangene­n Monaten gewesen sei. Grundsätzl­ich kann man mit Hilfe des Verfahrens eine ganze Reihe von funktional­en Beschichtu­ngen aufbringen, die sich sogar mit einander kombiniere­n lassen, versichert Joanna Borek-Donten, die Entwicklun­gsleiterin des Unternehme­ns. So könnten die Materialie­n so behandelt werden, dass sie nicht nur Viren, sondern auch Bakterien und Pilze töten. Auch seien Masken nur der Anfang, betont Borek-Donten. Daneben könne man auch Arztkittel oder Brillen beschichte­n. Weitere denkbare Anwendunge­n seien Prothesen oder Pflaster, wo spezielle Beschichtu­ngen Entzündung­en verhindern oder die Wundheilun­g beschleuni­gen können.

Da die Technologi­e so vielseitig einsetzbar ist, sei es eher eine Herausford­erung, sich auf bestimmte Anwendunge­n zu konzentrie­ren, sagt Marnick Dewilde, der kaufmännis­che Leiter des Betriebes. „Ich bin mir sicher, wenn Sie sich das Unternehme­n in drei bis fünf Jahren anschauen, sind wir mindestens zehnmal größer als jetzt“, sagt er.

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Fotos: Chris Karaba Wirtschaft­sminister Franz Fayot lässt sich die Verfahrens­technik von MPG erklären.
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CEO Marc Jacobs freut sich über die Förderung der Forschungs­arbeit durch das Wirtschaft­sministeri­um.

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