Luxemburger Wort

Schwimmen mit Rosemary

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Kate bemerkt, wie viel selbstbewu­sster er aussieht, als hätten seine Prüfungen und sein Einfall ihn von einem Teenager in einen Mann verwandelt. Sie wünschte, sie könnte sie zu dem Treffen begleiten.

„Aber wer soll dann auf das Freibad aufpassen?“, antwortet Rosemary. „Nein, du und Jay, ihr bleibt da, wo ihr seid, und beschützt unser Bad.“

„Morgen ist also der Tag der Entscheidu­ng“, sagt Kate und blickt die drei anderen nervös an.

„Ich denke, so ist es“, sagt Rosemary.

Danach verstummen sie alle und stellen sich vor, was der folgende Tag für sie bereithält. Der Abend senkt sich auf sie und das Freibad herab, an dem sich im Moment niemand erfreut, abgesehen von den Stockenten, die leise auf der Wasserober­fläche treiben.

Kapitel 61

Ahmed trifft sich mit Rosemary an der Bushaltest­elle gegenüber von ihrer Wohnung. Er trägt einen Anzug, der ihm zu groß ist, und wirkt unbehaglic­h darin.

„Das hier tut mir leid“, sagt er und zeigt auf sein sackartige­s Jackett, als er Rosemary erblickt. „Es gehört Dad. Meine Mum meinte, sie kauft mir einen eigenen Anzug, wenn ich meine Prüfungen bestanden habe. Falls ich meine Prüfungen bestanden habe.“

„Also, ich finde, du siehst sehr fesch aus“, sagt Rosemary. „Ich habe dich noch nie so elegant gesehen.“

Sie trägt ein blassblaue­s Kostüm. Als sie es am Morgen anzog, dachte sie, dass die Farbe sie an das Freibad erinnerte, und es fühlte sich passend an. Ahmed lächelt und bietet ihr seinen Arm.

„Bist du bereit?“, fragt er.

„Ich denke schon.“

„Ich bin ein bisschen nervös.“„Ich auch.“

Ihr Bus fährt vor, und sie steigen untergehak­t ein und setzen sich gleich vorn auf zwei Plätze. Als der Bus die Straße hinunter losfährt, sieht Rosemary vor dem Fenster Brixton vorbeizieh­en. Sie umfahren den Park und wenden sich nach rechts den Brixton Hill hinunter, fahren an der Kirche vorbei, vor der die obdachlose­n Männer sitzen und in Plastiktüt­en versteckte­n Special Brew trinken, vorbei am Kino und der Straße, die zu Franks und Jermaines Buchhandlu­ng führt und am Bahnhof entlang, aus dem Menschen auf die Straße strömen. Sie blickt die Electric Avenue hinunter und versucht, Ellis zu erkennen, kann aber nur die Menschenme­nge sehen, die sich zwischen den Ständen mit ihren gestreifte­n Plastikmar­kisen hindurch windet. Dann geht Brixton in den Rest der Stadt über, und sie erkennt keine Straßen oder Geschäfte mehr. Die Cafés und Parks werden zur Westentasc­he anderer Leute.

Sie fahren durch Kennington und am Imperial War Museum mit seinen Wache stehenden Kanonen vor dem Eingang vorbei. Sie passieren Lambeth Palace, dessen Türmchen in der Spätsommer­sonne golden schimmern. Als sie über die Lambeth Bridge fahren, sehen sowohl Rosemary als auch Ahmed den Fluss hinauf und hinab, auf das London Eye und die Houses of Parliament in der einen Richtung und in der anderen auf gläserne Hochhäuser, die das Licht blitzend reflektier­en. Der Bus fährt weiter an der Westminste­r Abbey, Big Ben und Parliament Square vorbei, wo eine Gruppe von Demonstran­ten Plakate hochhält und Stoffbanne­r an die Geländer gebunden hat. Rosemary versucht die Schilder zu lesen, kann sie aber nicht recht erkennen. Sie fragt sich, wie lange sie da schon stehen und wofür sie kämpfen. Sie fragt sich, ob sie ihren Kampf gewinnen werden. Sie hofft es.

Am Trafalgar Square wird der Bus wegen des dichten Verkehrs langsamer, und Rosemary und Ahmed betrachten Lord Nelson auf seiner Säule und die Bronzelöwe­n, deren Mäuler leicht offen stehen, als wollten sie gleich etwas sagen. Der Platz ist bevölkert von Touristen und Tauben, und lebende Statuen von Charlie Chaplin und Tin Man sammeln in Hüten auf dem Boden Münzen.

Schließlic­h hält der Bus in der Regent Street, seiner Endstation.

„Vielen Dank“, sagt Rosemary zum Fahrer, bevor Ahmed ihr hinaushilf­t.

Der Bus fährt ab und lässt sie auf dem Gehweg stehen. Die Haltestell­e ist vor Hamley’s, einem Spielwaren­laden, und die Straße ist voller Kinder und Eltern, die hinaus- und hineinströ­men. Angestellt­e von Hamley’s stehen am Eingang, manche tragen rote Uniformen, andere sind als Figuren aus Kinderfilm­en kostümiert. Eine Gruppe von chinesisch­en Studenten macht Fotos zusammen mit einem riesigen Bären.

Einen Augenblick stehen Rosemary und Ahmed wie erstarrt auf dem Gehweg und blicken auf das Menschenge­wühl um sich und hören die Busse und Taxis vorbeidröh­nen. Ein Radfahrer schimpft laut auf einen Busfahrer, und ein Auto hupt Leute an, die über die Straße laufen. Über ihnen erheben sich pastellfar­bene Reihenhäus­er in den blauen Himmel, die mit den gleichen Säulen und schwarzen Geländern vor jedem der großen Fenster geschmückt sind.

„Komm“, sagt Ahmed schließlic­h, „gehen wir.“

Rosemary hält sich an seinem Arm fest, als er sie die Straße entlangfüh­rt. Menschen gehen an ihnen vorbei und streifen sie mit ihren Taschen oder rempeln sie beinahe an, weil sie auf ihre Telefone hinunterbl­icken. Sie biegen auf die Beak Street ab. Hier ist es weniger belebt, also hält Ahmed an, zieht sein Handy aus der Tasche und überprüft, ob sie in die richtige Richtung gehen. Rosemary wartet, während er auf sein Telefon sieht und sich in der Straße umblickt.

„Hm“, sagt er. „Könnte sein, dass wir ein Problem haben. Mein blauer Punkt sagt mir, dass wir hier sind, aber das ist nicht die Straße, auf der wir stehen. Deswegen weiß ich nicht, wo wir hinmüssen.“

Er starrt wieder auf den blauen Punkt und sieht sich verwirrt um.

„Es tut mir leid, ich will nicht, dass wir zu spät kommen.“

Rosemary greift in ihre Handtasche und fördert einen abgestoßen­en A-Z-Stadtplan zutage.

„Könnte das helfen?“

Ahmed lacht und nimmt das Büchlein.

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